Like Cattle Towards Glow

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Der US-Autor Dennis Cooper („Frisk“, „Dreier“) hat einen Ruf wie Donnerhall: Punk-Pate, Queercore-Ikone, „gefährlichster Schriftsteller der USA“. Jetzt hat er mit dem jungen Franzosen Zac Farley seinen ersten Film gedreht. In fünf abgeschlossenen Segmenten erzählt „Like Cattle Towards Glow“ von Liebe, Sex, Gewalt und Todessehnsucht – und allem, was dazwischen liegt. Das erinnert ein wenig an Larry Clark und Bruce LaBruce, ist aber von einer ganz eigenen, dunklen Poesie. Der Versuch der Annäherung an ein rätselhaftes Leuchten.

Foto: Edition Salzgeber

Die reflektierte Erektion

von André Wendler

Zwei Jungs treffen sich in einer Wohnung. Beide nicht älter als 25, einer dunkelhaarig, der andere mit platinblond gefärbten Haaren. Einer bekommt Geld dafür, dass er hier ist, der andere hat ihn bestellt. Seine Spezialität besteht darin, dass er sich tot stellen kann. „You will be impressed“, heißt es. Genau dafür hat der andere ihn herbestellt. Er hofft, durch dieses inszenierte Date mit einem falschen Toten seine gefühlte Schuld am Freitod eines Freundes abschütteln zu können. Ich sitze vor meinem Fernseher, betrachte das und verzweifle fast an der Frage, warum ich mir das ansehe. Ich komme mir selber vor wie Vieh, das von einem geheimnisvollen Leuchten angezogen wird und nicht mehr wegsehen kann. Like Cattle Towards Glow. Die Jungs sind schön, die Berührungen echt, ihre Nähe macht mich an. Während sie ihren seltsamen Sex miteinander haben, bekomme ich einen Ständer und zucke, als meine Hand wie automatisch in meine Hose greifen will. Ich kann aber nicht wichsen, während ich mir eine imaginierte Sexszene mit einem Toten ansehe.

Und es wird noch besser. Das nächste Segment des Films zeigt mir eine seltsame Vorstellung, bei der ein wiederum unfassbar schöner Junge in einer Art Bühnenperformance von seinen Vergewaltigungserfahrungen spricht, schreit, keucht und heult, während er (gespielt oder wirklich?) vergewaltigt wird. Oder so ähnlich. Ich kann nicht entziffern, was da genau passiert. Der Film verlässt diesen Weg nicht mehr. Fistfucking, Drogen, Todeswunsch, Vergewaltigung, Mord, Überwachung, emotionale Abhängigkeit sind die tonnenschweren Erzählfragmente der letzten drei Episoden des Films.

Nachdem der Film aus ist, bin ich erschöpft. Meine Augen tun mir weh von seinen immer etwas zu hell strahlenden Bildern. Ich habe so viele wunderschöne Menschen gesehen, dass ich kaum mehr weiß, wer in welcher Episode auftaucht. Ich weiß nicht, was er von mir will, und ich weiß nicht, was ich von ihm will. Mein Bedürfnis nach Reinigungsarbeit wird von den streng durchkomponierten, klaren und eigentlich gar nicht rätselhaften Bildern irgendwie nicht ernst genommen. Der Film belästigt mich. Ich glaube, er will genau das. Seine wenigen Elemente sind so planvoll nebeneinander gestellt, dass die Reibungen zwischen ihnen keine Zufälle sein können. Dieser Film verhandelt alle Dinge doppelt. Und deshalb kann es vor ihm auch keine einfache, unschuldige oder unreflektierte Erektion geben.

Man kann das gut an der ersten Episode und dem gespielten Sex mit einem Toten sehen: Schon zwischen den beiden Jungs geht es ausführlich um die Motive, Bedingungen und Qualitäten der bizarren Darstellung. Irgendwann wird das Ganze für mich als Zuschauer so unangenehm, dass ich mich nur noch durch das Wissen selbst schützen kann, dass das nur auf der Handlungsebene des Films passiert, dass die beiden Jungs eigentlich Schauspieler sind. Während das ganze Geschehen eine verstörend existentielle Dimension hat, wird diese durch diverse Ebenen des ‚als ob‘, des Spiels, der Darstellung gebrochen. Später im Film wird das noch stärker gemacht, wenn bewaffnete und maskierte AnarchistInnen im Kunstschnee einen Mord mit sehr viel Theaterblut begehen. Was aber genau findet in jenem Zentrum statt, um das der Film mit seinen existentiellen Inszenierungen tanzt?

Einen mittlerweile weit verbreiteten Ansatz, über Sexualität, Gewalt und Tod nachzudenken, bietet die Psychoanalyse an. Seit Freud ereignet sich unser Begehren auf einem abgründigen aber gut vermessenen Schauplatz aus frühkindlichen Bindungserfahrungen und dem Todestrieb als existentieller Kraft. Um Dingen wie Homosexualität, Masochismus oder Narzissmus habhaft zu werden, beschreibt Freud in Texten wie den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905) ideale Gründungsszenen: wie das Kind mit dem Vater um die Liebe der Mutter konkurriert, wie Homosexualität als nicht überwundener frühkindlicher Narzissmus gelten kann usw. Für seine Herleitungen greift er auf lang überlieferte Erzählungen zurück. Die bekannteste davon dürfte die Geschichte von Ödipus sein, den Freud in den Ödipuskomplex übersetzt. Medizinisch-therapeutisches Wissen und kulturhistorische Erzählung verdichten sich bei ihm so zu nahezu unauflösbaren Konstrukten. Es ist Freuds Verdienst, für bestimmte, mitunter verstörende Erscheinungen wie die sexuelle Lust am Schmerz eine Beschreibungssprache gefunden zu haben. Er selbst ist dabei relativ zurückhaltend, wenn es um die Frage geht, ob und inwiefern diese Phänomene abnorm oder pathologisch sind. Für die Homosexualität etwa hält er fest, dass sie unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen verfolgt wird, in einer anderen soziohistorischen Situation aber als ganz gewöhnlicher Fall betrachtet werden würde.

Foto: Edition Salzgeber

„Like Cattle Towards Glow“ kann als informierte Notwehr gegen Freuds umfassende Erzählungen verstanden werden, die zu dessen Zeit revolutionär waren, sich im Laufe von hundert Jahren aber zu populären Mythen abgeschliffen haben, die jede Küchenpsychologie mit Leichtigkeit mobilisieren kann. Der Film setzt dabei dreierlei voraus:

Erstens, dass wir in der Lage und willens sind, ihn als theoretisches Experiment zu akzeptieren. Wer diesen Film schaut und nicht nach zehn Minuten gleich wieder abschaltet, hat akzeptiert, dass Film noch etwas ganz anderes kann als nur Geschichten von Kreti und Pleti zu erzählen. Man muss sich darauf einlassen, dass die Experimente mit Theaterblut, mit einstudiertem Wahnsinn und vorgetäuschter Leichenstarre, mit Licht von rechts oder, wie im letzten Segment des Films, mehreren beweglichen Kameras nicht nur das Beiwerk schöner Erzählungen sind, sondern audiovisuelle These, die alle Aufmerksamkeit und alle Wertschätzung verdient.

Zweitens liegt dem Film die Erkenntnis zu Grunde, dass Erzählungen wie die der Psychoanalyse auch dann wirksam sind, wenn man sie nicht ganz ausdrücklich und aus erster Hand kennt. Es sind umfassende Erzählungen geworden, die tief in unsere Kultur eingeflossen sind und die, auch wenn sie nicht ‚objektiv richtig‘ sind oder waren, doch ihre Wirksamkeit entfaltet haben und in ganz unterschiedliche Praktiken eingesickert sind. Auch wer nicht auf der Couch liegt, ist in diesem Sinne der Methode der Psychoanalyse ausgesetzt.

Schließlich und drittens muss man an die Möglichkeit glauben, es könnte eine Welt geben, in der es so etwas wie radikale Einzelfälle gibt. Anders als eine Viehherde, die angezogen vom Leuchten durch die Felder stapft und gar nicht weiß, warum sie das tut, wäre die Welt der Einzelfälle eine Welt, in der Dinge geschehen, die keinem allgemeinen Verständnis, keinem Konsens und keinem Muster zugeführt werden können. Ich weiß bis heute nicht, was im zweiten Segment des Films eigentlich geschieht, und genau dieses Unverständnis, das die Einmaligkeit und Rätselhaftigkeit dieser Filmbilder akzeptiert, macht die radikale Kraft dieses höchst seltsamen Films aus.

In dieser imaginären Welt der Einzelfälle müssen Menschen nicht ihre Zugehörigkeit zu Gruppen wie ‚Männer‘, ‚Frauen‘, ‚Homosexuelle‘, ‚Europäer‘ usw. erklären. Dort handeln alle auf eigene Rechnung und repräsentieren kein großes Ganzes. Wie aber Zusammenhang zwischen den Einzelfällen hergestellt werden soll oder kann, wie Menschen sich in Freundschaft oder Gewalt begegnen, ist bis auf weiteres unbekannt. „Like Cattle Towards Glow“ ist eine queere Expedition in unbekanntes Territorium.


Interview mit Zac Farley & Dennis Cooper: „Porn and its Structure“ von Michael Salerno



Like Cattle Towards Glow
von Dennis Cooper & Zac Farley
DE/FR 2015, 93 Minuten, FSK 18,
englische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

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VoD: € 4,90 (Ausleihen) /€ 9,90 (Kaufen)


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