Five Dances

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Ein junger Tänzer kommt in die große, kalte Stadt und alles, was er hat, ist sein Körper. Alan Browns („Private Romeo“) neuer Spielfilm „Five Dances“, der ab heute als Stream zum Ausleihen und Kaufen im Salzgeber Club zur Verfügung steht, ist ein Probenraum-Kammerspiel, in dem Bewegungen Geschichten erzählen, Positionen Beziehungen und ein Tanz das ganze Leben. Unser Autor Gunther Geltinger über Schmerz, Poesie und das Schöne in der Gebrochenheit.

Foto: Salzgeber

Luftsprünge

von Gunther Geltinger

Warm up. Erst der Makel macht wahre Schönheit sichtbar, und der Weg zur Perfektion führt durch den Schmerz. Chip stellt sich ihm mit geradezu selbstverleugnender Härte und Disziplin, für die sein zweijähriger Aufenthalt auf der Militärakademie eine gute Schule gewesen sein mag. Jetzt ist der junge Tänzer durch ein Stipendium nach New York gekommen, und obwohl er ohne Bleibe und klare Zukunftsperspektive ist, ausgestattet nur mit einem Schlafsack und seinem lebenshungrigen, bewegungsgierigen Körper, stürzt er sich in sein neues Tanzprojekt, als ginge es um Leben und Tod. Und tatsächlich – schon die ersten Bilder von Alan Browns kleinem Ensemblefilm um die Proben, Positionen und seelischen wie körperlichen Prüfungen zu „Five Dances“ verraten: Chip tanzt um sein Leben.

Wie er beim Aufwärmen im Studio den Fuß überdehnt, auf den die Worte for you tätowiert sind, zunächst einziges sichtbares Zeichen seiner Sehnsucht nach Liebe; wie er das Bein nach oben in die Senkrechte zwingt, bis sein Körper eine gerade, in den tänzerischen Zenit weisende Linie bildet, sein Blick dabei fragend, fast entsetzt, wie im Angesicht von etwas Unfassbarem, des eigenen Abbilds im großen Wandspiegel über dem von unzähligen Tänzerfüßen blank polierten Parkett.

Mit dem äußersten Willen zur Grazie versucht der Achtzehnjährige, seine geradezu krankhafte Gehemmtheit zu besiegen: Die Fragen von Katie und Cynthia, seinen Mittänzerinnen, beantwortet er knapp, stenographisch, fast bellt er seinen Namen mit zu Boden gesenktem Blick; auf Militärschulen herrscht das Gesetz von Befehl und Replik. Nur Theo, der zweite männliche Tänzer der Truppe, scheint den verletzten, unter Verschluss gehaltenen jungen Mann hinter der verkniffenen Mimik zu ahnen, die Narbe im schmerzhaft schönen Gesicht.

Anthony, der Choreograph, erklärt das Projekt: ein Stück in fünf Teilen zur Eröffnung eines wichtigen Tanzfestivals, zehn Minuten, auf die es ankommen wird. Besonders für Chip.

Eins. Lose Körper, vereinzelt und isoliert. Sich bloß nicht nähern, noch nicht. Einer nach dem anderen reiht sich ein, eine Gruppe Menschen in einem unbestimmten Raum. Sie streben aufeinander zu, schrecken voreinander zurück, Hände strecken sich aus und greifen doch ins Leere. Plötzlich eine zaghafte, wie zufällige Berührung, die sich sofort wieder auflöst, jeden zurückwirft in seine Einsamkeit, auf seine Sehnsucht.

In seinen Schlafsack eingerollt wie ein Embryo, verbringt Chip die Nächte im Studio. Seine Mutter nervt mit Anrufen. Angeblich muss sie aus ihrem Haus ausziehen und weiß nicht, wohin. Der Ehemann ist schon geflüchtet, vertrieben oder einfach weg. Als Chip sich ihr verweigert, droht die Mutter mit dem elementaren Verstoß. Die Kindheit ist vorbei, die Überreste sollen nun entsorgt werden, Chips Sachen auf den Müll.

Bei Katie, die sich nicht nur für seine Herkunft interessiert, findet Chip ein neues Zuhause – und eine erste zaghafte Sprache der Nähe. Hinter Chips schmalen Lippen wohnt der Mann in der Mundhöhle, the man in the mouth, wie Chip selbst, plötzlich bauchredend, den humorvollen und zugewandten Teil seiner Persönlichkeit nennt. Katie soll ihn befreien. Sie greift nach seinem Mund – zu spät, Chip hat Chip schon verschluckt. Doch er schenkt Katie ein Lächeln, das erste überhaupt.

Foto: Salzgeber

Zwei. Die Körper schwingen sich aufeinander ein, nehmen den Rhythmus des anderen auf, übertragen ihn. Infektion, Inkubation. Ein Virus ergreift die Gruppe, die Krankheit bricht aus. Getroffenheit. Betroffen sein. Aus der Entzündung heraus, der virulent befallenen Stelle im Innern, wird die Pose zur wahrhaften Bewegung, wird aus Kunstwillen im Abgleich mit dem eigenen Schmerz Poesie. Das Fieber steigt.

Es ist der Punkt, an dem Anthony zu arbeiten beginnt. Er fordert die Gruppe heraus, konfrontiert jeden mit seinen Schwächen und sucht Wege, sie gemeinsam zu überwinden. Stets bleibt er dabei im Hintergrund, das Gesicht abgewandt, nie in Großaufnahme, und doch ist er rhythmisches Zentrum des Raums, Katalysator, der neue Energien freisetzt. Mühsam, nach Fehltritten und Frustrationen, wird die neue Dynamik erarbeitet: Wohin mit dem Arm in der Drehung zum Partner hin, um sich nicht selbst im Weg zu stehen? Oft bleibt die Gruppe nun abends zusammen. Cynthia, die Verheiratete, hat aus dem bürgerlichen Teil ihres Lebens die Lichterkette des abgebauten Weihnachtsbaums mitgebracht. Theo wickelt sich in die Lämpchen, lässt seinen Körper erglühen, von dem wir schon längst wissen, dass Chip ihn begehrt. Nur Chip selbst wehrt sich noch dagegen – bei den Proben zu ihrem Duo berühren sich die beiden technisch, nicht als Menschen, die einander wollen, sondern als Tänzer, die das Begehren ästhetisch darstellen sollen. Theo, der Erfahrenere, weiß, dass nur die Verquickung des einen mit dem anderen zur Perfektion führt. Abends bleiben sie im Studio, um weiterzuarbeiten. Die Berührungen werden intimer, gehen fehl – oder erreichen ihr wahres Ziel; auf Theos Anmache reagiert Chip mit einem kurzen Ausbruch von Gewalt, den Theo, nun plötzlich in der Rolle des Choreographen dieses erotischen Balletts, noch in derselben Bewegung mit einem Kuss kontert, der Chips Widerstand bricht. Erst aus der Bruchstelle heraus, die nun die Verletzbarkeit sichtbar macht, kann sich die Schönheit entfalten, auf die es beim Tanz ankommt – drei.

Foto: Salzgeber

Wachsame Menschenblicke haben die leeren Fensteraugen im Raum ersetzt. Chip tanzt allein, aber nicht isoliert, eingebunden in die Anteilnahme der anderen, verstrickt in ihre Leben. Noch wahren sie Distanz, versuchen nicht, den in der eigenen Haut eingeschlossenen Chip aus seinem Körper herauszubrechen. Mit gewohnt zusammengepressten Lippen, die einen Schrei zu unterdrücken scheinen, bewegt er sich durch den Raum, doch der, den wir jetzt tanzen sehen, ist der Mann im Mund.

Die Proben folgen der strengen, oft brutalen Hierarchie, die das Streben nach vollkommener Anmut vorgibt. Sie legt Erschöpfung auf die Gesichter, belastet die Beziehungen. Rangordnungen bilden sich heraus; die Guten, die aber nie besser als talentiert sein werden, und die nahezu Perfekten mit der explosiven Kraft ihrer pochenden Wunden. Nachts im dunklen Saal schläft Cynthia mit Anthony, dann, im plötzlich aufflammenden Licht, unter den Augen des imaginären Zuschauers, der für einen Tänzer auch noch in der intimsten Bewegung anwesend scheint, fallen sie voneinander ab, zurück in ihre Rollen. Zieh dich an, befiehlt Anthony kalt, als gehöre zur vollkommenen Vision seines Tanzstücks auch die Erniedrigung.

Vier. Schleppend tauchen die Körper aus der Tiefe auf, noch gebeugt vom Schmerz ziehen sie sich langsam an ihrer neuen Anmut empor, suchen nach Halt. Die Härte und Strenge, das Kämpferische und Widerspenstige ist aus ihren Bewegungen gewichen, die nun zaghafter erscheinen, zerbrochen, und in der Gebrochenheit, in der Zurückhaltung des Tastens und Suchens, so schön, leicht und geschmeidig wie nie zuvor.

Foto: Salzgeber

Selbst die markante Stimme des Sängers Scott Matthew, dessen Songs alle fünf Tänze des Films in melancholischer Schwebe halten, droht an diesem Punkt zu kippen, ringt mit den Tänzern um Fassung. Chip findet sie wieder, indem er nun Theo selbstbewusst auffordert, mit ihm nach Probenschluss weiterzuarbeiten. Die folgende, hart an der Grenze zum Kitsch inszenierte Sexszene ist ein Bruch in der Ästhetik des Films und eines der wenigen Zugeständnisse, die Alan Brown in seiner größtenteils getanzten Geschichte an konventionelle Sehgewohnheiten macht. Die Tanzbilder stehen für sich, haben mit ihren poetischen choreographischen Figuren nicht nur längst erzählt, dass die beiden miteinander schlafen werden, sondern auch gezeigt, wie sie es tun:

Fünf. Lange hält Chip Theo fest umschlungen, der auf ihn gesprungen, regelrecht in ihn hineingestürzt ist, und nun schutzlos in seinen Armen hängt, bis Chip ihn langsam und vorsichtig ablegt; nur nichts zerbrechen, bloß bewahren und hegen, was er liebt. Er richtet Theo auf, führend, dominant, doch mit größter Zärtlichkeit. Ihre Blicke, die den anderen erkennen und bejahen, lenken die Körper, die nun einer Kraft folgen, die stärker ist als die Regeln jeder Choreographie. Es ist der unbeholfene erste Sex, und der vollkommene Tanz.

Chip gesteht Katie seine Gefühle für Theo, als wollte er sich die Erlaubnis der Freundin zu seinem neuen Leben einholen. In Anthonys Abwesenheit witzelt die Gruppe über den „Boss“, ist über ihren Choreographen längst hinausgewachsen. Immer öfter lächelt Chip jetzt, reißt schließlich im Gelächter den Mund auf und würgt den darin eingeschlossenen Mann in die Welt. Der maximale Punkt der Leichtigkeit ist erreicht. In diesem Zustand verbringen Chip und Theo noch eine Nacht im Studio, vielleicht die letzte vor ihrem großen Auftritt. Chip will jetzt alles wissen – über die Liebe und ihre Stolpersteine. Spielerisch treten sie in einen Wettbewerb um die beste Pirouette, werfen sich euphorisch in die Proben zu ihrem gemeinsamen Glück. Fast erwartet man nun den dramatischen Wendepunkt, den Sturz, der das hochfliegende Projekt jäh zu Fall bringt: einen verstauchten Fuß, den Sehnenriss, das gebrochene Herz.

Der sechste Tanz – er gehört dem Leben.




Five Dances
von Alan Brown
US 2013, 83 Minuten, FSK 12,

englische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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