Gute Manieren

TrailerDVD / VoD

Neu auf DVD und VoD: Die mysteriöse Ana engagiert die alleinstehende Krankenschwester Clara, damit die sich um ihr schickes Apartment in São Paulo und später um ihr noch ungeborenes Kind kümmert. Die beiden Frauen werden ein Liebespaar, doch mit dem Voranschreiten der Schwangerschaft verhält sich Ana immer merkwürdiger: Sie hat ständig Lust auf Fleisch und schlafwandelt bei Vollmond blutdurstig durch die Stadt. Nach der schaurigen „Geburt“ ist Clara alleine mit Anas besonderem Sohn, der halb Mensch, halb Werwolf ist. Sie zieht Joel voller Liebe und Fürsorge auf, doch je älter er wird, desto stärker wird auch für ihn der Ruf des Mondes … Mit betörend stilisierten Sets und einem traumhaften Lichtkonzept entwickeln die Filmemacher_innen Juliana Rojas und Marco Dutra aus der lesbischen Mütter-Kind-Geschichte ein gruseliges Großstadt-Märchen, das sozialkritisch von der Unterdrückung unerwünschten Begehrens erzählt. Beatrice Behn über einen herzzerreißenden queeren Ruf zu den Waffen, der gleich zwei folkloristische Figurenarchetypen von ihren heteronormativen Schranken befreit.

Foto: Edition Salzgeber

Pakt der Wölfe

von Beatrice Behn

Schon in ihrem ersten gemeinsame Spielfilm „Trabalhar Cansa“ (2011) nutzten Juliana Rojas und Marco Dutra fantastische Versatzstücke, um kritisch von gesellschaftlichen Realitäten zu erzählen. In „Gute Manieren“ ist diese Nutzung nun noch konsequenter. Viele Momente und Figuren mag man anfänglich als etwas schräge Phantasmagorien begreifen, doch bei genauerer Betrachtung lässt sich feststellen, dass sie ganz bewusst gewählt sind: Sie sind durchweg uralte Archetypen.

Am deutlichsten lässt sich das an den beiden Werwölfen des Filmes festmachen: Ana wurde von ihrer Familie verstoßen und lebt jetzt allein in einer großen Stadtwohnung, nachdem sie von einem unbekannten Mann geschwängert wurde. Dieser Unbekannte entspricht laut Anas Bericht, dem klassischen Werwolf, ganz so wie Lon Chaneys Darstellung in „Der Wolfsmensch“ (1941) ihn etablierte. Eigentlich ein guter Kerl, verwandelt er sich wider Willen bei Vollmond in ein Biest. Dieser Werwolf-Typus ist eine Metapher für Hypermaskulinität: viele Muskeln, viel Haar, viel Animus, vor allem im sexuellen Sinne. Kein Wunder also, dass der Werwolfs-Mann nichts weiter tut, als mit Ana Sex zu haben, sie, Hypervirilität sei Dank, sofort zu schwängern und danach zu versuchen, sie zu töten.

Die Infektion durch den Werwolf-Mann macht auch Ana zu einem Archetyp: Sie wird zur Wolfsfrau. In ihrem Buch „Die Wolfsfrau“ beschreibt die Psychoanalytikerin und Folkloristin Clarissa Pinkola Estés die Verwandlung in jene Figur als einen Prozess des (Wieder-)Findens der weiblichen Urinstinkte. Auf sich allein gestellt und von ihrer Familie entfernt, löst die „Infektion“ mit der primitiven Triebkraft einen Prozess in ihr aus, der sie aus dem Beschränkungen der Gesellschaft entbindet und sie zu ihren ursprünglichen, natürlichen Kräften zurückführt. Diesen Prozess könnte man wohl als den Super-GAU für das Patriarchat verstehen. Es ist quasi eine Emanzipation der naturgebundenen Art, eine Rückkehr zur unbändigen Weiblichkeit. Wenn sie nur vollzogen würde, denn Ana stirbt, weil ihr letzter Kontakt zur Gesellschaft, ein männlicher Arzt, ihre Mutterinstinkte überschreibt. Sie ahnt, dass ihre Schwangerschaft anders ist und etwas getan werden muss, doch der Mediziner suggeriert ihr mit aller Autorität des Vaters Staat, dass alles ganz normal sei, und reguliert ihren Körper im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode.

Foto: Edition Salzgeber

Und so ist es ihr Kind Joel, der das missglückte Tötungsmanöver seines Vaters vollzieht, wenngleich ohne böse Absicht. Noch in Anas Bauch verwandelt er sich im letzten Trimester zum ersten Mal und frisst sich, ganz instinktgesteuert, aus ihr heraus.

Joel ist trotz dieses brutalen Lebensanfangs ein Werwolf anderer Art. Seine Wurzeln verweisen auf folkloristische Werwolf-Mythen und –erzählungen, in denen der Werwolf für Jungen und Männer steht, die sich den allgemeinen Gesellschaftsregeln nicht unterwerfen. Es sind die Delinquenten, die Devianten, die Querdenker, Herumlungerer und Freizügler, kurzum: die mit zu viel Eigensinn, deren „primitives“ Benehmen sie zum Werwolf macht. Werwolf sein heißt, wegen seiner Eigenheit ausgeschlossen zu sein – ein Denksystem, das zur Zeit der Hexenverfolgung radikal ausgeweitet wurde. Hier gab es regelrechte Werwolf-Prozesse, in denen Männer des Andersseins bzw. der Lykanthrophie beschuldigt und zu Tode verurteilt wurden. Es ist also kein Zufall, dass Werwölfen und Hexen ähnliche Prozess gemacht wurden. Beide Archetypen gelten nicht nur als deviant, sondern auch gefährlich.

Foto: Edition Salzgeber

Hier nun tritt Clara auf den Plan. Mit ihr beginnt der Film und setzt sofort einen Fuß ins Märchengenre. „Es war einmal eine schöne Königstochter“ steht auf dem Abtreter vor Anas Wohnung, über den Clara, eine afrobrasilianische Frau aus armen Verhältnissen, in Anas Wohnung und Leben tritt. Clara wird Anas Haushälterin, Pflegerin und Geliebte. Und sie ist, das zeichnet sich früh ab, als Archetyp eine Hexe im folkloristischen Sinne. Schon ihre Großmutter, erzählt sie Ana, wusste zu heilen, ganz ohne Ausbildung, nur mit uraltem Wissen. Und diese habe ihr viel beigebracht. Auch Clara weiß zu pflegen, alte Lieder zu singen und Geschichten zu erzählen. Und so hilft sie Ana mit deren schwieriger, nach und nach verzehrender Schwangerschaft umzugehen, um dann, nach Anas Tod, Joel zu helfen. Es ist Clara, die den Jungen nach der „Geburt“ findet. Auf dem Boden kriecht er, das kleine, fauchende Werwolf-Kind: menschlich und tierisch, gefährlich und hilflos zugleich. Nach kurzem Zögern nimmt Clara ihn auf und die beiden verschwinden in ein neues, verstecktes Leben in den Favelas.

Foto: Edition Salzgeber

„Gute Manieren“ bleibt stets bei seinen Figuren und deren Suche nach ihrem Ursprung, ihren Instinkten, ihrer natürlichen Kraft. Stets wird diese Suche von einer Gesellschaft reguliert und eingeschränkt, der der Sinn für mythisches Denken und Anarchie abhandengekommen ist. Die politisch aufgeladenste und stärkste Allegorie des Films bleibt jedoch das Werwolf-Kind. Joel wächst heran und wird bald eindeutig als queerer Junge konnotiert. Damit bezieht er Stellung gegen seinen Vater, dem hypermaskulinen Werwolf der Gegenwart.

Ein queerer Werwolf – das ist neu. Nur einen einzigen kennt die Kulturgeschichte: Bisclavret, den die französische Dichterin Marie de France 1170 in einer Versdichtung beschrieben hat. Umso revolutionärer ist diese Figur in „Gute Manieren“. Bei ihr ist die natürliche Triebkraft nicht der Heterosexualität, sondern queerem Begehren gleichgesetzt. Joel vermittelt als Archetyp Fluidität, Queerness, ein Öffnen der engen Ideen des Heterosexuellen. Er ist die verkörperlichte, lebendige Dekonstruktion der steten binären Bindung von heterosexueller Maskulinität und Macht – und damit auch eine Erschütterung der Grundpfeiler der patriarchalen Gesellschaft.

Foto: Edition Salzgeber

Genau deshalb ist Joel so gefährdet. Fände man heraus, wer er wahrlich ist, wäre dies sein Ende. Clara weiß genau, wie die gesellschaftlichen Regeln aussehen und dass sie, eine vierfache Minorität innerhalb dieses Systems, weder Macht hat noch es sich leisten kann aufzubegehren. In ihrer Figur versammeln sich alle Unterdrückungsmechanismen auf wahrlich intersektionelle Art: Eine afrobrasilianische Frau, noch dazu arm und queer. Ihr Ziel ist zu überleben, sich anzupassen hinter einer Fassade guter Manieren. So wird aus der Hexe eine Apothekerin, aus dem Werwolf ein kränklicher Vegetarier. Die Tragik der Geschichte: Die „Minderheiten“ übernehmen die Unterdrückungsmechanismen von allein, um zu überleben. Doch genau das bringt Probleme, denn das queere Begehren ist groß und stark und wild in Joel. Und so entwickelt sich zwischen ihr und Joel das verkörperlichte Ringen zwischen einer Anpassung ans System und einer kompletten Dekonstruktion desselbigen.

Foto: Edition Salzgeber

Genau hier legt „Gute Manieren“ den Finger in die Wunde und nutzt gekonnt Märchen und Fantastik, Archetypen und ein bisschen magischen Realismus, um präzise Sozialkritik zu üben. Es geht um die Unterdrückung unerwünschten Begehrens von Teilen der Gesellschaft, die nicht der wahrgenommen Norm entsprechen (gute Manieren!) und als deviant ausgeschlossen werden. Das Spannende daran ist, dass Rojas und Dutra verstehen, dass diese Problematik intersektionell ist, und gehen sie als eben solche an: Es ist das queere Begehren nach sexueller Freiheit genauso wie das soziale Begehren der Armen nach finanzieller Erleichterung. Es ist das Begehren nicht-weißer Menschen nach Anerkennung ihrer Rechte und ihrer Menschlichkeit genauso wie das Begehren von Frauen nach Gleichberechtigung. Kurzum: Es geht um Menschlichkeit und Gerechtigkeit in einer Gesellschaft, deren Grenzen so eng gezogen sind, weil sie den Kontakt zu ihren Wurzeln und ihrer Imagination verloren haben.

Das klingt tragisch. Ist es auch. Aber pessimistisch ist „Gute Manieren“ deswegen nicht. Im Gegenteil: In diesem Märchen wird immer wieder die Kraft des Begehrens und Aufbegehrens beschworen, ebenso wie der Wunsch nach Solidarität. Eine Revolution muss her! Und weil Märchen eben auch ein gutes Ende fantasieren, schließt der Film zumindest mit einem: Clara und Joel ziehen gemeinsam in den Kampf.




Gute Manieren
von Juliana Rojas & Marco Dutra
BR/F 2017, 135 Min., FSK 12,
portugiesische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)

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