Die Wunde

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Queere Filme aus Afrika, wo Homosexualität noch immer in vielen Ländern tabuisiert, in einigen sogar unerbittlich verfolgt wird, sind selten. Selbst in Südafrika, das als eher progressiv gilt, wird außerhalb der großen Städte darüber nur selten offen gesprochen. John Trengove erzählt in seinem Debütfilm nicht nur von einer unterdrückten schwulen Liebe zwischen zwei erwachsenen Xhosa-Männern. Er bricht auch noch mit einem zweiten Tabu seines Heimatlandes, indem er die Geschichte von Xolani und Vija in das uralte Ukwaluka-Beschneidungsritual einbettet. Das Ritual, das die beiden als Mentoren betreuen, soll den rebellischen Stadtjungen Kwanda zum „richtigen“ Mann machen, tatsächlich bringt der aber Xolanis Selbstbild radikal ins Wanken. Auf die universelle Frage, wie man schwules Begehren in einer von maskulinen Rollenbildern dominierten Kultur leben kann, findet Trengove als Antwort packende und magisch berührende Bilder. Nachdem „Die Wunde“ bereits in Sundance und im Panorama der diesjährigen Berlinale gefeiert wurde, läuft er bei uns im August in der queerfilmnacht, bevor er am 14. September auch regulär im Kino startet.

Foto: Edition Salzgeber

Ritual und Begehren

von Esther Buss

„Der Junge ist zu weich“ sagt der Vater zu Beginn von „Die Wunde“ besorgt. Man hat diesen Satz vor nicht allzu langer Zeit ganz ähnlich in einem anderen kulturellen und filmischen Kontext gehört, in Barry Jenkins „Moonlight“ (2016). Und auch in einem weißen, europäischen Milieu, bei dem jungen französischen Autor Édouard Louis: „Sie wunderten sich Warum benimmt Eddy sich wie eine Tussi. Sie sagten Reg dich ab, muss das sein, dieses tuntige Gefuchtel“, heißt es in seinem autobiographischen Debütroman „Das Ende von Eddy“ (2014). Schuld in „Die Wunde“, dem ersten Langfilm des Südafrikaners John Trengove, ist natürlich die Mutter (sie hat den Jungen zu sehr verwöhnt). Der Vater glaubt zudem, hinter der Weichheit seines Sohns Kwanda – das Wort „schwul“ würde er vermutlich nie aussprechen – stecke ein Klassenproblem: „Irgendetwas stimmt nicht mit diesen reichen Jungs aus Johannisburg“.

Die kulturübergreifende Ausgangssituation – wie lässt sich Schwulsein in einer von maskulinen Rollenbildern beherrschten Kultur leben? – wird in Trengoves Film innerhalb eines sehr spezifischen, nach außen hin kaum zugänglichen kulturellen Mikrokosmos verhandelt. Dabei handelt es sich um ein traditionelles Beschneidungsritual, das unter den Xhosa in Südafrika noch immer weit verbreitet ist. Ukwaluka, so der Name, soll die „falschen“ weichen Anteile des Sohns korrigieren (die Initiation als „Austreibung“). Schauplatz ist eine entlegene Bergregion, man ist dort fern von den schädlichen urbanen Einflüssen, fern auch von den Frauen und ihren verweichlichenden Effekten – es ist eine reine Männerwelt, quer durch alle Generationen. Xolani – auch „X“ genannt – , ein in sich gekehrter, etwas trauriger junger Mann, der vor vielen Jahren selbst auf dem Berg initiiert wurde und seitdem jährlich zurückkehrt, um die neuen Anwärter zu begleiten, soll für Kwanda die Aufgabe eines Mentors übernehmen. Streng soll er sein. Dabei sieht es auch in ihm drinnen ganz soft aus. „Dir vertrauen sie die Weicheier an“ meint Vija, ein alter Freund und Objekt seines Begehrens, einmal spöttisch zu ihm. Der verheiratete Mann und Vater dreier Kinder ist die traditionelle Verkörperung von „black masculinity“: groß, durchtrainiert, cool und hart. Einer, der auch durch Sex mit Männern sein heterosexuelles Selbstbild nicht gefährdet sieht.

Foto: Edition Salzgeber

Das Messer fährt zwischen die gespreizten Beine der Noch-nicht-Männer. Nach dem Schnitt folgt die Aufforderung zum martialischen Geburtsschrei: „Ich bin ein Mann!“. Anschließend bleiben die Männer noch acht Tage auf dem Berg, es ist eine Zeit der rituellen Prüfungen und Aufgaben: Bäume fällen, Tiere töten, Schmerzen bezwingen. Der Schwanz muss verarztet, gepflegt werden, er wird zu einem Gegenstand von Fürsorge – und Distinktion. Unvermeidlich kommt es unter den Initiierten zu Schwanzvergleichen. „Sieh dir den an: Ein Schnitt wie ein Mercedes.“

Kwanda, der feminisierte Städter mit Iphone und adidas-Sneakers (die Insignien westlicher Dekadenz), bringt den sexuellen „Vertrag“ zwischen Xolani und Vija in eine gefährliche Kipplage. Natürlich erkennt er unmittelbar Xolanis schwules Begehren. Dieser wiederum wagt durch Kwandas Konfrontationen sich zunehmend zu seinen Wünschen zu bekennen: Küsse, Zärtlichkeiten, in eine Stadt ziehen, um dem Geliebten näher zu sein.

Foto: Edition Salzgeber

Dass John Trengove, der selbst schwul und weiß ist, mit seinem Film keine ausgesprochen politische bzw. ethnographische Agenda verfolgt, wird gleich in den ersten Szenen deutlich, in denen die bewegte Kamera Xolanis Bewegungen durch eine Lagerhalle folgt. „Die Wunde“ ist zu allererst ein Film über Männerkörper und ihr (verstecktes) Begehren. Ein Begehren, dem es nur momenthaft erlaubt ist sich zu äußern, und das sich deshalb andere, indirekte Wege suchen muss: verstohlene Blicke, maskuline Kameradschaftsrituale, ein vom Verdacht der Homosexualität entlasteter Raum des male bonding. Denn nahezu alles dreht sich in dieser abgeschlossenen Parallelwelt um den Männerkörper – und, im Speziellen: um den Schwanz. Am nächtlichen Lagerfeuer kommt es – nicht zuletzt unter dem Einfluss von hartem Alkohol – zur Artikulation übertriebener, zur Schau gestellter Männlichkeit: lautes Gegröle, kumpelhaftes Umarmen, spielerisches Ringen. Ein diffuser Bereich, in dem maskuline Aggression und Verlangen ineinanderfließen.

Foto: Edition Salzgeber

Der Film wiederum betrachtet das Begehren nicht aus der sicheren Distanz, er lässt sich von diesem affizieren, nimmt teil. So wird die scheinbar „dokumentarische“ Kamera mit ihren vorsichtig tastenden Bewegungen in den sexuellen Begegnungen von Xolani und Vija zu einem dritten Akteur. Oftmals entfaltet der Film seine Kraft aus dem nicht ganz Sichtbaren – etwa wenn sich die beiden Männer im dunklen Dämmerlicht begegnen und ihre Körper und Gesichter nur noch schemenhaft sichtbar sind. In anderen Momenten blickt die Kamera mit Xolani voller Sehnsucht auf den begehrten Mann, der sich noch im Moment größter Nähe sogleich wieder entzieht. Durch dessen Augen findet „Die Wunde“ auch zu Einstellungen, die sich ein Stück weit aus der Erzählung herauslösen und sich als „reine“ Männerporträts betrachten lassen. Einmal, Xolani und Vija haben gerade in einem abgelegenen Schuppen Sex gehabt, sitzt Vija mit angewinkeltem Bein im Fenster, erzählt und raucht. Der Raum verschwindet in einem dunklen Rechteck, das den Geliebten in seiner ganzen Schönheit – und in der Schönheit seiner souveränen Gesten – rahmt: Er wird buchstäblich zum Bild, ikonisch und nicht greifbar.

Foto: Edition Salzgeber

Vieles an Nähe, Annäherung und „Berührung“ spielt sich in „Die Wunde“ über Blickachsen ab. Zwischen Xolani und Vija, der mit einer eigenen kleinen Gruppe von Initiierten betraut ist, kommt es in den Wäldern immer wieder zu kurzen Begegnungen. Blicke suchen und treffen sich, weichen aus, wenden sich ab. Kwanda, der mit der selbstgerechten Überheblichkeit eines Außenstehenden auf das sexuelle Doppelleben der Männer schaut, schaltet sich in dieses duale Gefüge ein. Sein geheimes Wissen spielt er gegenüber Kwanda aus (wir sind hier schließlich nicht in Uganda oder Simbabwe!). Aber nicht nur in seiner Arroganz verbirgt sich Gewalt. Er zerstört ein schönes Bild: Vija und Xolani in eng umschlungener Umarmung, nackt, schlafend.




Die Wunde
von John Trengove
SA/DE/NL/FR 2016, 88 Minuten, FSK 16,
Xhosa mit deutschen UT,
Edition Salzgeber

Ab 14. September im Kino.

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