Zwischen Sommer und Herbst

Trailerqueerfilmnacht

Im Juli bringt die queerfilmnacht eine lesbische Romanze aus Deutschland auf die große Leinwand, genauer gesagt aus Ostwestfalen. Lena ist 17, gerade mit der Schule fertig und voller abenteuerlicher Zukunftspläne. Doch die geraten erst einmal gehörig durcheinander, als ihr eines Nachts am Familienkühlschrank Eva begegnet, die neue Freundin ihres Bruders Jonas. Regisseur Daniel Manns erzählt in „Zwischen Sommer und Herbst“ eine zarte, authentische Geschichte über das Erwachsenwerden und zwei junge Frauen, die erst die eigenen Unsicherheiten überwinden müssen, um als Paar eine Chance zu bekommen.

Foto: Edition Salzgeber

Unter Apfelbäumen

von Jessica Ellen

Ein Haus mit sommerlichem Garten, in idyllischer Landschaft gelegen. Ein Geschwisterpaar wie aus dem Bilderbuch, dazu ein jovialer Vater. Und die blonde Eva, Freundin des Bruders Jonas, twenty something. Vielleicht etwas Ernstes?! Worte fliegen hin und her wie Pingpongbälle über den reich gedeckten Frühstückstisch, leicht, schlagfertig pariert. Was sich liebt, das neckt sich.

Zuvor eine nächtliche Begegnung in der Küche. Die neue Freundin, die kommt jetzt öfters. Ist sie ein Eindringling ins festgefügte, harmonische Familienleben? Im Dunkel lauert die jüngere Schwester, Lena, auf der Anrichte hockend. Worte sprühen Funken. Ist da jemand eifersüchtig oder was passiert gerade? Spröde ist sie, diese Lena. Und klug, spricht vier Sprachen, lässt ihre Intelligenz aber nicht raushängen. Fast scheint sie ihr peinlich zu sein. Wirkt noch wie ein Teenager, aber hat Pläne. Sie will ein Praktikum in Argentinien machen und wird das auch durchziehen. Doch vorerst ist sie die kleine Schwester, die sich sinnlos betrinkt, um anzugeben, und vom Bruder ins Bett gebracht werden muss. Behutsam werden ihr die Schuhe ausgezogen.

Eva tut alles um Lenas Skepsis ihr gegenüber aufzuweichen. Sie übt mit ihr das Autofahren, stärkt Lenas Selbstvertrauen und lässt auch ein wenig von ihrer Geschichte hinter der coolen, selbstbewussten Fassade durchblicken. Mit der Zeit spürt Lena, dass es Eva nicht nur um ihren Bruder geht. Zwischen den jungen Frauen findet eine Annäherung statt. Dafür lässt sich der Film viel, aber nicht zu viel Zeit.

Erste Risse werden sichtbar, Jonas ist für Eva nicht so zuverlässig, wie er zunächst erscheint. Und dann küsst sie, von sich selbst überrascht, die verdutzte Lena, entschuldigt sich und lässt sie stehen. Die weiß nicht, wie ihr geschieht. Lena, die wohl schon ein Weilchen verliebt ist, steht unter Schock. Hin und her gerissen zwischen Anziehung und Abstoßung über Evas verletzende Flucht. Die Zeichen in diesem etwas anderen Dreieck stehen von jetzt an auf Sturm.

Foto: Edition Salzgeber

Wenn frau jetzt denkt, Lenas Problem hieße „wie sag ich‘s meinem Bruder“ wird bald erfahren, dass alles noch viel komplizierter ist, als ein simpler Loyalitätskonflikt. Eine Stärke von „Zwischen Sommer und Herbst“ besteht darin, dass der Film immer wieder mit unvorhersehbaren Wendungen überrascht.

Regisseur Daniel Manns konzentriert sich dabei beinahe kammerspielartig auf seine wenigen ProtagonistInnen, was dem Geschehen eine unaufgeregte Intensität verleiht. Als Variation des Coming-out- und Coming-of-Age-Genres ist die Geschichte nicht platt und oberflächlich erzählt. Die Dialoge sind von durchdachter Raffinesse, haben oft etwas Doppelbödiges, ergänzt durch kleine Gesten und Blicke, die etwas anderes mitteilen, was nicht oder nicht direkt gesagt werden kann.

Foto: Edition Salzgeber

Die SchauspielerInnen sind bis auf Lena-Darstellerin Linn Reusse („Die rote Zora“, 2008) weitgehend unbekannt. Alle eint eine authentische Ausstrahlung, die ihre Figuren sympathisch und deren Handlungen nachvollziehbar wirken lässt. Und das Drehbuch erlaubt ihnen bemerkenswerte Entwicklungen und Reifeprozesse. Herausgearbeitet ist besonders der Kontrast zwischen der heilen, warmen Familie, die Eva, aus ziemlich instabilen Verhältnissen kommend, anzieht, aber deren Angebot, ein Teil von ihr zu werden, sie dann doch ausschlägt. Und auch Lena muss erwachsen werden, und das kann sie nur, indem sie Bruder und Vater verlässt, um sich ein eigenes Leben aufzubauen. Sie wird nur noch Gast im Apfelparadies ihrer Kindheit mit den leckeren Nachtischen sein. Der Vogel muss flügge werden.

Foto: Edition Salzgeber

„Zwischen Sommer und Herbst“ positioniert dabei lesbisches Leben nicht als Gegensatz zur Heteronormativität, sondern zeigt unterschiedliche, familiäre Prägungen und die daraus entstandenen Bindungs- und Konflikt(un)fähigkeiten. Dennoch geht es auch hier, wenngleich viel subtiler und individualistischer, um Emanzipation. Die Lebens- und Berufswege der drei jungen Hauptfiguren sind noch nicht festgelegt. Eva ist keine gelangweilte oder gar unterdrückte Frau an der Seite eines Mannes, Noras Puppenheim ist weit weg. Und der Vater von Lena und Jonas ist so verständnis- und liebevoll, wie man es sich als Kind nur wünschen kann. „Zwischen Sommer und Herbst“ erzählt eine lesbische Liebesgeschichte in einer bürgerlich-liberalen, ländlich idyllischen Welt, in der Homosexualität nicht mehr unbedingt problematisiert werden muss. Soviel Utopie darf sein.




Zwischen Sommer und Herbst
von Daniel Manns
DE 2017, 96 Minuten,
deutsche OF,

Edition Salzgeber

Im Juli in der queerfilmnacht.

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