Der Ost-Komplex

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Stasi-Opfer, Schwul, Ostdeutsch, Über 40: Mario Rölligs Geschichte wird, je nach Kontext, mit jeweils anderen Schwerpunkten ins öffentliche Spiel gebracht. Jochen Hicks Annäherung rückt nichts zurecht und bringt keine falsche Ordnung in die Dynamik von Sich-Erzählen und Erzählt-Werden. Er zeigt vielmehr, zu welchen teils komischen, teils tragischen Effekten es führt, wenn Sender und Empfänger eines verfestigten Opferberichts unterschiedliche Agenden haben – und damit auch, wie verbissen die Diskurshoheit über die DDR-Geschichte immer noch verfolgt wird.

Foto: Basis Film

Ich als Beton

von Matthias Dell

Mario Rölligs Geschichte ist vielfach erzählt und mediatisiert. Sie kommt in der politischen Bildungsarbeit zum Einsatz, wenn sie vor Schulklassen und in Universitäten performt wird, und war, nur zum Beispiel, Teil eines Radio-Stadt-Sound-Projekts von Rimini Protokoll („50 Aktenkilometer“). Mario Rölligs Geschichte hat viele Zwecke: sie ist Geländer, Therapie, dient der Vermittlung, Aufklärung, man kann fast sagen: Rührung, sie ist ein Beweis, ein Mittel, noch mal fast: eine Waffe in der Auseinandersetzung, die über die Bewertung von deutscher Vergangenheit geführt wird. Und wenn man sagen sollte, aus welchem Material die Geschichte ist, dann käme einem Beton in den Sinn: Sie hat sich verfestigt, sie musste sich wahrscheinlich auch verfestigen.

Jochen Hicks‘ Dokumentarfilm „Der Ost-Komplex“ ist in diesem Sinne eine Art Materialprüfung, keine Abrissarbeit. Auch wenn der Film die Erzählung selbst fragmentiert, in lauter Schnipsel, Soundfetzen auflöst. Mario Röllig ist Stasi-Opfer. 1987 wurde der damals 20-Jährige beim Versuch, von Ungarn über Jugoslawien zum Geliebten in den Westen zu gelangen, festgenommen und ins Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen gesteckt. 1988 kam er nach West-Berlin frei, wo, eine erste Enttäuschung, der Geliebte ein Doppelleben mit Familie führte, und wo es Jahre nach dem Mauerfall zu einer Begegnung mit einem Stasi-Vernehmer aus der Haftzeit kam.

Es folgte ein Zusammenbruch, aus dem schließlich die Geschichte führt – der Stasi-Opfer-Bericht, mit dem Röllig heute als Zeitzeuge tourt, der vieles erst retrospektiv ordnet (die unpolitische Jugend), aber Halt gibt, weil alles, wieder und wieder erzählt, seinen Platz bekommt. Wenn Hicks diese Geschichte auf der Tonspur nun wieder deformatiert, mag darin auch der Überdruss desjenigen stecken, der sie zu häufig gehört hat; das dringende Bedürfnis, bei den immer gleichen Szenen zu skippen.

Foto: Basis Film

Keineswegs geht es in „Der Ost-Komplex“ darum, sich über den Erzähler Röllig zu erheben; es dürfte im Gegenteil relativ einzigartig sein, wie es dem Filmemacher gelingt, trotz der spürbaren Nähe zum Protagonisten nüchtern Abstand zu halten. Illustriert werden die Audio-Collagen mit BStU-Footage, das Repression und Überwachung vor Augen führt.

Röllig als Träger seiner Geschichte taucht in „Der Ost-Komplex“ in verschiedenen Zusammenhängen auf. Der Film rekontextualisiert den – nicht einlösbaren – Absolutheitsanspruch, mit dem die Zeitzeugen-Erzählung im Moment ihres Vorgetragenwerdens „DDR“ verdichtet. Das bedeutet die Begegnung mit allerlei merkwürdigen Figuren: Ein homophober westdeutscher CDU-Verband interessiert sich für die Geschichte nur zur ideologischen Selbstversicherung. Ein Kamerateam verlangt von Röllig in der Gedenkstätte in Hohenschönhausen schamlos billiges Reenactment fürs Bild. Die westdeutsche RBB-Gelfrisur Ingo Hoppe demonstriert einer Linken-Politikerin, die einst Stasi-IM war, vor einer Podiumsdiskussion seine gratis gewonnene Überlegenheit durch einen lausigen Witz. In den USA spielen Schüler Mauerfall, am Rande der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration kommt es zu kindischen, fast komischen Szenen. Vera Lengsfeld und Kurt Biedenkopf – der Zeitzeugentourismus, vom dem Röllig lebt, bedeutet einiges an Strapazen.

Foto: Basis Film

„Der Ost-Komplex“ portraitiert auf diese Weise einen Menschen, der hinter seiner Rolle als DDR-Erzähler verschwindet. Für die Person interessiert sich kaum einer, was zählt, ist die Geschichte, und wie die sich einsetzen lässt. Jochen Hicks hat nicht diese, Mario Rölligs Geschichte verfilmt, sondern ein kluges Making-of ihres Immer-wieder-erzählt-werdens gedreht. So ist ein Film entstanden, der den Umgang mit der DDR-Vergangenheit interessant perspektiviert: Zwar stabilisiert die eigene Geschichte das Leben von Mario Röllig, zugleich schneidet sie ihn ab – etwa von einem differenzierten-offenen Umgang, den der Röllig nicht unsympathische nachgeborene Linken-Politiker Klaus Lederer mit dem problematischen Erbe seiner Partei pflegt.



Der Ost-Komplex
von Jochen Hick
DE 2016, 90 Minuten,
deutsche OF

Aktuell hier im Kino zu sehen.

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