Princess Cyd

Trailerqueerfilmnacht

Die 16-jährige Cyd besucht in den Sommerferien ihre Tante Ruth, eine bekannte Schriftstellerin, in Chicago. Während Cyd den ganzen Tag Fußball spielen und sich im Garten sonnen möchte, sitzt Ruth am liebsten hinterm Schreibtisch und arbeitet an ihren Texten. Auch beim Thema Liebe gehen die beiden andere Wege: Cyd erkundet gerade ihr sexuelles Begehren und verliebt sich in die smarte Kellnerin Katie; Ruth hingegen ist Langzeit-Single und hat scheinbar kein Bedürfnis, daran etwas zu ändern. Als Cyd ihre Tante aus der Liebesreserve locken will, erklärt Ruth ihr ein paar Dinge über das Glücklichsein. Mit feinem Gespür für kleine Gesten, Blicke und Zwischentöne porträtiert Regisseur Stephen Cone („Einen Freund zum Geburtstag“, 2015) zwei unterschiedliche Frauenfiguren, die nicht nur einen Schmerz, sondern auch eine Sehnsucht teilen. Nátalia Wiedmann über einen bemerkenswert schwerelosen Film über weibliche Sensibilität, Sexualität und Befreiung.

Foto: Edition Salzgeber

Schwebend auf dem Weg zum Glück

von Nátalia Wiedmann

Da ist dieses wunderbare, ein wenig surreal anmutende Bild, ziemlich am Anfang des Films: Während ihre Tante Miranda mit einem befreundeten Autor über dessen Manuskript diskutiert, geht Cyd joggen. Alles nicht weiter spektakulär, auch wenn Cyd, die das erste Mal in Chicago ist, sich dabei erst verläuft und dann schockverliebt – in Katie. Vorher aber gibt es eben diese eine Einstellung, in der ein langsamer Kameraschwenk Cyds Bewegung folgt, wobei zunächst noch einige Hochhäuser im Hintergrund zu sehen sind. Cyd, die zu Beginn der Einstellung noch ganz klein am linken Bildrand zu sehen war, überragt die Hochhäuser in der Bildmitte, unterbricht den Lauf kurz für eine Verschnaufpause und richtet den Blick auf ein paar Gleitschirme. Als sie weiterrennt, ist fast nur noch Himmel zu sehen, Himmel auf zwei Dritteln der Bildfläche, an dem sie vorbei joggt.

Man könnte die narrative Funktion dieser Szene hervorheben, die Kontrastierung von Cyds Körperlichkeit und Außenorientierung mit Mirandas Intellektualismus. Man könnte eine symbolische Bedeutung herausarbeiten, so wie es in einem Gespräch zwischen Cyd und ihrer Tante nicht zufällig wirkt, dass Miranda hinter eine Balustrade sitzt, als müsse sie sich vor Cyds jugendlicher Angriffslust ein wenig schützen oder als hätte sie sich zu sehr in ihrer (Gedanken-)Welt eingeschlossen. Aber gleichzeitig ist „Princess Cyd“ ein Film, der eben nicht nur intellektuell, sondern sinnlich erfahren werden will, der über seine Stimmungen und Bildkompositionen funktioniert, der mit seinem weichen, warmen Licht und seinem leicht Hipster-haften Color Grading verzaubert und die langsam fortschreitende Handlung der Realität immer wieder um ein paar Grad entrückt. Zwischendurch wirkt er so federleicht, dass man ihn fast für banal halten könnte, wäre es bei Slice-of-Life-Filmen nicht wie beim Ballett: für den Eindruck des mühelosen Schwebens braucht es Können und eine besondere Kraft.

Foto: Edition Salzgeber

Dabei hätte „Princess Cyd“ auch das Zeug dazu gehabt, ziemlich durchschnittlich belanglos zu werden. Da ist also diese 16-Jährige, die als Kind auf tragische, aber (zunächst) nicht näher erläuterte Weise ihre Mutter verloren hat und die sich gerade im Dauerstreit mit ihrem Vater befindet. Der daraufhin entscheidet, dass ein bisschen Abstand allen gut täte und Cyd für drei Wochen nach Chicago zu ihrer Tante schickt, die sie seit der Beerdigung der Mutter 8 Jahre zuvor nicht mehr gesehen hat. Miranda, Mitte 40, ist erfolgreiche Schriftstellerin, Cyd aber hat noch nie eins ihrer Bücher gelesen, liest ohnehin nicht wirklich, wie sie sagt. Auf der einen Seite also die Erwachsene in ihrer Alltagsroutine und Lebensmitte, die ihrem Körper und sexuellen Begegnungen nicht viel Aufmerksamkeit schenkt und dafür ihren Worten und dem geistigen Austausch umso mehr und für die der Glaube eine wichtige Rolle spielt; auf der anderen Seite der aus dem Alltag herausgeworfene Teenager, dem die meisten großen Entscheidungen im Leben erst noch bevorstehen, der Glaubensgrundsätze anzweifelt, sich in seinem Körper sichtlich wohl fühlt, sich gern bewegt und Lust auf Sex verspürt. In einem anderen Film hätten sich diese Figuren aneinander aufgerieben und wären in ein niederschmetterndes Drama hineingeschlittert. Oder hätten sich in einem Feelgood-Movie einander angenähert, hätten beide etwas voneinander gelernt, hätten Mängel behoben, der zur Erlangung des persönlichen Glücks noch im Weg standen. „Princess Cyd“ schwebt zwischen diesen Möglichkeiten hindurch. Zwar werden Elemente beider Erzählmuster aufgegriffen, aber ohne jene Grenze zu überschreiten, an der eine lebensnahe Situation ins Klischee umkippt und der weitere Handlungsverlauf vorhersehbar wird.

Foto: Edition Salzgeber

Zu Beginn ihrer Begegnung zieht Cyd noch mit ungefilteter Direktheit am Rand von Mirandas Komfortzone, als wollte sie gelangweilt ein Gummiband schnellen lassen. Aber schon da ist sie mehr als das Stereotyp des bratzig herausfordernden Pubertiers, ist neugierig auf Mirandas Antworten, ist manchmal wahnsinnig charmant oder ziemlich verschüchtert. Sie ist kein lebensuntüchtiges „basket case“, das durch die liebende Fürsorge einer Ersatzmutter emotional geheilt werden muss. Und Miranda ist zwar gläubig und mehr an geistigen Auseinandersetzungen als an Sport, Sex und Sonnenbädern interessiert, ist aber deswegen noch lange nicht engstirnig, rückwärtsgewandt oder sozial isoliert. Lange reagiert sie überraschend offen, wenn Cyd sie aus ihrer Routine bringt, und als sie schließlich doch mal eine Grenze zieht, ist sie darum bemüht, Cyd mit dieser Grenzziehung nicht abzuwerten.

In dieser Auseinandersetzung, in der Miranda gegenseitigen Respekt für andere Lebensstile und -entscheidungen einfordert, geht es zwar um den Umgang mit Sexualität, die sexuelle Orientierung aber ist nie ein Konfliktthema. „Can I tell you a secret?“, fragt Cyd ihre Tante beim Sonnenbaden. „I kinda wanna have sex with Katie. (…) Is that weird?“ „Not at all“, antwortet ihre Tante lächelnd. Und auch wenn Themen wie das Hadern mit der sexuellen Orientierung oder diesbezügliche Auseinandersetzungen mit Eltern, Freunden oder der Umgebung weiterhin in Coming-of-age-Filmen ihren Platz brauchen, weil sie leider nach wie vor im Alltag queerer Jugendlicher einen Platz einnehmen, ist es doch herzerfrischend und ermutigend, wenn das in einem Film mit einer queeren Heranwachsenden einfach mal alles kein Problem ist, sie ohne Notwendigkeit der Geheimhaltung eine zuckersüße Sommerliebe eingeht und am Ende absolut niemand dadurch aus der Bahn geworfen wurde.

Foto: Edition Salzgeber

Konsequent verweigert sich der Film einem melodramatischen Erzählton, selbst dann, als man erfährt, wie Cyds Mutter zu Tode gekommen ist. Nicht einmal das ist ein kathartischer Moment für die Figur und uns Zuschauer*innen, der alles ändern, alles erklären und vor allem alles irgendwie abschließen würde. Es ist einfach Teil des kleinen Ausschnitts an Leben, von dem der Film erzählt. Angesichts so viel emotionaler Unaufgeregtheit könnte es beinah langweilig werden, dem gemeinsamen Sommer von Miranda, Cyd und Katie zuzusehen, wären die Figuren nicht so vielschichtig und so hervorragend besetzt, und wäre da nicht die bereits erwähnte Kameraarbeit von Zoe White, die immer wieder für ein wenig entrückte oder irritierende Momente sorgt – etwa wenn eine Dialogszene nicht im Schuss-Gegenschuss-Verfahren aufgelöst wird, sondern ein langsamer Zoom erfolgt, der die an sich alltägliche Szene verfremdet und eine merkwürdige Stimmung erzeugt. Manchmal sind die Bilder sogar ein bisschen zu schön: Beinah erwartet man eine Preiseinblendung in weißer Schrift und das Logo einer Modehauskette, als Cyd mit Tuxedo und Swag in Slow Motion durch einen großzügig begrünten Straßenzug schlendert. Emotional funktioniert aber auch diese Szene, und wer dann noch liest, dass „Princess Cyd“ mit einem Mikrobudget von rund 182.000 Dollar produziert wurde, hat angesichts von Mikromängeln ohnehin nur noch Makrobewunderung übrig. Vor allem, weil es diese kleinen Momente darstellerischer Größe gibt: wie Cyd zum Beispiel mit ihrer Tante telefoniert, am Ende des Gesprächs stockt und sich an ihrer Mimik eine Mischung aus Überraschung, Schmerz und Sehnsucht ablesen lässt – und wie ihr Stocken wiederum Miranda trifft. Fast wünschte man sich doch ein bisschen mehr „Feelgood-Finale“ statt des Schwebezustands, der melancholischen Unabgeschlossenheit, die in Szenen wie diesen besonders spürbar wird. Aber dann würde Stephen Cones jüngste Indie-Perle nicht mehr so verdammt gut einfangen, wie zerbrechlich und widersprüchlich, großzügig und verletzbar Zuneigung sein kann.

 




Princess Cyd
von Stephen Cone
US 2017, 97 Minuten, FSK 12,
englische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

Im Dezember in der queerfilmnacht.

 

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