Ma Belle, My Beauty

TrailerQueerfilmnacht

Lane liebte Bertie, Bertie liebte Lane – und auch Fred. In New Orleans führten sie einst eine Dreierbeziehung, bis die irgendwann nicht mehr funktionierte und Lane aus dem gemeinsamen Leben verschwand. Zwei Jahre später haben Bertie und Fred geheiratet und sind zusammen nach Südfrankreich gezogen. Doch dann steht plötzlich Lane wieder vor der Tür… Vor dem Hintergrund einer sommerlichen Kleinstadtidylle erzählt Marion Hill von einem emotionalen Wiedersehen, das alte Wunden aufreißt und neue Fragen aufwirft. Angelika Nguyen über ein fein beobachtetes Porträt verliebter Menschen, das im August in der Queerfilmnacht zu sehen ist.

Foto: Salzgeber

Bleiben oder gehen

von Angelika Nguyen

Noch vor dem ersten Bild lärmen die Zikaden. Sommer. Südfrankreich. Swimmingpool. Aber kein träger Urlaub wird hier verbracht. Hier geht es um Gigs und die Vorbereitung einer Tour. Das Paar Bertie und Fred probt drinnen ein Lied, Bertie soll singen – und kann nicht. „Meine Kopfschmerzen bringen mich um“, sagt sie, meint aber etwas anderes. Eine Besucherin taucht auf, Lane. Sie wurde von Fred am Bahnhof abgeholt, er bringt sie zu dem großen Haus mit den kleinen Fenstern, die die Hitze draußen lassen. Zwischen Bertie und Lane knistert die erotische Spannung von der ersten Sekunde an. Bertie gießt gerade Blumen, erblickt Lane durch die Scheibe, hält sofort inne. Sie berühren sich nicht zur Begrüßung, keine französischen Küsschen auf die Wangen. Aber die Leinwand bebt. Sie sind US-Amerikanerinnen, haben in New Orleans mit Fred zu dritt gelebt. Das wird nach und nach erzählt. Irgendwann endete das, weil Lane gegangen war. Das hier ist der Beginn ihrer neuen Begegnung.

Fred hatte Lane hergeholt – die Gründe dafür sind zunächst rätselhaft. Haben doch Fred und Bertie inzwischen sogar ganz ordentlich heteronormativ geheiratet. Sie leben in diesem großen herrlichen Haus von Freds Eltern und arbeiten an ihrer Musik. Sie haben Zeit, sind in der Umgebung verankert, eine Tour steht bevor. Ein gehobenes, kreatives Leben scheint perfekt. Aber da gibt es ein Problem: Bertie hat diese Sing-Blockade. Etwas fehlt. Um dieses fehlende Etwas rankt sich das folgende Drama.

Regisseurin Marion Hill, die außerdem Autorin und Cutterin des Films ist, entfaltet die Erzählung ganz allmählich. Der Bogen wird sorgfältig gespannt. Es gibt die Einführung, die Smalltalks, die Höflichkeiten, bis bestimmte Sätze fallen. „Ich fang nichts mehr mit ihr an“, sagt etwa Bertie zu Fred, belauscht von Lane. Doch es wird klar, dass das gar nicht das Problem ist. Es geht nicht um Eifersucht zwischen den dreien. Sondern darum, dass jede:r in dieser Dreierkonstellation ein anderes Ziel hat. Freds Verlangen scheint weniger erotischer Natur zu sein, es geht ihm vor allem darum, die Sing-Blockade von Bertie aufzuheben, die als Sängerin eigentlich der Magnet der Band ist. Lane ist eifersüchtig auf die Hochzeit. „Sorry“, sagt sie, „ich kann mich nicht an dieses Ehefrau-Zeug gewöhnen.“

Die Luft flirrt vor Begehren zwischen Bertie und Lane. Der Blick Lanes bleibt an Bertie haften, während Fred ihr die Hochzeitsfotos zeigt. Lane, so scheint es, will Bertie zurück und kann sie nicht haben. Aber so einfach ist das nicht. Als Lane mit der umwerfend aussehenden Israelin Noa (der wahre dritte erotische Part in der Geschichte), die sie gerade auf einer Party kennengelernt hat, unverhohlen anbändelt, fängt Bertie plötzlich an zu singen. Zu einer einzelnen Gitarre so eindringlich und so gekonnt, dass man versteht, warum Fred so auf sie setzt bei der Tour. Der Text des Lieds erzählt von einer Liebe, die sicher nicht Fred meint. „Schau weg“, singt Bertie, „deine Augen durchschauen mich. Mit deinem Blick werde ich nie frei sein. Ich denk an dich, wenn ich einschlafe, ich denk an dich, wenn ich aufwache. Vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl holt es mich ein. Eine Liebkosung, sonst zählt nichts. Sollten wir uns berühren, fällt meine Welt auseinander.“ Erfreut stimmt Ehemann Fred mit dem Saxophon ein – er hat die Sängerin wieder, die er braucht.

 

Foto: Salzgeber

Der Höhepunkt der Geschichte ist erreicht, als Lane scheinbar getrost wieder einziehen könnte – ein Höhepunkt im wahrsten Sinne des Wortes, mit einer enorm intensiven und authentisch wirkenden Sexszene zwischen Lane und Bertie. Ein Highlight im weiblichen queeren Kino, den Darstellerinnen und Marion Hill sei Dank. Und dann beginnt der spannende Showdown.

Der Film erzählt keine Ménage-à-trois. Ganz klar sagt Lane einmal, dass es sich nicht um eine Dreiecksbeziehung handelt, vielmehr waren Fred und Lane zur selben Zeit mit Bertie zusammen, hatten aber nichts miteinander. Der Film erzählt die Leidenschaft zwischen zwei Frauen, die nicht voneinander lassen, aber auch nicht miteinander leben können, und wie beide ihren eigenen Ausweg aus diesem Dilemma suchen. Bertie nutzt ihre Liebe zu Fred, der eher zur Nebenfigur gerät, um ein „friedliches“ Hetero-Leben aufzubauen; Lane ist auf andere Art auf der Flucht.

Foto: Salzgeber

Mit beinahe forensischer Sorgfalt legt Hill die Motive ihrer Figuren frei. Sie zeigt die anfängliche Zurückhaltung der Figuren, dann Smalltalks, „Wie geht’s dir?“, „Was machst du?“. Die Handlung tritt in dabei in den Hintergrund. Es geht auch um die Hitze, die Trunkenheit, die Sonnenpunkte im Schatten, um das Haus, seine Dunkelheit bei Nacht. Das Leben wird gefeiert, beim Abendessen mit Nachbarn, auf einer Party bei Freunden. Viel Alkohol, viel Lachen. Bertie liest „Jane Eyre“ zum zwölften Mal, läuft mit Lane durch die engen Straßen des kleinen Orts, sucht fröhlich Früchte auf dem Markt aus. Oder: Fred, Bertie und Lane laufen zur Party, dargestellt in Zeitlupe, Fred trägt Rotwein und Saxophon, Bertie ist als geliebte Prinzessin in der Mitte, lachend. Und doch ist Bertie vielleicht die Traurigste von allen. Der Film ist aufmerksam mit Details, erzählt damit seine Figuren: der Swimmingpool steht für sonnenbeschienenen Spaß und nächtliche Ratlosigkeit, die Küche fürs Kochen und Trinken und Reden, der Markt für soziale Begegnungen, die Radfahrten für unbeschwerte Gemeinsamkeit.

Marion Hill, selbst mit Wurzeln in Vietnam, Frankreich und England, nutzt bewusst die jeweilige Herkunft der Darstellenden für ein vielfältiges Figurenensemble: Idella Johnson (Bertie) ist Afroamerikanerin, Hannah Pepper (Lane) weiße US-Amerikanerin, Lucien Guignard (Fred) hat spanische Wurzeln, und Sivan Noam Shimon (Noa) ist wie ihre Figur aus Israel. Dazu der Soundtrack des in New Orleans lebenden Marokkaners Mahmoud Chouki. Der erste abendfüllende Spielfilm von Marion Hill bekam auf dem Sundance-Festival 2021 den Publikumspreis. Und wird mit seinem stimmungsvollen Porträt verliebter Menschen bestimmt auch hierzulande die Zuschauer:innen berühren.




Ma Belle, My Beauty
von Marion Hill
US 2021, 96 Minuten, FSK 16,
englisch-französische OF mit deutschen UT,

Salzgeber

Im August in der Queerfilmnacht.

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