Rift

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Gunnar bekommt einen merkwürdigen Anruf von seinem Ex-Freund Einar, der total verängstigt klingt. Der sagt, dass er gerade in der Blockhütte seiner Familie in Rökkur sei, einer abgeschiedenen Region im Westen Islands, wo sie als Paar einst viel Zeit miteinander verbracht haben. Und er hat das Gefühl, dass irgendjemand oder –etwas bei ihm sei. Aus alter Verbundenheit reist Gunnar nach Rökkur, um Einar zu beruhigen. Dort angekommen, gleiten die beiden rasch in ihre alten Streitereien ab. Doch allmählich muss auch Gunnar erkennen, dass sie nicht alleine in der Hütte sind… Regisseur Erlingur Thoroddsen nutzt die gewaltigen Weiten und schroffen Landschaften seiner isländischen Heimat, um eine schauerliche Mischung aus Melodram und Horrorfilm zu entwerfen, die er bis zum schauerlichen Finale immer weiter verdichtet. Mit Found-Footage-Elementen, einer beunruhigenden Farbdramaturgie und eleganten Verweisen zu Genre-Klassikern wie „Wenn die Gondeln trauern tragen“ (1973) und „Blair Witch Project“ (1999) skizziert „Rift“ ein monströses Beziehungsdrama, bei dem man als Zuschauer_in nie weiß, was hinter der nächsten Felsspalte lauert.

Foto: Edition Salzgeber

Wenn die Fjorde Trauer tragen

von Rajko Burchardt

Ein Anruf reißt Gunnar aus dem Schlaf. Am Telefon ist Ex-Freund Einar und klingt verängstigt. Er habe das Gefühl, etwas oder jemand sei in der Dunkelheit bei ihm, sagt er. Besorgt fährt Gunnar zur Blockhütte von Einars Eltern, wo sie einst viel Zeit miteinander verbracht haben. Umgeben von scheinbar endloser Dürre, akzentuieren verfallene Häuser und ein gigantischer Grabenbruch die westisländische Region. Über die Lavafelder ziehen jetzt, an Weihnachten, die Winde. Diesem eigentümlichen Stimmungsbild verleihen sowohl Original- als auch internationaler Titel des Films einen mehrdeutigen Ausdruck: Unheilvoll erzählt „Rökkur“ (Abenddämmerung) alias „Rift“ (Spalte) von zerrissenen Verhältnissen und offenen Beziehungswunden – in Form eines queeren Melodrams, durch das sich Stück für Stück Horrorelemente graben.

Mit offenen Armen wird Gunnar im abgeschiedenen Haus nicht empfangen. Ob er angereist sei, um den Retter zu spielen, fragt Einar, der die rätselhafte Nachricht betrunken verfasst haben will. Das Wiedersehen der Männer ist angespannt, zwischen ihnen stehen die scheinbar unausgesprochenen Gründe der Trennung. Vor allem Einars Alkoholkonsum und erratisches Verhalten geben Hinweise auf vergangene Probleme, die sie in den nächsten Tagen einzuholen drohen. Anfangs scheinen die Rollen und Kräfteverhältnisse klar verteilt: Dem mittlerweile neu liierten Gunnar hat das Ende der Beziehung weniger zugesetzt als Einar, dessen Rückkehr zum Ort des Begehrens er als Hilferuf deutet. Bald schlagen kleinere Verstimmungen in handfeste Streitereien um. Doch als Gunnar nach Reykjavík zurückfahren will, kehrt er nach wenigen Kilometern wieder um. Etwas oder jemand hält ihn bei Einar. Etwas oder jemand in der Dunkelheit.

Foto: Edition Salzgeber

Zunehmend schreiben sich in die Bilder des Films Bedrohungen ein, die Regisseur Erlingur Thoroddsen weder konkretisiert, noch in reinen Affekten aufgelöst wissen möchte. Obwohl sie innere Zustände der Protagonisten abbilden, verzichtet er weitgehend auf vordergründige Metaphern. So spiegelt das Unerklärliche zwar die Annäherung der Protagonisten mit zunehmender Heftigkeit: Sich wie von Geisterhand bewegende Schaukeln und ein merkwürdiges Klopfen an der nicht schließen lassenden Haustür wirken wie Vorboten ein überirdischen Präsenz. Doch werden die Schrecken nicht plausibel gemacht, sondern bleiben unwägbar und meist ohne Gestalt. Der Horror des Films erwächst aus Ungewissheiten. Für Gänsehaut sorgen Spuren und Echos einer toxischen Beziehung, deren ungelöste Konflikte in schleierhafte Gefahren übergehen.

Durch diese schrittweise Verfestigung des Irrealen kommt es zu Verschiebungen in der Figurenkonstellation. Während Einar gelassen auf die seltsamen Vorkommnisse reagiert, bringen sie den kontrollierten Gunnar aus der Fassung. Eifersüchtig durchsucht er das Handy seines Ex-Freundes und beschimpft ihn als „Borderliner mit Aggressionsproblemen“. Der neuerliche Streit offenbart eine Seite von Gunnar, die dem Bild des stabilen Beschützers tiefe Risse zufügt. Mit Konfrontationspanik und Verschwiegenheit habe der Freund seinerseits zum Scheitern der Beziehung beigetragen, sagt Einar. Solche psychosozialen Dynamiken tragen entscheidend zur schauderhaften Atmosphäre bei. Ihren Höhepunkt erreichen sie ausgerechnet in einem Moment völliger Aufrichtigkeit zwischen den Figuren, als die sich von folgenschweren Jugenderlebnissen erzählen und näher kommen als je zuvor: Gunnar gesteht Einar, dass er als 17-jähriger vergewaltigt wurde.

Foto: Edition Salzgeber

Erstmals scheinen sich die Männer damit auf Augenhöhe zu begegnen. Ihre Berührungen sind zärtlich, der anschließende Sex unter strahlenden Polarlichtern versprüht eine nahezu unwirkliche Romantik. Als Gunnar kurz darauf erwacht, ist Einar verschwunden. Hinterlassen hat er beunruhigende Videoaufnahmen, die den Rätseln der Dunkelheit ein Gesicht verleihen. Wirkungsvoller als in dieser Szene hätte Erlingur Thoroddsen den einzigen klassischen Schreckmoment des Films kaum platzieren können. Auf den letzten Metern wandelt sich „Rift“ beinahe zum genregerechten Schocker. Er spielt mit der seit „Blair Witch Project“ (1999) fest im Horrorkino verankerten Found-Footage-Ästhetik und zitiert mehrfach „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973), Nicolas Roegs meisterliche Schauergeschichte über eine von traumatischen Erfahrungen geprägte Ehe. Auch Thoroddsen denkt Horror und Drama nicht als Gegensätze. Denn in Geisterfilmen liegen Kummer und Schrecken dicht beisammen.

Foto: Edition Salzgeber

Zugleich umschifft der Film die Genre-Klischees. Entlegene Holzhütten sind spätestens seit „Tanz der Teufel“ (1981) ein beliebter Spielort des Grauens, doch Thoroddsen verlagert das Geschehen wiederholt nach Draußen und findet beklemmende Bilder unter freiem Himmel. Vielleicht ist es im isländischen Kino unmöglich, die gewaltigen Landschaften des Inselstaats nicht auf eine bestimmte Art in die Erzählungen einzubinden. Vergangenes Jahr beeindruckte der queere Coming-of-Age-Film „Herzstein“ mit Aufnahmen isländischer Lebensräume, deren schroffe Schönheit entscheidend zur Erfahrungsrealität der jugendlichen Helden beitrug. In „Rift“ wird die Natur ebenfalls zu einem eigenen Protagonisten. Gunnar und Einar nehmen sie als Bedrängnis wahr und verleihen der gefahrvollen Peripherie lautmalerische Namen wie „Hungergrube“ oder „Feld des Verschwindens“. Der in Sichtweite zur Blockhütte gelegene Gletscher, sagt Einar, verfolge ihn, wo immer er hingehe.

Foto: Edition Salzgeber

Für Horrorfilme eröffnet diese Landschaftungewöhnliche Perspektiven. Statt enge Räume klaustrophobisch zu nutzen, sind Figuren der weiten Umgebung schutzlos ausgeliefert. Das erscheint hier umso gruseliger, weil sich über die genauen Hintergründe der vielen Trugbilder in „Rift“ nur spekulieren lässt. Thoroddsens Verharren im Irritationsmoment ist deshalb eine besondere Stärke des Films: Die unzuverlässige Handlungsführung zieht keine Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, der Schlussakt bleibt wunderbar uneindeutig. Darin liegt möglicherweise das neue Potential eines fantastischen Kinos, das nicht allein auf die Tradition queerer Lesarten angewiesen ist, sondern mittlerweile selbst Geschichten ohne heteronormative Beschränkungen erzählt. Es darf Ungewissheiten aushalten.




Rift
von Erlingur Thoroddsen
IS 2017, 101 Minuten, FSK 16,
isländische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)

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