Benjamin

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Sieben Jahre hat Benjamin an seinem zweiten Spielfilm gearbeitet: einem autobiografischen Drama über Liebe und Einsamkeit, in dem er selbst die Hauptrolle spielt. Am Vorabend der Premiere lernt er in einer Bar den charismatischen französischen Sänger Noah kennen und fühlt sich wie magisch zu ihm hingezogen. Doch ist Benjamin gerade jetzt, wo seine Karriere auf der Kippe steht, bereit für die wahre Liebe? Die musikdurchflutete Komödie „Benjamin“ ist das Filmdebüt des gefeierten britischen Comedians Simon Amstell. Ab sofort kann man sie sich im Salzgeber Club anschauen. Hier schreibt Andreas Köhnemann eine Liebeserklärung an Amstells schmerzhaft ehrliche und zugleich bezaubernde Art des Erzählens.

Foto: Salzgeber

A Little Bit Weird

von Andreas Köhnemann

Ihr kennt das ja sicher: Da begegnet man plötzlich der großen Liebe – und haut prompt mal die geistreichsten, lustigsten Bonmots raus. Bei allem, was man fortan mit diesem Menschen erlebt, sieht man superniedlich und sexy aus. Nichts in der eigenen Wohnung, dem eigenen Kopf oder Herzen ist irgendwie peinlich. Konflikte kommen immer nur von außen, durch böse Neider_innen und fiese Schicksalsschläge. Und am Ende wird alles gut, Kuss und Schluss – happily ever after.

Das heißt: Ihr kennt das ja sicher, falls ihr zufällig fiktive Figuren in einer romantischen Komödie seid. Ansonsten fällt alles wohl ein bisschen unglamouröser aus: Schlimmes Gestammel beim ersten, zweiten, zehnten Date, Gliedmaßen, die einfach nicht wissen, wohin mit sich, Bücher im Regal, die unangenehme Fragen aufwerfen, Gedanken und Gefühle, die nichts als Verwirrung bringen. Und Konflikte? Da braucht es wirklich keine bösen Mitmenschen und keine höhere Gewalt. Das schafft man auch ganz allein, dank eines umfassenden Repertoires an Ängsten und Überspanntheiten.

Der britische Comedian Simon Amstell, Jahrgang 1979, hat aus all dem, was wir im Kino sonst kaum sehen, einen Film gemacht. Einen schmerzhaften und dennoch wunderschönen Film. Dass „Benjamin“ so wehtut und gleichzeitig so zauberhaft geraten ist, liegt daran, dass Amstell seit jeher eine brutal ehrliche Art des Erzählens wählt: Ob auf der Bühne in seinen Stand-up-Programmen oder im TV in der Sitcom „Grandma’s House“ (2010-2012) – stets gräbt er aus seinem Innersten das Dunkelste hervor und lässt es funkeln. In „Benjamin“ ist es die Furcht vor Intimität, die er, wie er sagt, selbst in seinen Zwanzigern empfunden hat und mit der sich nun der titelgebende Protagonist als Amstells Alter Ego auseinandersetzen muss.

Benjamin Oliver ist Filmemacher. Sein Debüt war ein beachtlicher Hit, doch der Nachfolger droht zum Fiasko zu werden. Ein Film über seine Unfähigkeit zu lieben sollte es werden, aber Benjamins Ambitionen sprengen die Leinwand. Zu verkopft, zu verkrampft – und was will der überraschend auftauchende Mönch mit seinen mysteriösen Ratschlägen dem Publikum bloß mitteilen? Bei der Festivalpremiere in London fällt das autobiografische Charakterstück gnadenlos durch.

Unpassend zur künstlerischen Krise hat Benjamin gerade den jungen französischen Musiker Noah kennengelernt. Trotz schrecklich misslungener Flirt-Scherze und einem Maximum an Unbeholfenheit funkt es zwischen den beiden. Zerknautscht nebeneinander aufwachen, gemeinsam Haferbrei frühstücken, unter dem Einfluss von Magic Mushrooms im Nieselregen einen Waldtanz aufführen, während „Weird“ von Hanson läuft – so könnte es eigentlich immer weitergehen. Aber natürlich legt sich Benjamin selbst so viele Stolpersteine in den Weg, dass Noah bald schon unerreichbar erscheint. „I think I’m gonna end up hurting you“, sagt Benjamin zu Noah. Die Angst, zu verletzen und verletzt zu werden, hemmt ihn so sehr, dass er es erst gar nicht zu versuchen wagt, glücklich zu werden. Wer einmal erfahren hat, dass auf happiness wieder Schmerzen folgen können, dem fehlt beim nächsten Anlauf vielleicht die Energie, der Mut, die Leichtigkeit.

Foto: Salzgeber

Mit Colin Morgan (als Benjamin) und Phénix Brossard (als Noah) hat Amstell zwei Schauspieler gefunden, die uns durch ihre stimmige Chemie miteinander spüren lassen, wie schön das alles sein könnte, wenn Benjamin es denn zuließe. Schön, weil es eben nicht perfekt, sondern echt und weird ist. Wie Benjamin und Noah sich etwa gegenseitig zum Lachen bringen. Oder wie sie gemeinsam in der Badewanne sitzen und einen sehr romantischen, erotischen Moment durch zu viele Worte beinahe ruinieren, um ihn dann doch noch zu retten, auf ihre ganz eigene Art.

All das wird von einer Musik begleitet, die nicht einfach nur ein poppiger Klangteppich ist, der Emotionen akustisch verstärken soll, sondern die wirklich zu den Figuren und deren unaufgeräumtem Gefühlshaushalt passt. Nicht zuletzt sind es die von Noah selbst gesungenen Songs, die es auf den Punkt bringen: „Would somebody make you cry? Would somebody ache for you?“ Klar wollen wir erst mal panisch wegrennen, wenn wir diese Fragen plötzlich bejahen können. Aber dann entgehen uns nicht nur die Kummertränen, sondern auch die Freudentränen.

Benjamin und Noah werden dabei von einer Vielzahl von komplexen Figuren flankiert, die Ähnliches erleben und erleiden. Oft dient das Nebenpersonal, insbesondere in Komödien, nur dazu, das Geschehen um die Hauptfiguren zu kommentieren. Sobald sie hierfür nicht mehr gebraucht werden, scheinen sie sich zu entmaterialisieren und auf ihren nächsten Auftritt zu warten. Benjamins orientierungslos-fahrige PR-Agentin Billie oder Benjamins depressiver bester Freund Stephen wirken hingegen so, als hätten sie jeweils ihr eigenes Leben, in denen wiederum Benjamin als Nebenfigur agiert. Auch wenn wir deren innere und äußere Kämpfe nur am Rande mitbekommen, fühlen sie sich ebenso real und chaotisch an wie die Entwicklungen um den Titelhelden.

Foto: Salzgeber

Was alle vereint, ist der schmale Grat zwischen Tragik und Komik. Amstell nennt unter anderem die Filme von John Cassavetes als Inspiration für seine Inszenierung, besonders die Tour-de-Force-Darbietungen von Gena Rowlands in Filmen wie „Eine Frau unter Einfluss“ (1974). In „Benjamin“ werden die Zusammenbrüche der Figuren durch das Komische nicht abgefedert; vielmehr geht alles eine zwingende Verbindung miteinander ein, die so nah am Leben ist, dass es schmerzt und kribbelt und erfreut. Hat mich dieser Film zum Weinen gebracht? Ja, hat er. Und dafür liebe ich ihn.




Benjamin
von Simon Amstell
UK 2018, 85 Minuten, FSK 12,

englische OF mit deutschen UT,
Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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