Mauern aus Sand
Trailer • Queerfilmnacht
Ein bei allen beliebter Junge in einem kroatischen Dorf glaubt, seinen Weg gefunden zu haben. Doch dann taucht ein Freund aus der Vergangenheit auf und weckt Gefühle, die sein sorgsam zusammengebautes Selbstbild in Frage stellen. „Mauern aus Sand“ ist eine melancholisch erzählte Geschichte über das Erwachsenwerden und den aussichtslosen Versuch, Erwartungen zu füllen, die nicht die eigenen sind. Behutsam und frei von Sentimentalität inszeniert Regisseurin Čejen Černić Čanak die Liebe als Naturgewalt, die sich ihren Weg bahnt. Im Mai läuft der Film in der Queerfilmnacht.

Bild: Salzgeber
Was die anderen sehen wollen
„Wenn du dich dem Wasser näherst, wirst du die Kälte nicht spüren. Du wirst dich erleuchtet fühlen.“ Marko hebt seine Freundin Petra mit beiden Armen hoch und droht im Scherz, sie in den Fluss fallen zu lassen. Er weiß es selbst noch nicht, doch Marko wird den symbolischen Sprung ins Wasser selbst bald wagen müssen. Die Frage ist nur, ob er damit Erleuchtung findet oder den Untergang.
So beginnt „Mauern aus Sand“ der Regisseurin Čejen Černić Čanak und des Autors Tomislav Zajec – und schnell werden dabei Erinnerungen wach an einige der prägenden, tragischen Coming-of-Age-Dramen der vergangenen Jahre: an François Ozons „Sommer 85“ (2020) zum Beispiel oder an Lukas Dhonts „Close“ (2022). Doch das zurückhaltend inszenierte Melodram aus Kroatien, das im vergangenen Jahr auf der Berlinale Premiere feierte, weiß sich in diesem queeren Canon als sympathischer, relevanter neuer Beitrag zu behaupten.
Von außen betrachtet ist Marko, gespielt von Newcomer Lav Novosel, ein typischer Teenager vom Dorf, sein Alltag scheint minutiös geplant, seine Zukunft vorbestimmt. Der Vater beschäftigt ihn in seiner Autowerkstatt und ist gleichzeitig sein Coach für die örtlichen Wettkämpfe im Armdrücken. In der Umkleidekabine sind sexistische Sprüche die Regel, es ist eine durch und durch maskuline Welt. Marko bewegt sich sicher darin, er ist der gutaussehende ‚Jock‘ von nebenan, allseits beliebt und in einer Beziehung mit der attraktiven Petra (Franka Mikolaci). Er kümmert sich liebevoll um den gehandicapten Bruder Fićo (Leon Grgić), der sich um die Kaninchen im Stall sorgt, wenn das Hochwasser kommt. Als die Dorfgemeinschaft sich auf bevorstehende Regenfälle vorbereitet und der Fluss bedrohlich anzuschwellen droht, packt auch Marko selbstverständlich mit an. Er schleppt Sandsäcke und hilft, den Damm zu sichern.
Marko hat genau das Bild von sich selbst geschaffen, das andere in ihm sehen wollen. Er sucht und findet Validierung und Anerkennung, und scheint damit nicht unglücklich. Doch eine Sache aus der Vergangenheit wirft einen wachsenden Schatten: Es geht um die verdächtig innige Beziehung, die Marko einst zu dem Kindheitsfreund Slaven (Andrija Žunac) verband, und die vor allem seine Eltern erfolgreich verdrängt haben. Niemand spricht mehr darüber, seit Slaven vor Jahren sehr plötzlich nach Berlin verschwand. Doch nun kehrt er zur Beerdigung seines Vaters in die Heimat zurück und sorgt sofort im Dorf für Getuschel. Marko weiß erst nicht, wie er mit der Situation umgehen soll und ignoriert den ehemaligen Freund, so gut es geht. Doch ganz so einfach kann er die Vergangenheit nicht hinter sich lassen – und schon gar nicht die Gefühle, die sich hinter den selbstgebauten imaginären Schutzmauern immer stärker und höher aufwallen. Wie ein Fluss, der jeden Moment über die Ufer treten könnte.
Die bevorstehende Flut nutzt der Film geschickt als rahmende Metapher. Von dem Sog der Wellen mitgerissen zu werden, kann tödliche Gefahr und Rettung zugleich bedeuten. Denn auf die Flut folgt der Wiederaufbau; die Verwüstung und Aushöhlung veralteter Strukturen verlangen einen Neubeginn, Regeneration. Marko steht vor der Wahl: Entweder er leugnet seine Gefühle oder er konfrontiert seine Familie mit der Wahrheit – auf die Gefahr hin, für immer ausgeschlossen zu werden. Hinter der Zurückweisung der Mutter (Tanja Smoje) steckt ein Ohnmachtsgefühl ebenso wie eine Angstabwehr vor dem Unbekannten. Im Kontext des konservativen Dorfkosmos sind Scham und soziale Ächtung real zu befürchtende Konsequenzen.

Bild: Salzgeber
Neu sind solche Szenarien nicht. Im Neuen Deutschen Kino wurde das vor mehr als 50 Jahren in seiner polemischsten Form von Peter Fleischmanns „Jagdszenen aus Niederbayern” (1969) vorgeführt. Dort sorgte ebenfalls ein schwuler Heimkehrer für Unruhe im idyllischen Dorfleben – die Mob-Mentalität der Provinz entlädt sich in offener Gewalt; sie spuckt das tabuisierte ‚Andere‘ förmlich aus, sobald es als Bedrohung für die traditionellen Normen des Sozialgefüges empfunden wird.
Eine derartig drastische Parabel menschlicher Grausamkeit erzählt „Mauern aus Sand“ freilich nicht. Doch ebenso sehr macht Čanak klar, dass auch heute queere Menschen mit Anfeindungen rechnen müssen, auch im modernen Kroatien. Die nominelle Gleichberechtigung queerer Menschen ist dort auf dem Papier zwar gegeben. Nur sieht die Realität im ländlichen Raum eben oft ganz anders aus, wie es fast überall auf der Welt der Fall ist – vor allem dort, wo Religion eine große Rolle spielt. Auch bei Markos Familie wird vor dem Essen das Kreuzzeichen gemacht.

Bild: Salzgeber
Lange wird die Verbindung zur sexuellen Identität im Film nicht offenkundig thematisiert, sie schwebt über allem, weggeschwiegen, aber immer präsent. Irgendwann jedoch muss sich Marko seiner Realität stellen. Es wird ein schwieriger, auch schmerzhafter Prozess. Der Sprung ins kalte Wasser ist unausweichlich und „Mauern aus Sand“ lässt offen, was genau danach für seine Protagonisten folgt – oder eben nicht folgt. Der Ungewissheit stellt Čanak einen hoffnungsvollen Blick auf persönliche Emanzipation entgegen: die Aussicht, in einem Neuanfang die eigene Identität so auszuformen, wie sie ist. Und eben nicht, wie andere sie sich vorstellen.

Love Me Tender
von Čejen Černić Čanak
Kroatien/Litauen/Slowenien 2025, 88 Minuten, FSK 12
kroatische OF mit deutschen UT
Jetzt in der Queerfilmnacht; ab 28. Mai im Kino