Donkey Days
Trailer • Im Kino
Eine Farce der Boshaftigkeiten, wie sie nur in der Familie zu finden sind: In ihrem zweiten Spielfilm „Donkey Days“ untersucht die niederländische Regisseurin Rosanne Pel mit beißendem Humor ein schwer verrutschtes Mutter-Töchter-Dreieck – grandios gespielt von den Hauptdarstellerinnen Susanne Wolff, Hildegard Schmahl und der Newcomerin Jil Krammer in einem spektakulären Kinodebüt.

Bild: Salzgeber
Zusammen durchhalten
von Anja Kümmel
Irgendwann beginnt das Bild zu zittern wie bei einem mit Handkamera gedrehten Stummfilm. Dann dreht es sich so unmerklich gegen den Uhrzeigersinn, dass einem beim Zuschauen fast schwindlig wird. Erst langsam, dann immer schneller kippt das Haus nach links, so als würde es über die Horizontlinie aus dem Bild rutschen. Spätestens hier hat man kapiert: In dieser Familie hängt der Haussegen gewaltig schief.
Das Anwesen, das in dieser Einstellung zu sehen ist, liegt im ländlichen Schleswig-Holstein, umgeben von einem riesigen Garten – eine Welt für sich, die seltsam isoliert und beinahe aus der Zeit gefallen wirkt. Hier sind Anna und Charlotte aufgewachsen, die beiden Hauptfiguren in „Donkey Days“. Heute residiert hier nur noch ihre Mutter Ines, doch die beiden Schwestern kommen regelmäßig aus Hamburg zu Besuch. Und genau wie der einstmals prachtvolle Herrensitz nur noch aus der Ferne den schönen Schein wahrt, offenbart auch das Zusammensein der drei Frauen bei näherem Hinsehen rasch Risse: Ein falsches Wort, ein schiefer Blick – schon reißen alte Wunden auf und Anna und Charlotte fallen zurück in kindliche Dynamiken, die meist damit enden, dass mindestens eine heult. Oder alle drei.
Vor dieser Kulisse könnte sich ein gediegenes Familiendrama entfalten – doch die niederländische Regisseurin Rosanne Pel hat mit ihrem zweiten Spielfilm etwas anderes im Sinn. In welche Richtung die Reise gehen soll, zeigt bereits der fulminante Auftakt: Vier Frauen sitzen einander an einem Restauranttisch gegenüber – Ines, Charlotte, Anna und deren neue Partnerin, die zum ersten Mal der Familie vorgestellt wird. Das Kennenlern-Gespräch ist bereits mit subtilen Sticheleien gespickt, richtig zur Sache geht es allerdings erst beim Dessert: Eiskugeln, Cremes, Mousse, Früchte und Saucen werden direkt auf dem Tischtuch serviert, die vier Kontrahentinnen mit je einem Löffel ausgestattet, und los geht’s. Begleitet von dramatischen Streicherklängen zerhackt Anna die fragile Schokonetzhaube, dann versuchen alle Seiten verbissen, Territorien abzustecken, Grenzen zu verteidigen, sich die besten Stücke zu sichern – eine veritable Essensschlacht. Dass das nur in einer schwarzhumorigen Farce enden kann, ist mit dieser Eröffnung eigentlich klar.
Das dysfunktionale Dreieck hat die Regisseurin und Drehbuchautorin virtuos angelegt: An einer Spitze die toughe Geschäftsfrau Charlotte, die sich nicht in die Karten gucken lässt, an der anderen die queere, unangepasste Anna, die zwar resolut auftritt, innerlich jedoch ziemlich labil zu sein scheint. Und in der Mitte die knallharte Matriarchin Ines, die hier und da subtil die Fäden zieht. Auch die Wahl der Darstellerinnen ist superb: In der Rolle der Charlotte agiert Schauspielprofi Susanne Wolff, die sich hier angenehm zurücknimmt, Ines gibt die vom Theater bekannte Hildegard Schmahl als alternde Diva, die ohne eine Miene zu verziehen mit wenigen Worten ihre Dominanz markiert. Vor allem aber ist es die charismatische Präsenz von Jil Kremmer, die ohne jegliche Schauspielerfahrung allein durch ihre authentische und unprätentiöse Darstellung den Film trägt.

Bild: Salzgeber
Die elliptische Erzählweise verlangt dem Publikum zunächst einiges ab: Anstatt die eigentliche Eskalation in den Mittelpunkt zu stellen, konzentriert sich „Donkey Days“ auf die großen und kleinen Verwüstungen, die sie in den Figuren hinterlassen hat. Es fallen Sätze wie: „Immer dasselbe: Du haust ab!“, „Ihr könnt doch nicht über mein Leben entscheiden.“ Oder auch: „Jetzt flippt sie wieder aus!“ Aus diesen Fragmenten kann man sich das Geschehene Stück für Stück zusammenreimen. Zugleich allerdings – und darin liegt der eigentliche Kunstgriff – begreift man, dass der Grund des Streits nur eine periphere Rolle spielt. Wie so oft in familiären Konflikten ist er vielmehr bloßer Auslöser für all die kleinen Trigger, die in den Figuren und ihrer Dynamik seit Jahren oder gar Jahrzehnten angelegt sind. Es geht um Macht, um Anerkennung, um Rollenzuweisungen, um Abgrenzung, um Aufmerksamkeit, und immer wieder – wie das anfängliche Dessertmassaker nahelegt – um Nahrung, im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne: Was darf gegessen werden und wie viel? Wer füttert wen? Und wer verhungert am langen Arm?
Einen besonderen Cringe-Moment etwa bietet die Szene, in der die fast 85-jährige Mutter ihrer erwachsenen Tochter auf Teufel komm raus einen Löffel mit Ei in den Mund schieben will. Anna, die mit Gewichtsproblemen zu kämpfen hat, sich aber auch bewusst gegen weibliche Schönheitsnormen und Geschlechterrollenerwartungen auflehnt, sieht man das Leiden in diesem toxischen Dreieck am deutlichsten an. Doch sie ist keineswegs nur Opfer – auch sie versteht zu manipulieren und teilt bisweilen kräftig aus, etwa wenn sie unter dem Deckmantel schwesterlicher Sorge Charlotte auf deren fahle Haut und stumpfes Haar anspricht und ihr Essigspülungen und Yoga im Kampf gegen den „Zahn der Zeit“ empfiehlt.

Bild: Salzgeber
Die wackelige Handkamera bleibt dabei immer ganz nah dran an den Figuren, filmt sie in extremen Close-Ups und zwingt einen auf diese Weise in das nicht immer angenehme Spannungsfeld zwischen Identifikation und Fremdscham hinein. Manchmal wird das Bild unscharf, oder die Kamera schwankt einen Moment lang unschlüssig hin und her, so als wüsste sie selbst nicht, wohin sich die Figuren als nächstes bewegen, was dem Film einen fast dokumentarischen, oder zumindest stark improvisierten Charakter verleiht.
In collageartigen, teils experimentell-verspielten Bildern sehen wir Anna in ihrem Alltag als Lehrerin, mit ihrer Freundin beim Baden im See, auf Kink Parties oder bei einer schrägen Nackt-Performance. Sie gewinnt damit nicht nur von allen Figuren die meisten Nuancen, auch bieten diese Einblicke in ihr Leben die Chance, biografische Querbezüge herzustellen und die Auswirkungen kindlicher Verletzungen und Bindungsstile auf heutige Beziehungen auszuloten. Einmal etwa flüstert Annas Freundin einer gemeinsamen Bekannten etwas ins Ohr, und Anna reagiert darauf übertrieben misstrauisch und eifersüchtig. Ohne Kontext würde man diese Szene kaum verstehen, doch ein geschickt dazwischen montiertes komplizinnenhaftes Augenzwinkern zwischen Mutter und Schwester lässt uns die frühen Verletzungen erahnen, die zu Annas dauerndem Gefühl des Ausgeschlossenseins beigetragen haben mögen.

Bild: Salzgeber
Von Charlotte hingegen erfährt man kaum mehr, als dass sie Literaturagentin ist und gerne joggt. Das passt zwar gut zur Rolle der Unnahbaren, Gefühlskalten, die Mutter und Schwester ihr im Beziehungsdreieck zugewiesen haben, dennoch ist dieses Ungleichgewicht etwas schade, da sie dadurch auch für die Zuschauer:innen schwer durchschaubar bleibt und ihre Figur weniger Tiefe gewinnt Anna.
Über weite Strecken hält „Donkey Days“ gekonnt die Spannung zwischen Charakterstudie, Psychogramm, Thriller und schwarzhumoriger Farce, nicht zuletzt dank des fein komponierten Soundtracks von Ella van der Woude. So etwa in der schaurig-schönen Szene am Kamin der mütterlichen Residenz, als Anna zu Charlotte sagt: „Wir passen halt aufeinander auf in der Familie!“ Ihr Tonfall klingt wohlwollend-naiv, doch die einzelnen bedrohlich klirrenden Klaviernoten, die auf den Satz folgen, lassen tief blicken. Familie als Schutzraum und Gefängnis, Himmel und Hölle, Support-System und Hort der Unterdrückung. Viele von uns kennen wohl diesen Zwiespalt, und für viele von uns bleibt sie lebenslang ein Ort, dem man nur schwer entkommen kann.
Gegen Ende kippt der Film zusehends ins Groteske. Die absurden Zuspitzungen sorgen für Spannung und einige im Halse stecken bleibende Lacher, doch macht es uns Pel damit vielleicht ein wenig zu leicht, uns mittels Fremdscham von den Figuren zu distanzieren – mit denen wir doch eigentlich so viel gemeinsam haben.

Donkey Days
von Rosanne Pel
Deutschland/Niederlande 2025, 108 Minuten, FSK 16
deutsche OF mit Teilen auf Englisch und Niederländisch und mit deutschen UT
Ab 25. Juni im Kino