Drunken Noodles

Trailer • Queerfilmnacht

Das Leben ist ein Kunstwerk aus Sehnsucht, Lust und Fantasie in Lucio Castros „Drunken Noodles“, einem übernatürlich schönen Sommertraum von einem Film – für den im Sex so viel Bedeutung liegt wie in der Kunst. Eine Vision queerer Lust über Generationengrenzen hinaus; ein Bilderteppich von Begehren, Sehnsüchten und versuchter Nähe. Für Andreas Köhnemann „der Inbegriff eines queeren Films“. Im Juli läuft er in der Queerfilmnacht.

Bild: Salzgeber

Im Dunkeln

von Andreas Köhnemann

Urban versus ländlich, fremd versus vertraut, real versus imaginär. Der 1975 in Buenos Aires geborene Drehbuchautor und Regisseur Lucio Castro lässt Gegensätze in seinen Filmen gern miteinander verschmelzen. So zeigte er 2019 in seinem Langfilmdebüt „End of the Century“ die vermeintlich erste Begegnung zwischen zwei Männern – doch nach einer Weile stellt sich heraus, dass die beiden zwanzig Jahre davor schon einmal aufeinandergetroffen sind. In der Rückblende sehen die Figuren, verkörpert von denselben Schauspielern, jedoch kaum einen Tag jünger aus als in der zuvor etablierten Gegenwart. In Castros Erzählungen verläuft Zeit nicht strikt linear, Kontraste wie „damals“ und „heute“ oder „alt“ und „jung“ lösen sich auf. Der narrative Fluss ist hier eher einer Traumlogik verpflichtet, die zeitliche und räumliche Regeln spielend ignoriert und dabei ihre ganz eigenen emotionalen Gesetze entwickelt.

Auch Castros neuer Film „Drunken Noodles“ lässt die Grenzen des Üblichen verschwimmen. Zu Beginn folgen wir dem Studenten Adnan (Laith Khalifeh), der in Brooklyn die Wohnung (samt Katze) seines Onkels hütet und ein Sommerpraktikum in einer kleinen Galerie in Chinatown macht. Wir erleben zunächst, wie Adnan in der Metropole New York City vor allem einsam ist – beim Arbeiten, beim Abendessen zu Hause, beim ziellosen Schlendern durch die Straßen. Bei einem ersten Hook-Up im Freien ist der Gegensatz zwischen Intimität und Distanz noch deutlich zu spüren. Direkt nach dem Blowjob und einem gescheiterten Versuch von Smalltalk gehen Adnan und der Fremde wieder ihrer Wege. Der Fremde bleibt fremd, trotz des kurzen Moments der körperlichen Nähe.

Anders verläuft es später beim nächtlichen Cruising auf einem leeren Spielplatz. Dort taucht der attraktive Essenskurier (Joél Isaac) auf, der Adnan tags zuvor etwas geliefert hatte. Die zufällige Begegnung, der schnelle Sex im Dunkeln mit einem Mann, dessen Namen Adnan noch nicht kennt, mutet augenblicklich wie eine tiefe Verbindung an. Das Wirkliche und das Unwirkliche nähern sich an: Die blinkenden Lichter, die Yariel, der hotte Delivery-Guy, auf den Rädern seines Bikes angebracht hat, verleihen der finsteren städtischen Umgebung etwas Magisch-Märchenhaftes.

Die beiden Männer teilen sich nach dem Sex ein Essen und reden miteinander. Am nächsten Tag erscheint Yariel in der Galerie. Er ist nicht länger ein Unbekannter, aber weiter ein Mysterium. Das Fremde geht nicht einfach ins Vertraute über, vielmehr vermischt sich das eine mit dem anderen. „Wenn ein Austausch im Dunkeln stattfindet, bedeutet das, dass er für immer andauert?“, lautet eine kryptische Nachricht, die der plötzlich wieder verschwundene Yariel auf einem Zettel für Adnan hinterlässt.

Bild: Salzgeber

Auch die Grenzen von Kunst und Leben lösen sich allmählich auf, als Yariel mit einigen Freunden bei Adnan vor der Tür steht und es zum sinnlich entrückten Gruppensex kommt. Die betont stilisierten Aufnahmen der Körper lassen an die erotischen Momente in Gus Van Sants „My Private Idaho“ (1993) denken: Castro präsentiert uns tableaux vivants der Lust. Die Kunst, über die vorher in der Galerie und bei Gesprächen auf der Straße noch theoretisiert wurde, ist nun ein fühlbarer Teil des sexuellen Erlebens von Adnan und Yariel.

Die Fast-Burn-Romance zwischen Adnan und Yariel bildet das erste von vier Kapiteln des Films, die jeweils mit einer Stickerei angekündigt werden. Im zweiten Kapitel sehen wir, wie Adnan im vorherigen Sommer den älteren Künstler Sal (Ezriel Kornel) kennenlernt – dessen sexuell explizite Stick-Werke ein Jahr später in jener Galerie ausgestellt sein werden, in der Adnan dann arbeiten wird. Die Begegnung ereignet sich in Sals abgelegenem Haus im Wald, nachdem Adnan eine Fahrradpanne hat. Castro setzt die freie Natur genauso sehr als Sehnsuchtsort in Szene wie zuvor den urbanen Raum – die Flucht ins Poetische und der individuelle sexuelle Ausdruck sind hier genauso selbstverständlich wie dort.

Sex und Kunst bilden auch hier draußen bald eine Einheit. Sal lädt Adnan nach einer ersten Intimität und einem gemeinsamen Essen im Garten zu einem erotisch aufgeladenen Naturschauspiel ein: Sie beobachten einen Faun, der Flöte spielend durch den nächtlichen Wald tanzt. „Er kann dich berühren, aber du kannst ihn nicht berühren“, sagt Sal zu Adnan. Darin liege „die Essenz des Begehrens“, beschreibt es Castro in einem Interview: „etwas zu wollen, das man nicht haben kann.“

Bild: Salzgeber

Das folgende Kapitel spielt im selben Sommer, nur leicht zeitversetzt. Es erzählt von dem Versuch, einem verblassenden Verlangen seine Intensität zurückzugeben. Wieder steht Adnan im Mittelpunkt: Mit seinem Partner, dem Schriftsteller Iggie (Matthew Risch), macht er  einen Wochenendausflug zu einem luxuriösen Haus in den Bergen. Die Vertrautheit scheint groß, doch da ist auch eine Distanz. Seit sechs Monaten hatte das Paar keinen Sex mehr miteinander.

Als Adnan Iggies Aufzeichnungen auf dem Laptop entdeckt, erweisen sich diese als eine detaillierte Schilderung der Ereignisse der letzten Tage – sowie als mysteriöse Vorwegnahme. Imitiert hier die Kunst das Leben oder das Leben die Kunst? Oder lässt sich das schlichtweg nicht mehr trennen? Eine sexuelle Fantasie, die Adnan zuvor offenbart hatte, erfüllt sich plötzlich, wie in einer Geistergeschichte.

Immer wieder, auch im vierten und finalen Kapitel, das uns zurück in die Gegenwart und in die Stadt holt, nimmt Adnan die Brüche mit der Realität relativ aufgeschlossen hin, das Überschreiten gewöhnlicher Grenzen, die Sprünge durch Raum und Zeit. Eine New Yorker Cruising-Zone im dunklen Park kann per Match Cut nahtlos in die helle Natur führen. Vorstellungen können Wirklichkeit werden, weil die Wirklichkeit schon etwas Surreales hat. Sex kann sich wie Kunst anfühlen, kann sich so fest mit ihr verbinden, dass es keine Unterschiede mehr gibt. Castro nutzt den sinnlichen Zauber, die transzendente Kraft des Kinos, um alles zu überbrücken, was die Fantasie und die Lust in irgendeiner Form einschränken könnte. Das ist wunderbar radikal – und macht „Drunken Noodles“ zum Inbegriff eines queeren Films.




Drunken Noodles
von Lucio Castro
USA/Argentinien 2025, 82 Minuten, FSK 16
englische OF (Teile in Spanisch) mit deutschen UT

Jetzt in der Queerfilmnacht