Unbedingter Gehorsam

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Der mexikanische Priester Marcial Maciel (1920-2008), Gründer der berüchtigten ‚Legionäre Christi‘, hat vor zehn Jahren einen der größten Skandale der katholischen Kirchengeschichte in Südamerika ausgelöst, als er des jahrzehntelangen Kindesmissbrauchs überführt und unehrenhaft aus dem Kirchendienst entlassen wurde. Vor einem weltlichen Gericht musste er sich nie verantworten. „Unbedingter Gehorsam“ basiert auf Marcial Maciels Fall, Regisseur Luis Urquiza erzählt die Geschichte aber aus der Perspektive eines seiner Opfer. Eine Studie über kirchliche Machtgefüge, die den Missbrauch erst ermöglichten, und über spirituelle Verführung, die einzig pädophilem Begehren dient.

Foto: Edition Salzgeber

In Gottes Hand

von Alexandra Seitz

Der 13-jährige Julián wird ins Knabenseminar der Ordensgemeinschaft „Los Cruzados de Cristo“ geschickt; seine Familie ist vielköpfig, und einen Mann Gottes unter ihren Mitgliedern zu haben, kann sich auf dem mexikanischen Land immer mal als nützlich erweisen. Inwieweit Julián sich tatsächlich auch berufen fühlt, bleibt offen. Rasch klar allerdings wird, dass der schüchterne und zarte Junge leichte Beute ist. Ein prädestiniertes Opfer: zunächst der älteren Burschen im Seminar, die ihn hänseln, und dann des Ordensvorstandes Padre Ángel de la Cruz, der ihn missbraucht. Oder vielmehr: der Julián hinein manipuliert in eine pädophile Beziehung, die dieser Jahrzehnte später erst als Missbrauch begreift. Der Padre zeichnet den Jungen mit seiner Aufmerksamkeit aus, er lädt ihn ein, in seinem Haus zu wohnen, er gibt ihm den neuen Namen Sacramento Santos, und schließlich lässt er sich von ihm dabei helfen, den Druck aus seinen Eiern zu nehmen. Der Vatikan habe ihm dafür eine Sondergenehmigung erteilt, erklärt er dem Knaben, denn seine Samenleiter seien zu eng und Gott stelle ihn solcherart auf die Probe.

Luis Urquizas Drama „Unbedingter Gehorsam“ basiert auf Ernesto Alcocers Buch über den Fall des mexikanischen Padre Marcial Maciel Degollado, Gründer der Ordensgemeinschaft ‚Legionäre Christi‘ sowie des Apostolatswerks ‚Regnum Christi‘, der wegen zahlreicher Mißbrauchsfälle und Verstoßes gegen das Zölibat 2006 von Papst Benedikt XVI unehrenhaft aus dem aktiven Kirchendienst entlassen worden war. Der Padre starb, ohne jemals Reue gezeigt zu haben.

Eine Art historisches, Fakten rekapitulierendes Biopic ist „Unbedingter Gehorsam“ jedoch nicht, vielmehr eine prüfende Untersuchung von Strukturen. Dabei ist das Tempo der Inszenierung nüchtern und gemessen, der Blick auf das Geschehen unaufgeregt und distanziert, das Spiel von Juan Manuel Bernal in der Rolle des Padre und Sebastián Aguirre in der des Zöglings schonungslos mutig und bemerkenswert nuanciert.

Und all dies ist, auch wenn sich das im Kontext von Kindesmissbrauch und Pädophilie zunächst einmal schrecklich liest, wohltuend. Das Thema an sich führt bei vielen nur zu Schnappatmung und Schaum vor dem Mund – Reaktionen totaler Abwehr. Sie scheuen sich davor, sich mit den perfiden Mechanismen auseinanderzusetzen, die im Rahmen eines Verhältnisses wirksam werden, das Zuwendung einsetzt, um über das darunterliegende Machtgefälle hinweg zu täuschen. Religiöse Propaganda von Sünde und Vergebung spielt emotionalen Bedürfnissen in die Hände und kreiert das psychische Muster des Gefangenen, der freiwillig in den Käfig geht, zusperrt und den Schlüssel wegwirft. Urquiza setzt genau an dieser Lücke an. Ihm geht es nicht um Verständnis für den Täter, sondern um ein besseres Begreifen des Gefüges. „Gibt es bessere Hände als Gottes Hände?“, fragt einmal einer. „Unbedingter Gehorsam“ gibt darauf eine bittere Antwort.



Unbedingter Gehorsam
von Luis Urquiza
MX 2014, 99 Minuten, FSK 16,
spanische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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