So Damn Easy Going

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Jetzt im Kino: In Joannas Kopf dreht eine Achtbahnfahrt wilde Loopings, alles ist ständig in Bewegung. Medizinisch gesagt: Sie hat ADHS. Mitten im Chaos steht plötzlich eine neue Klassenkameradin vor ihr, die coole und selbstbewusste Audrey. Und Joanna hat nicht mehr nur blitzende Gedanken, sondern auch ein wild pochendes Herz. In „So Damn Easy Going“ lässt uns der schwedische Regisseur Christoffer Sandler mit viel Humor und leuchtenden Bildern in die Erfahrungswelt seiner Hauptfigur eintauchen. Anne Küper hat sich von dem wunderbaren Zuviel des Films mitreißen lassen, weil genau das so gut passt zu dieser besonderen Liebesgeschichte.

Foto: Salzgeber

Funkenflüge

von Anne Küper

Plötzlich blitzt es. In unregelmäßigen Abständen durchbricht ein grelles Licht die Bewegungen der Welt und schlägt mit einer solchen Helligkeit in sie ein, dass für einen Moment nichts mehr zu erkennen ist. „In meinem Hirn blitzt es“, sagt Joanna, als sie in der Apotheke die Medikamente abholen will. Und: „Ich brauche sie wirklich“. Den letzten Satz wiederholt sie, zweimal, dreimal, viermal, während sich das Stroboskop in ihrem Kopf erneut meldet. Das Bitten bringt nichts, die alten Rechnungen wurden nicht bezahlt. Die Blitze sind gekommen und sie werden bleiben, bis das Geld aufgetrieben ist.

Die übrigen Tabletten werden zerteilt. Hatten sie den Alltag strukturiert und das Gewittern stummgeschaltet, müssen jetzt andere Strategien her. Schwimmen hilft, vor der Schule oder danach. Das hat Joanna, die auch Jojo genannt wird, oft mit der Mutter gemacht, bevor sie starb. Das kleine, goldene Armband am Handgelenk erinnert an diese Zeit. Mit ihm lässt es sich gut spielen, wenn Joanna im Unterricht wieder nicht aufpassen kann. Während sich die Finger vom Schmuckstück zu den langen, roten Haaren hochtasten und nach Ablenkung suchen, wippen die Füße. Ab nach Hause, Zimmertüre zu. Alleinsein ist in „So Damn Easy Going“ nur auf den ersten Blick ein Zustand, der scheint, als wäre das Leben in ihm aushaltbar.

Das Spielfilmdebüt von Christoffer Sandler basiert auf dem Jugendroman „I‘m Just So-o Easy Going“ (2016) der schwedischen Autorin Jenny Jägerfeld. Darin erzählt sie anhand der Protagonistin Joanna vom Umgang mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung, kurz ADHS. Die psychische Krankheit, zurzeit intensiv in sozialen Netzwerken wie Instagram oder TikTok besprochen, wird bei Mädchen und jungen Frauen selten festgestellt. Das liegt zum einen daran, dass sich die Medizin lange Zeit auf die Diagnose und Behandlung männlicher Körper konzentriert hat. Zum anderem können die weiblichen Betroffenen ihre Symptome, die stärker nach innen gerichtet und weniger sichtbar sind, deutlich besser maskieren.

Diesen Moment der Maskerade nimmt der Film auf sehr unterschiedlichen Ebenen auf, vordergründig eben in Bezug auf die Erkrankung, von der Joannas Mitschüler:innen nicht wissen. Selbst Fuckbuddy Matheus, der immer für einen Ablenkungsquickie in Missionarsstellung zu haben ist und dessen „Oh shit!“ bei jedem Stoß klingt, als wäre ihm gerade eingefallen, dass er die Fische nicht gefüttert hat, ahnt nichts. Von ihm bekommt Joanna einen Haufen abgelaufene Kondome geschenkt, die sie während der Pause in bester Drogendeal-Manier verkauft. Das Geld für die Tabletten wird nun mal gebraucht, da müssen auch die Skibretter und der Entsafter aus der heimischen Abstellkammer dran glauben.

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„So Damn Easy Going“ zieht daraus definitiv seinen Witz. Gleichwohl handelt es sich um einen Film, den Klassenverhältnisse interessieren und der für die Zuschauenden einen Habitus auffächert, den die ultimative Anstrengung ausmacht, passen zu wollen, es aber nicht zu können. In diesem Sinne verkörpert Joanna nicht nur aufgrund des Coming-of-Age-Settings eine Übergangsfigur. Mit dem Fahrrad bewegt sie sich zwischen den Milieus hin und her, wechselt von Innenräumen, deren Interieurs beiläufig vom gesellschaftlichen Status der Menschen berichten, die sich in ihnen aufhalten, in den öffentlichen Raum. Die Stadt ist ein Ort, der mit Freiheit reizt, jedoch Gefahr bedeutet, wenn der Wind beim Fahren über eine rote Ampel durch die Haare flattert.

Der Tod der Mutter hinterlässt seine Spuren, der Vater hat den Job verloren und eine Depression bekommen. Zuhause heißt für Joanna nicht Unterstützung, sondern Arbeit. Die Annahme, es alleine hinbekommen und für sich wie das Elternteil sorgen zu müssen, separiert sie im Film weiter von ihrem Umfeld. Freund:innen gibt es nicht. Uninteressiert sind die Klassenkamerad:innen allerdings auch nicht, vielmehr suchen sie den Kontakt und hören nicht auf, sie zu Unternehmungen am Wochenende einzuladen. Joanna sagt, dass sie keine Zeit habe, aber es liegt mehr in diesem Satz, den sie spricht. Denn sie hat keine Zeit und kein Geld, kein Geld für die Rechnungen und die Tabletten, kein Geld für eine soziale Situation wie ein Kaffeetrinken, bei dem sie bestehen müsste, keine Ruhe im Kopf, es blitzt schon wieder. Freund:innen haben keine Priorität.

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Stammeln ist das, was das Drehbuch von „So Damn Easy Going“ ausmacht, die Suche nach einer Sprache, die gleichermaßen verhüllt wie offenlegt. Mithilfe von Einschüben, Nachschüben, Sätze voll überbordender Details und Erklärungen, die tendenziell den Bereich der Notlüge streifen, hält Joanna die Menschen auf Abstand. Sie sind Maßnahmen, um sich zu behaupten, die Scham zu umschiffen, die für sie darin liegt, so zu sein, wie sie ist. „Die Leute werden mich hassen“ fürchtet sie, als schließlich die Medikamente ausgehen, als würden nur sie diese junge Frau liebenswert machen, die regelmäßig über den Zaun im Schwimmbad klettert, weil sie sich den Eintritt nicht leisten kann.

Auf einmal betritt Audrey die Szene, die das Spiel mit den Ausreden zu durchschauen beginnt. Sie ist neu in der Stadt, nach der Trennung ihrer Mütter musste sie sich für eine entscheiden. Fand die erste Begegnung zwischen ihr und Joanna noch im Schulflur beim Kondomhandel statt, ereignet sich die zweite im Deutschunterricht, wo in Zweierpaaren die Konversationsfähigkeit geübt werden soll. „Was für ein Typ Mensch bist du?“, fragt Audrey. Und step by step ist der Eindruck nicht mehr aufrechtzuerhalten, dass die Gedanken nicht ständig rauschen würden und Joanna nicht kurz vor der Implosion steht. Die Funken fliegen, vor Audrey macht es keinen Sinn, sich als andere auszugeben: „Es ist alles eine große Scheiße“.

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All die Scheiße, all die Setzungen, die Regisseur Sandler vornimmt, könnten zu viel sein für einen Film. Das too much ist hier aber genau konsequent, weil es den Wahrnehmungsmodus der Protagonistin in seine Form aufnimmt und Überschneidungen erkundet. Eine weitere Nervosität hält Einzug in „So Damn Easy Going“, wenn Audreys Hand auf Joannas Knie liegt und sich die Blicke treffen, um nach einem gemeinsamen Begriff zu suchen, wenn Sandlers Film völlig umwerfend das Flirren einer ersten Liebe vermittelt und die Aufregungen und Ängste, die in ihr wohnen, obwohl es doch eigentlich ganz einfach ist zwischen diesen beiden, die wir selbst mal waren und nun von außen beobachten dürfen.

Wie schön und unheimlich die Liebe sein kann, erzählt „So Damn Easy Going“, und was für dumme Dinge gewagt werden wollen, um einen Schwarm zu beeindrucken; wie es ist, in das Gesicht eines Gegenübers zu schauen und dort eine Konstellation an Punkten zu erkennen, wie ein Sternbild vielleicht, das studiert werden muss; wie sich eine Umarmung anfühlt, wenn alles zu viel ist; und wie kalt das Wasser ist, in das wir zusammen springen, ohne zu wissen, wohin es uns treibt.




So Damn Easy Going
von Christoffer Sandler
SW/NO 2022, 91 Minuten, FSK 12,
schwedische OF mit deutschen UT

Ab 12. Januar im Kino.