No Skin Off My Ass

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Ein Punk-Friseur mit besonderen Vorlieben gabelt in einem Park in Toronto einen hübschen jungen Skinhead auf. Er nimmt ihn mit nach Hause, zieht ihn aus, badet ihn und sperrt ihn im Schlafzimmer ein. Dem Skin gelingt die Flucht ins Apartment seiner Schwester, die ihn sofort ihrerseits als Darsteller für einen lesbischen Undergroundfilm missbraucht. Reumütig kehrt der Skin zum Friseur zurück, um sich seine eigenen sexuellen Wünschen zu erfüllen. Der erste Film von Bruce LaBruce, der selbst den Friseur spielt, hat auch nach 30 Jahren nichts von seiner lustvollen Kraft verloren. „No Skin Off My Ass“ gibt es jetzt in digital restaurierter Fassung im Salzgeber Club. Peter Rehberg über LaBruces campen Skin-Flirt und das queere Einmaleins.

Foto: Salzgeber

Die Verschwulung als politische Maßnahme

von Peter Rehberg

Schon ganz schön lange her – 30 Jahre –, dass Bruce LaBruce seinen ersten Film drehte: „No Skin Off My Ass“, diesen Low-Budget-Schwarz-Weiß-Queercore-Film, der im Feiern von Amateur-Ästhetik, Subkultur-Glamour und schwulem Sex an die 60er-Jahre-Filme Andy Warhols anschließt. Gleichzeitig nahm LaBruce mit „No Skin Off My Ass“ schon 1991 die Ästhetik der Postpornografie der 2000er vorweg – also eine Kultur alternativer pornografischer Filme, die die pornografischen Konventionen in Frage stellten und die Sexszenen mit einer Erzählhandlung rahmten.

Fast genauso lange ist es her, dass die Berliner Labels „Wurstfilm“ und „Cazzo“ den internationalen Porno-Markt eroberten. Dabei stand ein Männertyp vor der Kamera, den man heute eigentlich nur noch einmal im Jahr bei Nachmittagsveranstaltungen zum Folsom Europe in der Öffentlichkeit sieht: der schwule Skinhead. In den 1990ern aber war der Skinhead eine hegemoniale Form schwuler Männlichkeit. Jedenfalls bei der Suche nach Sex stand dieser Stil – Glatze, Fred-Perry-Poloshirts, hochgekrempelte Domestos-Jeans und Doc-Martins-Springerstiefel – hoch im Kurs. Das war bevor der Hipster um 2000 herum die subkulturelle Bühne betreten hatte und etwas später dann eigentlich jeder Männlichkeitsstil von Anfang an als Modeerscheinung abgehakt wurde und nicht mehr als Ausdruck irgendeiner Gesinnung.

Beim Skinhead sah das noch anders aus. Obwohl der Skinhead letztlich genauso durchgestylt war wie der konsumorientierte Metrosexuelle, war sein Männlichkeits-Kapital durch seinen Flirt mit politischer Gefährlichkeit und körperlicher Gewalt quasi abgesichert. Zwar gab es historisch auch linke Skinheads, aber die gerieten schnell in Vergessenheit. Vor allem im deutschen Kontext wurde der Skinhead als rechte Szene-Figur eingeordnet. Eine Serie von ausländerfeindlichen Angriffen im gerade wiedervereinigten Deutschland Anfang der 1990er Jahre – Rostock, Mölln, Hoyerswerda, Solingen – bildeten die sehr reale Drohkulisse dazu. Die Frage, ob der Skin weiße Schnürsenkel trug und somit rechts war, oder rote und damit als links durchging, beschäftigte die Türsteher von Cruising-Bars: Soll man den schwulen Neonazis den Zutritt zum Darkroom verweigern? Oder ging es hier doch nur um die Zeichen gefährlicher Männlichkeit und nicht um rechte Ideologie?

Bruce LaBruce gelingt in seinem Film von 1991 das Kunststück, den Skin in ein Objekt von schwulem Camp zu verwandeln: In seiner Aneignung der Figur sorgen Witz, Sexualisierung und Melodrama dafür, dass das Zeichen „Skin“ seinen Halt verliert. LaBruce rückt zunächst die schwule Faszination für den Skinhead in den Fokus. Am Anfang wird der namenlose Skin (gespielt von Klaus von Brücker) in flickerndem, unscharfem Schwarzweiß gezeigt. Alleine hängt er an einer Straßenecke rum oder sitzt auf einer Parkbank. Eine ikonische Subkulturfigur, unnahbar – ein enigmatisches Objekt, ein Stricher. Im Hintergrund singt die Punk-Band Beefeater: „A skinhead guy just turns me on.“ Es folgen einige Passagen über Skinheads und ihren Bezug zur britischen Arbeiterjugend, dazu historisches Fotomaterial. Das Bild gefährlicher Männlichkeit ist schnell entworfen.

Kurze Soundschnipsel von Punkrock spielen auf die aggressive Gefühlslage des Skins an. Der junge Mann mit der Glatze und dem niedlichen Gesicht sagt in der ersten Hälfte des Films selber gar nichts. Im Vordergrund steht seine Funktion als Figur für das schwule Begehren, für den Friseur, die „Schwuchtel“, gespielt von LaBruce selbst. LaBruce erliegt aber nicht nur der Faszination vermeintlich bedrohlicher Männlichkeit. Sein Blick auf den Skin ist von Anfang an geprägt von Fürsorge und Zärtlichkeit. Den Soundtrack für die schwule Sehnsucht nach dem scheinbar toughen Typen liefert Karen Carpenters melancholische Stimme („Let Me Be the One“). Der Skin wird in die schwule Gefühlswelt hineingezogen. Die Liebesszene, mit der der Film schließlich endet, zeigt dann auch keinen harten Fick. Stattdessen drückt LaBruce dem süßen Skin-Boy einen Pickel aus, bevor er ihm die Glatze ableckt und ihm schließlich Erdnussbutter auf die Zehen schmiert, die dann nacheinander abgelutscht werden. Skin-Sex ist anscheinend vor allem oral. Zwischendurch gibt es auch ein paar Blow-Jobs. Und zum Schluss werden natürlich die Stiefel saubergeleckt.

So kommt es zur Zähmung des begehrten jungen Mannes. Im Haus des Friseurs wird der Pin-Up-Boy zu einer Art Haustier. Er wird gebadet und gefüttert. Schließlich kauert er mit Harness und Kette um den Hals in der Ecke. Der Flirt mit Gewalttätigkeit wird zum erotischen Spiel auf der Wohnzimmercouch. Die vermeintliche Unnahbarkeit des Skins, der eine Mauer aus Schweigen um sich aufgebaut hat, war sowieso nur ein Joke. Der listige Skin wendet die Schweigsamkeit als Trick an, immer wenn er ein Bett zum Schlafen sucht und jemanden, der ihn ein paar Tage durchfüttert.

Foto: Salzgeber

So richtig in Fahrt kommt die Verschwulung des Skins – und damit seine Dekonstruktion als politische Figur – aber erst im zweiten Teil des Films, nachdem die ältere Schwester des pseudogrimmigen Herumtreibers ihren Auftritt hatte. Diese wird gespielt von G.B. Jones, einer langjährigen Freundin von LaBruce. Zusammen gaben die beiden das queere Zine „J.D.s“ in Toronto heraus. Mit queerfeministischer Autorität schmettert Jones in der Rolle einer aktivistischen Filmemacherin eine Reihe brillanter One-Liner in Richtung ihres leicht verwirrten Bruders heraus: „Es ist so dumm, ein Skin zu sein!“ Und: „Eine Tunte zu sein ist immerhin schon ein kleiner Fortschritt“. Und schließlich: „Ein Skinhead ist blöd, ein Queer ist smart. Das ist eine einfache Kinderregel.“

Das queere Einmaleins aus dem Mund der großen lesbischen Schwester leuchtet irgendwann auch dem Skin-Boy ein. „Skinheads sind zu sehr Neonazis, um als neue Jungendkultur zu faszinieren. Also was willst du sein, Skinhead oder Star?“ Der junge Mann in „No Skin Off My Ass“ entscheidet sich natürlich lieber dafür, ein schwuler Schwanzlutscher zu werden, und damit der erste Star in einem Bruce-LaBruce-Film.

Foto: Salzgeber

Der Skin fügt sich in sein schwules, queeres Glück, bei dem – ganz wie im klassischen Pornofilm – sexuelle Erfüllung und Romantik zusammentreffen. In den auch nach 30 Jahren immer noch ziemlich unterhaltsamen 73 Minuten, die bis dahin vergangen sind, wartet „No Skin Off My Ass“ mit allen denkbaren schwulen und feministischen Tricks auf, um den Skin zu Fall zu bringen. So funktioniert queere Politik.




No Skin Off My Ass
von Bruce LaBruce
DE/CA 1991, 73 Minuten, FSK k.J.,
englische OF mit deutschen UT,

Salzgeber

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VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)

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