Ninja Motherf*cking Destruction
Trailer • Im Kino
Was macht meine Identität aus? Und wem muss ich sie beweisen? Als filmische Langzeitstudie angelegt, ist „Ninja Motherf*cking Destruction“ ein wildes und ungefiltertes Porträt eines queeren Erwachsenwerdens – überbordendes Gefühlschaos inklusive. Nach acht Jahren Drehzeit und ohne Förderung oder Filmschule im Hintergrund ist Regisseurin Lotta Schwerk mit ihrem Langfilmdebüt die intensive, immer authentische Chronik einer Jugend gelungen – „voller emotionaler Kraft“, wie Laura Sternberg findet.

Bild: Salzgeber
Das echte Leben
von Laura Sternberg
Coming-of-Age-Filme erzählen vom Erwachsenwerden. „Ninja Motherf*cking Destruction“, der Debütfilm von Lotta Schwerk, geht dabei noch einen Schritt weiter: Er zeigt diesen Prozess nicht nur, sondern durchlebt ihn gewissermaßen selbst. Über einen Zeitraum von acht Jahren entstanden, begleitet er seine Figuren auf ihrem Weg vom Schulabschluss bis ins junge Erwachsenenalter. Gleichzeitig dokumentiert er durch seine Entstehungsgeschichte auch die Entwicklung der Menschen hinter der Kamera. Zwischen den einzelnen Drehphasen verändern sich nicht nur die Figuren, sondern auch die Schauspielerinnen, die filmische Handschrift und die Perspektive der Regisseurin.
Als Leonie (Emma Suthe) und Marlene (Merle von Mach) mit 18 Jahren mit der Schule fertig sind, kosten sie ihre Jugend in Berlin aus, ihre Freundschaft scheint unerschütterlich. Doch zwischen nächtlichem Treiben und wachsender Verantwortung verändern sich ihre Prioritäten – und als Leonie eine Beziehung mit ihrer ersten großen Liebe Naomi (Marie Tragousti) eingeht, entfernen sich die beiden Freundinnen voneinander. Gleichzeitig gerät die Beziehung wegen Naomis mentaler Probleme zunehmend unter Druck, bis sie schließlich zerbricht und Leonie vor den Folgen ihrer eigenen Isolation steht. Sie verlässt Berlin, beginnt eine Ausbildung und versucht, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Doch trotz aller Veränderungen bleibt vor allem eines: die Sehnsucht nach ihrer Freundschaft zu Marlene.
Dass zwischen dem ersten und dem letzten Drehtag von „Ninja Motherf*cking Destruction“ acht Jahre vergangen sind, ist nicht bloß eine interessante Produktionsnotiz, sondern prägt den Film auf allen Ebenen. Die Darstellerinnen werden sichtbar älter im Laufe des Films, ihre Ausstrahlung verändert sich, sie gewinnen mit der Zeit eine bemerkenswerte Sicherheit in ihren Rollen. Während das Schauspiel zu Beginn des Films häufig noch etwas tastend und stellenweise forciert wirkt, entfalten die späteren Sequenzen eine überzeugende Natürlichkeit. Auch auf inszenatorischer Ebene ist dieser Reifeprozess zu erkennen. Die frühen Szenen tragen noch deutlich den Charme eines ambitionierten Debütfilms, der sich in seiner filmischen Sprache ausprobiert und nicht jede Entscheidung sicher trifft. Mit fortschreitender Laufzeit gewinnt die Inszenierung immer mehr Selbstvertrauen.
Gerade dies macht „Ninja Motherf*cking Destruction“ so besonders. Die sicht- und spürbaren Veränderungen vor und hinter der Kamera bilden tatsächlich verstrichene Lebenszeit ab und halten sie für die Zukunft fest. So entsteht eine Authentizität, die weit über den erzählten Inhalt hinausgeht. Das Publikum beobachtet nicht nur die Entwicklung fiktiver Figuren, sondern auch der der Menschen, die sie verkörpern. So entsteht ein erzählerischer Mehrwert, der den Film von vielen anderen Coming-of-Age-Geschichten unterscheidet.

Bild: Salzgeber
Ohnehin geht „Ninja Motherf*cking Destruction“ erzählerisch konsequent eigene Wege. Statt einer klar strukturierten Dramaturgie entwickelt sich der Film eher assoziativ. Zeitsprünge werden nicht erklärt oder gekennzeichnet und oft erschließt sich beim Zuschauen erst nach einigen Momenten, dass Zeit vergangen ist – durch neue Frisuren, verändertes Auftreten oder sichtbar erwachsenere Gesichter der Figuren. Das verlangt aufmerksame Beobachtung vom Publikum und führt gelegentlich dazu, dass die Orientierung verloren geht. Auch auf eindeutige Pointen verzichtet Lotta Schwerk weitgehend. Vielmehr reiht sie alltägliche Situationen, Gespräche und flüchtige Begegnungen aneinander und nimmt sich Zeit für stille Momente sowie unausgesprochene Spannungen. Nicht jede Sequenz trägt aktiv zur inhaltlichen Verdichtung bei, wodurch der Film stellenweise etwas zerfasert und den Fokus verliert.
Doch auch diese kleinen Unebenheiten sind weniger Schwächen als Konsequenzen eines Films, der sich bewusst gegen eine konventionelle Dramaturgie entscheidet. Es entsteht ein Gefühl von echtem Leben statt einer konstruierten Geschichte. Das Unfertige, Sprunghafte und manchmal auch Widersprüchliche entsprechen der Erfahrung des Erwachsenwerdens selbst. Die Offenheit dieses Films, sein Mut zur Lücke, machen ihn bemerkenswert glaubwürdig.

Bild: Salzgeber
Besonders überzeugend gelingt „Ninja Mothef*cking Destruction“ dabei die Darstellung weiblicher Freundschaft. Im Mittelpunkt steht nicht ein spektakulärer Konflikt, sondern die leise Erkenntnis, dass Menschen sich manchmal auseinanderentwickeln, ohne dass ein einzelnes Ereignis dafür verantwortlich wäre. Die Veränderungen geschehen schleichend, beinahe unbemerkt und gerade darin liegt ihre emotionale Wahrhaftigkeit. Auch die Liebesgeschichte zwischen Leonie und Naomi wird angenehm unspektakulär erzählt. Der Film macht die Queerness ihrer Beziehung nie zum zentralen Problem und statt gesellschaftlicher Ablehnung stehen persönliche Unsicherheiten, psychische Belastungen und mangelnde Kommunikation im Vordergrund. Diese Selbstverständlichkeit von queerer Identität ist eine große Stärke des Films.
„Ninja Motherf*cking Destruction“ ist ein filmisches Zeitdokument über das Erwachsenwerden – sowohl seiner Figuren als auch seines Filmteams. Gerade weil der Film seine Entstehungsgeschichte und seine damit verbundenen Ecken und Kanten nicht versteckt, entwickelt er eine besondere Ehrlichkeit. Er ist roh, manchmal ungeschliffen und nicht immer präzise, doch stets voller emotionaler Kraft. Lotta Schwerk gelingt ein Film, der Jugend, Erwachsenwerden und die damit verbundenen Höhen und Tiefen fühlbar macht. So entsteht ein bemerkenswert persönliches Debüt, das weniger durch große Wendungen als durch seine Wahrhaftigkeit überzeugt.

Ninja Motherf*cking Destruction
von Lotta Schwerk
Deutschland 2025, 79 Minuten, FSK 12
deutsche OF
Ab 16. Juli im Kino