Lesbian Space Princess
Trailer • Im Kino
Knallbunt, euphorisch, kompromisslos queer: Der Animationsfilm „Lesbian Space Princess“ des australischen Regie-Duos Leela Varghese und Emma Hough Hobbs ist ein mitreißender intergalaktischer Selbstfindungstrip mit großem Herzen und Lust auf Krawall, irgendwo zwischen wilder Sci-Fi-Musical-Komödie und heilsamer Coming-of-Age-Abenteuerreise. Dafür gab es auf der Berlinale 2025 den Teddy-Award. Anne Küper über eine spaßig-schnelle Space Opera aus der Zukunft mit vielen politischen Bemerkungen über eine wenig spaßige Gegenwart.

Bild: Salzgeber
Aus der Bubble
von Anne Küper
Den Pullover, auf den der Schriftzug „SEXY BITCH“ gedruckt ist, will Kiki gerne wiederhaben. Saira weint und zieht das heimlich gemopste Kleidungsstück aus – nicht ohne aber ein zweites Oberteil mit demselben Aufdruck zu offenbaren, das sich darunter befindet. Kiki seufzt genervt, fordert auch die zweite Klamotte zurück. Schließlich wird sie allerdings nachgeben, weil die Tränen der Ex-Freundin nicht enden wollen, und aus deren königlichen Welt zumindest vorerst so schnell verschwinden, wie die abgezockte Kopfgeldjägerin sie betreten hatte. Mit dem Pulli und einem gebrochenen Herzen bleibt Prinzessin Saira zurück, in emotionaler Hinsicht gerade definitiv nicht die „SEXY BITCH“, als die sie das Textil nach außen hin markiert.
Um einen Etikettenschwindel scheint es sich im Nachhinein auch bei der Beziehung zu Kiki gehandelt zu haben. Zwei Wochen nur dauerte die Verbindung an, die für Saira wesentlich mehr bedeutete. Ein selbstgebasteltes Sammelalbum hatte sie Kiki geschenkt, um im Anschluss an die Übergabe ausgerechnet am eigenen Geburtstag abserviert zu werden. „We told you that the scrapbook is too much“, säuseln ihr die Eltern zu, die beiden sexpositiven Königinnen, unter deren Regentschaft der schwer zu findende Planet Clitopolis steht. Dass die introvertierte 23-jährige Tochter, gemeinhin als langweiligstes Mitglied der royalen Familie gehandelt, so lange mit der heißen Kiki zusammen war, hatten sie selbst nicht fassen können. Beim großen Lesbian Ball, der alljährlich im Königreich ansteht, werde Saira also mal wieder in der Single-Ecke stehen. Da sind sich beide Mütter sicher.
„Lesbian Space Princess“ heißt der Animationsfilm von Emma Hough Hobbes und Leela Varghese, der in seinem Titel viel eher eine Aufgabenstellung formuliert, statt eine knappe Figurenbeschreibung vorzunehmen: Was heißt es, in diesem Weltraum eine lesbische Prinzessin zu sein? Und wie lässt sich ein Selbstbewusstsein finden, wenn die innere Kritikerin kontinuierlich die eigenen Schwächen hervorhebt? Das sind die zentralen Fragen, die das Debüt des australischen Regie-Duos ausgehend von der Trennung als Moment der totalen Identitätskrise und existentiellen Selbstbefragung als knallbunte, musicalnahe und spaßig-schnelle Space Opera verfolgt.
Wohl aufgrund seiner Vorliebe zum Wortspiel ist „Lesbian Space Princess“ in Deutschland ab 16 Jahren freigegeben. Mehrdeutigkeiten prägen die Dialoge, die Orte und Figuren, denen Saira auf ihrem Selbstfindungstrip begegnet. In Bewegung wird die titelgebende, zweiflerische Protagonistin schlagartig durch eine Gruppe farbloser Antagonisten versetzt: „Straight White Maliens“ heißen sie, die Incels dieses planetaren Systems. Sie haben Kiki entführt und fordern im Gegenzug nichts weniger als die königliche „labrys“, jene goldene Doppelaxt, die das ultimative Zeichen und die gefährlichste Waffe der Lesben darstellt – und die Saira bislang wegen all ihrer Unsicherheiten noch gar nicht besitzt. Um die Ex-Freundin zu retten, muss die „safety bubble“ verlassen werden, wabernd umgibt sie den „gay space“, in dem die Prinzessin bisher sicher war vor Ed Sheeran-ähnlichen Gitarrenspielern.

Bild: Salzgeber
Begleitet wird sie bei den Abenteuern durch die unendlichen Weiten von einem „problematic ship“, das sich bei Saira gleich erstmal nach ihrer „richtigen Herkunft“ erkundigt. Das Gefühl, sich klein zu fühlen, nicht mit dem eigenen Körper in eine Gesellschaft zu passen, weil andere ihn ausgrenzen, überträgt „Lesbian Space Princess“ in den Vorstellungsraum des Weltalls. Durchaus erinnert das an überkommene wie bestehende Formen digitaler Kommunikation, wenn Blasen wie Planeten isoliert nebeneinanderstehen und Hough Hobbes / Varghese die „space odyssey“ mit popkulturellen Aufladungen queeren: Memes werden zitiert, Tumblr-Blogs wiederaufgeführt, Hasskommentare gelesen, Foren aufgerufen, um Ratschläge für die weitere Reise einzuholen. Das „world wide web“, durch das sich Saira bewegt und innerhalb dessen sie sich zurechtfinden muss: In der Metapher des Internets steckt nur eine von vielen politischen Bemerkungen des Films auf eine Gegenwart, in der sich die Orte digitaler Gewalt verfältigen und umso offensichtlicher scheint, wen sie trifft, und wer von ihr verschont bleibt.

Bild: Salzgeber
Nicht ohne unseren Alltag mit Medien ist dieser Coming-of-age-Film also zu denken, der Sairas Weg aus dem Elternhaus durch die Gaylaxie mit viel Humor und Hingabe zu seiner Hauptfigur begleitet. Dazu passt, dass die deutsche Synchronfassung von „Lesbian Space Princess“ mit einem prominenten Cast aufwartet. Neben Katy Karrenbauer und Jasmin Tabatabai sprechen Genet Zegay, Lena Urzendowsky und Lana Cooper die Figuren. Der gerissenen Drag-Queen Blade leiht Kelly Heelton ihre Stimme, die bei der 1. Staffel von Drag Race Germany den vierten Platz belegte.
Die Möglichkeit einer neuen Liebe tut sich auf, die Augen von Liedermacher:in Willow werden größer, wenn sie auf die Prinzessin fallen. Bloß ist Saira auf einer größeren Mission unterwegs, bei der es irgendwann gar nicht mehr so sehr darum geht, Kiki zurückzugewinnen, sondern für sich selbst einzustehen – und für das, was eine lesbian space princess eben auch trotz aller Selbstzweifel sein könnte: Eine „SEXY BITCH“ zum Beispiel.

Lesbian Space Princess
von Leela Varghese und Emma Hough Hobbs
Australien 2025, 86 Minuten
OF mit deutschen UT und deutsche SF
Ab 22. Januar im Kino