Jess & James

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Zwei Jungs setzen sich ins Auto und fahren los, quer übers argentinische Land. Unterwegs gabeln sie einen dritten auf, tanzen zusammen Tango am Strand, haben Sex in den Dünen, übernachten in einem Geisterhaus. Regisseur Santiago Giralt lässt seine Figuren auf einem surreal-verträumten Road Movie in eine Abfolge absurder Situationen und sexueller Begegnungen schliddern – und dabei erwachsen werden. Sein Film variiert aber nicht nur eigensinnig die Standardelemente des Genres, er gewinnt ihm auch zwei ganz neue Aspekte ab.

Foto: Edition Salzgeber

Ecce homo

von André Wendler

Sehr gut aussehende junge Menschen laufen vor den Verantwortlichkeiten des Erwachsenseins weg. Sie sagen Dinge wie »Es ist schön, sich gehen zu lassen«, oder »Liebst du mich nicht?«. Sie fahren in einem französischen Auto herum, lassen sich den Sonnenuntergang auf ihre strahlend jugendlichen Gesichter scheinen. Sie sitzen herum und sprechen über ihre Kinohelden, machen Pläne für kleine nichtige Diebstähle, rennen weg, haben Sex, hängen irgendwo rum, streifen ziellos durch die Welt, kehren zu ihren Familien zurück, wollen alles ändern. Déjà-vu auf allen Ebenen. Wenn man sich viel Mühe gibt, kann man sich vielleicht an ein paar solcher Tage oder Wochen im eigenen Leben erinnern. Ganz sicher wird man sich aber an Filme erinnern, die sich solche Road-Movie-Coming-of-Age-Boy-meets-Boy-Bilder ausgedacht haben. Wahrscheinlich ist jedes Land der Welt schon so durchreist worden. „Jess & James“ wiederholen das alles bei einer Reise durch Argentinien. Sie wissen genau, was sie tun, weil das Repertoire ihrer Handlungen so kanonisch ist wie die Namen, die sie sich geliehen haben.

Aber die Lage ist kompliziert. Während es in diesen Filmen immer um den Aufbruch als Ausbruch geht, eine Reise ins Neue und Unbekannte, ein neues Kapitel im eigenen Leben geöffnet werden soll, kann auch nur ein leicht abzählbares Repertoire an Handlungen und Bildern abgerufen werden. Die populäre Kultur kennt hier scheinbar keine Überraschungen. Spannend sind diese Filme aber nicht durch ihre immer schon bekannte Handlung oder weil sie an Bilder erinnern, von denen wir glauben, selbst einmal in ihnen vorgekommen zu sein. Interessant werden sie als Probebühnen für Bildgesten, die wiederholt werden müssen, um abschätzen zu können, was möglicherweise neu an ihnen ist. In „Jess & James“ sind das zwei Dinge.

Zum einen werden die beiden Jungs immer wieder so ins Bild gesetzt, dass ausdrücklich ausgestellt wird, dass es genau das, eben ein Bild ist. In Kapitel 4 des Film, „Das Ende der Welt“, sind die beiden an einem seltsamen Strand im Nirgendwo gelandet. Eine nur wenige Meter schmale Landzunge ragt in ein flaches Gewässer hinein. Die beiden räkeln sich in der Sonne. Abwechselnd liegt immer einer so im Breitformat des Films, dass seine Ränder genau von Kopf bis Fuß reichen und ihn perfekt, ausgesucht und wohldrapiert rahmen. Ecce homo. Die beiden anderen hingegen tanzen vor der Kamera umher und man sieht nur Ausschnitte ihrer Körper: einen schönen flachen Bauch, wohlgeformte Arme, schlanke Beine. Im Film ist es seit jeher selbstverständlich, dass die Figuren genau das sind, wozu die Bilder sie machen. Ikonen oder Superstars, gewöhnliche Statisten oder fantastische Wesen aus einer anderen Welt. Seit ein paar Jahren sind wir alle ständig dazu aufgefordert viel expliziter Bilder von uns in Umlauf zu bringen, die bezeugen wer und was und wann und wo wir sind: Selfies und Partyfotos auf Facebook, die Snapchat-Nachricht zur guten Nacht, das Profilbild auf der Bewerbungsplattform. Leute, die nicht wissen, wie sie die richtigen Bilder von sich machen und in Umlauf bringen, haben eine etwas andere Existenzform als die Kardashians und Obamas unserer vernetzten Welten.

Der Look dieser Bilder, und das ist das zweite Besondere des Films, bezieht sich aber auf nichts als auf historische Formen der Bildproduktion. Unsere Selfies sehen aus, als seien sie mit Sofortbildkameras oder körnigem Schwarz-Weiß-Film oder ähnlichem geschossen. „Jess & James“ strahlt in einem seltsam stählernen, fast solarisiertem Licht, bei dem man denken möchte, Jonas Mekas oder Andy Warhol rufen gleich von der Seite Regieanweisungen ins Bild.

Wenn ein Film also scheinbar nur Dinge zeigt, die wir alle schon tausendmal gesehen haben, so zeigt er auch, dass wir das Kino und neuerdings unsere Rechner und Tablets usw. als Orte brauchen, an denen wir trainieren können, wie wir diese Bilder und Stile, Bildgesten und -traditionen immer wieder neu erproben und aneignen können. Dazu gehört vermutlich zu wissen, wo sie herkommen und, so wie die Jungs ein imaginäres Reiseziel vor Augen haben, auch, wo wir mit ihnen hin wollen.




Jess & James
von Santiago Giralt
AR 2015, 92 Minuten, FSK 16,
spanische OF mit deutschen UT
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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