Ein Date für Mad Mary

Trailerqueerfilmnacht / Kino

Irland sei vor allem eins, sagt das Klischee: rau und unverblümt. Da wird nicht verschönt und verbrämt, da gibt’s Pubs und Prügeleien und harte Schalen mit weichen Herzen. Könnte stimmen, wenn man dem irischen Coming-of-Age-Film „Ein Date für Mad Mary“ glaubt, der diesen Monat in der queerfilmnacht läuft und ab 14. Dezember auch regulär im Kino zu sehen sein wird. Verkratzte Charaktere, superbe Schauspielerinnen, ein guter Soundtrack und – ganz nebenbei – eine lesbische Liebe machen das Spielfilmdebüt des Regisseurs Darren Thornton zu einer großen Entdeckung.

Foto: Edition Salzgeber

Verrückt nach ihr

von Tania Witte

Mary ist wütend – wütend und ein bisschen verrückt. Deshalb haben ihr die Einwohner der kleinen irischen Hafenstadt Drogheda den Beinamen „Mad“ verpasst, deshalb musste sie sechs Monate im Gefängnis verbringen. Letzteres aus Gründen, die sie vermutlich ebenso gerne vergessen würde wie die Frau, die sie im Suff in einem Club zusammengeschlagen hat und die diese Nacht als Narbe im Gesicht trägt.

Marys Narbe ist innerlich. Sie ist der abwesende Vater, die zynische Großmutter, die Mutter, die mit Älterwerden und Einsamkeit kämpft. Sie ist auch die Aussichtslosigkeit der irischen Arbeiterklasse und sie ist das Gefühl, falsch zu sein. Die Narbe speist Marys Wut und ihre Rebellion und sie überdauert das Gefängnis.

Als die Strafe abgesessen ist und Mary nach Drogheda zurückkehrt, ist alles wie es war und doch nichts beim Alten. Vor allem ihre beste Freundin Charlene ist ihr entglitten, rast mit voller Wucht und Absicht in ein klassisches bürgerliches Leben, verneint, verdrängt, vergisst die gemeinsame, wilde Vergangenheit mit ihrer Kindergartenfreundin Mary. Dass Mary eine ihrer beiden Trauzeuginnen sein soll, ist eher Gewohnheit als tiefer Vertrautheit geschuldet.

Die Freundschaft der beiden ungleichen Frauen ist pure Dysbalance. Während Mary Charlene nämlich obsessiv vergöttert, schämt sich die Braut mehr und mehr für ihre ungeschliffene Freundin. Dass der Grund für das Knirschen in der uneingestandenen Liebe liegt, die Mary für Charlene empfindet, ist keiner der beiden bewusst. Weshalb Mary, die an dem Realitätsabgleich des Bildes scheitert, das sie von ihrer Freundschaft hat, erneut in ihrer Wut ertrinkt. Sie säuft, sie prügelt, sie ätzt. Als ihr Charlene auch noch das ‚Plus Eins‘ für die Hochzeitsfeier versagt, weil sie doch eh keinen abkriegen würde, setzt Mary alles daran, ihr das Gegenteil zu beweisen.

Foto: Edition Salzgeber

Mit Unterstützung ihrer Mutter Suzanne, die gegen ihre Einsamkeit am liebsten Männer in der Altersklasse ihrer Tochter datet und sich freut, Mary endlich ein Make-over verpassen zu können, beginnt ein Date-Marathon. Zielvorgabe? Eine Hochzeitsbegleitung zu finden, die Charlene beeindruckt – also gesellschaftskonformer ist, als Mary selbst es je sein wird. Am Ende ist das perfekte Match gefunden: ein ebenso zauberhafter wie schwuler junger Mann.

Es gelingt Mary keine Woche, den Schein aufrecht zu halten – zumal sie inzwischen die Hochzeitsfotografin und Musikerin Jess kennengelernt hat. Mit Jess ist alles anders, und Mary weicht auf und verliebt sich. Was sie sich (erneut und natürlich) nicht eingesteht, weil Gefühle nicht so ihr Ding sind, ihre eigenen genauso wenig wie die von anderen. „I keep hurting people and I don’t know why“, sagt sie und macht doch demonstrativ mit Jess rum, um Charlene zu provozieren. Die folgenden Dramen sind abzusehen, aber am Ende ist Mary größer und stärker und vor allem mehr sie selbst als zuvor, weil Wachsen schließlich weh tut und weh tun muss.

Foto: Edition Salzgeber

Anders als in dem Theatermonolog „10 Dates for Mad Mary“ von Yasmine Akram („Sherlock“, TV, seit 2010), auf dem der Film fußt, spielen Marys Versuche, eine Begleitung für die Hochzeit zu finden, im Film eine eher untergeordnete Rolle. Statt eines Date-Movies haben die Brüder Darren und Colin Thornton ein Coming-of-Age-Stück geschrieben, in dem die Beziehungen von Mary zu ihrer Mutter und vor allem die Verschiebungen in Kindheitsfreundschaften die Hauptrollen spielen. Und das in aller Härte, allem Schmerz, allem Frust und aller Komik.

Tragend für die Geschichte ist der Text, den Mary in ihrer Rolle als Brautjungfer und älteste Freundin auf der Feier vortragen soll. Als Monolog auf dem Off umspannt er den Film, ist berührend und wird immer berührender, je weiter die Zuschauenden den Spalt in der unterschiedlichen Definitionen aufklaffen sehen, die die Frauen von ihrer Freundschaft haben.

„Ein Date für Mad Mary“ stellt die großen Fragen des Lebens, wie die, was Wahrheit ist und wie es sein kann, dass unterschiedliche Menschen die gleiche Szene in völlig anderer Erinnerung behalten. Es geht um die Sicherheit, die es gibt, an alten Mustern festzuhalten und die Kraft, die es spendet, sich selbst zu entwachsen. Das alles ist nicht wirklich neu, aber es ist grandios umgesetzt, weil es nicht kitscht, weil es sich so glaubwürdig anfühlt und weil die gecasteten Schauspielerinnen in ihren Rollen den Film tragen.

Foto: Edition Salzgeber

Vor allem Seána Kerslake als Mary ist ein Geschenk für jede Kamera, ein Geschenk für jedes Close-up. Als sie gefunden war (und völlig anders aussah, als sich Regisseur Darren Thornton seine Hauptdarstellerin vorgestellt hatte), warf er große Teile seines Konzepts über den Haufen und baute gemeinsam mit Kameramann Ole Bratt Birkeland die Bildführung rund um Nahaufnamen von Kerslake auf. Die pure Rauheit der gefundenen Bildsprache untermauert die Richtigkeit dieser Entscheidung.

Durch Kerslake wird der Film echt, wird Marys Wut, ihre Verwirrung, ihre Einsamkeit, ihre Suche echt, und diese Echtheit färbt auf jedes andere Bild des Filmes ab. Die weiblichen Hauptdarstellerinnen zeichnen ihre gebrochenen und nicht immer sympathischen Charaktere in starken Tönen: Neben Kerslake sind Tara Lee („The Fall: Tod in Belfast“, TV, seit 2013) als Jess, Charleight Bailey, die als Charlene ihr Leinwanddebüt gibt, und die bekannte irische TV-Schauspielerin Denise McCormack als Marys Mutter die vier Tragpfeiler des Films, der bereits völlig zurecht zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat.




Ein Date für Mad Mary
von Darren Thornton
IR 2016, 82 Minuten,
englische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

Im Dezember in der queerfilmnacht &
ab 14. Dezember hier im Kino.

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