Go Fish

TrailerDVD / VoD

Zwei sehr unterschiedliche Frauen verlieben sich so nach und nach ineinander – und ihrem großen Freundinnenkreis geht das alles viel zu langsam. Liebevoll ironisch nennen sie es den „lesbischen ,Gandhi‘“ – und das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Rose Troche in ihrem klassischen, aber hierzulande lange nicht zu sehenden Erstling „Go Fish“ macht. Denn der ist schnell geschnitten, sexy, turbulent, experimentell und sehr witzig, ohne RomCom, Dramödie oder sonst eins dieser tausendfach variierten L-Film-Genres zu sein. Über den ersten lesbischen Indie-Hit und den ersten lesbischen Teddy-Gewinner überhaupt.

Foto: Edition Salzgeber

Kleine Fische

von Stephanie Kuhnen

Twentysomething Max hat ein Problem: Sie sieht umwerfend aus und hatte trotzdem seit über zehn Monaten keinen Sex. Das liegt an ihren übersteigerten Erwartungen an eine zukünftige Partnerin, meinen ihre Freundinnen. Und tatsächlich benimmt sich Max wie eine oberflächliche Tussi, als sie in einem Lesbencafé das erste Mal die unscheinbare Ely trifft. Diese hat eine lange Hippie-Matte, ist älter, schlaksig und extrem schüchtern. Doch Kia, Max’s Mitbewohnerin, und ihre Lebensgefährtin Evy geben den Plan, die beiden unterschiedlichen Frauen zu verkuppeln, so leicht nicht auf. Ein gemeinsamer Kinobesuch wird eingefädelt, nach dem Max bei Ely auf dem WG-Sofa landet. Beide Frauen kommen sich näher, sie küssen sich – und dann ruft Elys Fernbeziehung an. Ende von Date. Doch Elys Mitbewohnerin, die notorische Aufreißerin Daria, weiß Rat: Ely muss sich verändern und die Komfortzone ihrer nur noch formal existierenden Beziehung verlassen. Und Max muss ihre Einstellung dringend überprüfen. Ely bekommt einen Make-over und ein neues Lebensgefühl. Bei einer von Kira, Evy und Daria arrangierten Hausparty treffen die beiden wieder aufeinander und erhalten eine zweite Chance.

Nach 21 Jahren wirkt die Komödie „Go Fish“ heute noch so frisch und unverblümt lesbisch, dass sie mehr als nur ein Klassiker des Independent-Films ist. Das Debüt von „The L-Word“-Autorin und -Produzentin Rose Troche, das sie zusammen mit ihrer damaligen Partnerin, Drehbuchautorin und Schauspielerin Guinevere Turner („Preaching to the Perverted“, „The L-Word“, „The Watermelon Woman“), geschrieben und produziert hat, ist eine Liebeserklärung an das Lesbischsein, an die Freundinnenschaften, an die Solidarität untereinander, an den gemeinsamen Wunsch, andere Lebensformen zu entwickeln, als sich für die für Frauen vorgezeichneten Normen passend zu machen. Gleichzeitig ist „Go Fish“ eine hochkomplexe Auseinandersetzung mit lesbischer Kultur, bevor diese den LGBT-Prioritätsthemen um Coming-Outs, Familienkonzepte, Liebe oder Reibungsprobleme mit einem feindlichen „Außen“ untergeordnet wurde.

Zeitlos faszinierend an „Go Fish“ ist vor allem, wie mit einem Minimalbudget, grobkörniger Schwarz-Weiß-Ästhetik und experimenteller Montage unterschiedliche Performanzen lesbischer Identität miteinander verwoben und die unterschiedlichen Politiken von Selbstbehauptung visualisiert werden. Angesichts der Übermacht von Spielfilmen, die von Lesbischsein als angeborenem Wesenskern ausgehen, der einer gesellschaftlichen Anerkennung bedarf, erzählt „Go Fish“ von Identität als fortlaufender Handlung, in der Liebe im konventionellen Sinn nur ein Aspekt unter vielen ist, und auch diese fällt nicht schicksalshaft vom Himmel, sondern wird in freien Entscheidungen hergestellt. So müssen die beiden aneinander interessierten Frauen erst bestimmte Prozesse getrennt voneinander durchlaufen, um sich ineinander zu verlieben. Diese werden mitgetragen von ihren Freundinnen, die in permanenter Auseinandersetzung mit Liebe, Sex und Beziehungsformen untrennbarer Teil der filmischen Erzählung sind. Wie ein Quartett – daher der Titel nach dem Kartenspiel „Go Fish“ – diskutieren das Paar Kira und Evy und Daria plus Affäre die jeweiligen Entwicklungen zwischen Ely und Max und schmieden Pläne, wie sie unterstützend die beiden zu Beginn so unterschiedlichen Lesben zusammen bringen können. Dabei geht es weit mehr als nur um ein Matchmaking, das auf eine festgelegte Beziehungsform zielt. Tatsächlich wollen die Freundinnen eine sichere Umgebung herstellen, um beiden die Möglichkeit zu geben, selbst über die Art ihrer zukünftigen Beziehung zu entscheiden. Der Chor der Freundinnen ist bereits selbst so angelegt, dass nicht etwa zwei klassische Paarbeziehungen sich austauschen und „Glück“ als normatives Erleben definieren, sondern zum „Team Max-Ely“ auch die jeweilige Affäre namentlich eingeführt wird und gleichberechtigt mitdenkt. Nicht nur das macht „Go Fish“ auch zu einem feministischen Film, der grundsätzlich die „Natürlichkeit“ von Beziehungsorganisation in Frage stellt.

Vor dem Hintergrund der weltweiten Debatten um die Gleichstellung der Ehe von homosexuellen mit heterosexuellen Paaren wirkt die eindringliche, traumhafte Sequenz des Filmes, in der alle Hauptfiguren in Hochzeitskleider schlüpfen, während die angehende Schriftstellerin Max aus dem Off eine wütende Antirede hält, vielleicht auf den ersten Blick wie eine radikale Laune von 1994. Wer sich aber heute noch wundert, warum vor allem feministische Lesben die stärksten Ehe-Gegnerinnen aus nicht homophober Perspektive sind, sollte an dieser Stelle gut zuhören und in Betracht ziehen, dass Frauen traditionell durch diese staatlich privilegierten Institution mehr verlieren als gewinnen. Denn „Go Fish“ ist gänzlich ein „Gay Liberation“-Film, der in seiner Thematisierung von Alltags-Rassismus, struktureller Homophobie, lesbischer Unterrepräsentation und sozialer Benachteiligung gegen eine einfache Anpassung an „Gay Rights“ argumentiert, weil er keine Handlungsspielräume für ein selbstbestimmtes Leben von Lesben darin sieht.

Foto: Edition Salzgeber

Ein prominentes Argument der Homo-Ehe-Befürworter_innen ist, dass das öffentlich bezeugte Ja-Wort das größte und wertvollste Bekenntnis zur eigenen Homosexualität sei. „Go Fish“ unterlief diese Strategie schon, bevor dieser romantische Liebesdiskurs begann, als Kampagnenthema die Herzen und Einstellungen von Heteros mittels größtmöglicher Identifikation zu bewegen. Zahlreiche Bekenntnisoptionen zum Lesbischsein ziehen sich wie ein roter Faden ungewöhnlich vielschichtig durch den gesamten Film. Zum einen werden die verschiedenen Lesbengender wie Butch und Femme visualisiert, ohne dogmatisch Begehren zu definieren. Öffentlich lesbare Codes wie zeitgemäße Dyke-Fashion – Doc Martens, Baggy Pants, umgedrehte Basecaps und geringelte Oberteile – oder Frisuren zeigen ein stolzes Bekenntnis zum Lesbischsein und eine selbstbewusste Reaktion auf die Gendernormierungen von Frauenkörpern durch die Mehrheitsgesellschaft. Drei Szenen illustrieren die Kämpfe um Selbstdefinition nahezu archetypisch. Um wieder als sexuelle Person sichtbar zu werden und am Community-Leben teilzunehmen, lässt sich Ely die Haare von undefiniert lang auf klare Kante kurz schneiden. Dies geschieht nicht etwa in einem Frisiersalon, sondern durch eine befreundete Friseurin in einer häuslichen Umgebung. Was wie ein Mode-Statement scheint, ist vielerorts immer noch ein Politikum: Friseursalons sind für viele Frauen ein Ort, an dem ihre Entscheidungen über ihre Frisur offen in Frage gestellt werden. Auch heute noch gibt es ein unterschiedliches Bezahlsystem für Frauen und Männer und Frisuren sind gegendert. Aktuell findet sich die Frisurfrage für Lesben immer wieder – auch durch andere Lesben – in der Verächtlichmachung von „Kurzhaarlesben“. Eine Kurzhaarfrisur ist keine „Vermännlichung“, sie ist eine frei gewählte Selbstpräsentation. Dass Ely in ihrer Neuerfindung ihres Selbst „butch“ als Kategorie wählt, ist ein Teil dessen, aber nicht kausal bedingt. „Go Fish“ zeigt auch Femmes mit kurzen Haaren. Dem diskriminierenden Bild der Lesbe, die sich nicht zu kleiden vermag, begegnet der Film mit einer Schnittfolge, in der sich die Hauptfiguren für die große Party zurechtmachen. Liebevoller hat bisher kein Lesbenfilm dargestellt, wie sorgfältig einzelne Kleidungsstücke gewählt und fast schon ritualhaft angezogen werden.

Den Autorinnen von „Go Fish“ ist hoch anzurechnen, dass sie es gewagt haben, eine urbane lesbische Community nicht nur als ein befreites Lesbenparadies ohne Brüche und Konflikte darzustellen. An der Figur der sexuell sehr aktiven Daria wird eindringlich die Grenze der heilen Welt gezeigt, die ebenfalls Normen formuliert. Eines Nachts läuft Daria nach einem Sex-Date mit einem Mann allein durch die Straßen und wird von einer wütenden Gruppe von Lesben gekidnappt und mit dem Rücken zur Wand gestellt. Ihre lesbische Identität wird ihr aberkannt, sie wird beschuldigt, die Gemeinschaft zu verunreinigen, ihr Recht auf Privatsphäre wird von den Anklägerinnen grob verletzt. Zum Schluss der Szene wird deutlich, dass sich dieses Gericht nur in Darias Kopf abgespielt hat, sie aber Angst vor dem Urteil anderer Lesben hat und Sanktionierungen befürchtet. In der Gesamterzählung von „Go Fish“ mag diese Sequenz vielleicht eine untergeordnete Rolle spielen, doch ist es eine der wichtigsten Episoden und eine ehrliche Selbstkritik: Bekenntnisse sind nicht einforderbar, und eine Gruppe, die zu homogen wird, entwickelt eine eigene Normativität und ist anfällig für totalitäre Strukturen.

In der Kritik wurde dem Spielfilm immer wieder vorgeworfen, zu collageartig mit zu vielen Themen die Romanze überfrachtet zu haben. Dies lässt sich auch damit erklären, dass „Go Fish“ ursprünglich als Kurzfilm angelegt war. Retrospektiv betrachtet ist er ein Schlüsselwerk und Dokument der US-amerikanischen Lesben-Community der 90er Jahre, das heute noch wichtige Fragen nach Selbstbestimmung und Identität stellt. Und nicht nur das, „Go Fish“ ist auch ein Rohentwurf der Serie „The L-Word“, die Rose Troche und Guinevere Turner maßgeblich geprägt haben. Viele Charaktere und Begebenheiten tauchen mainstreamkompatibel wieder auf oder werden in der Tiefe ausgeleuchtet. Und auch die Schauspielerinnen von Max und Ely dürfen 2010 noch einmal in dem Lesben-Thriller „The Owls“ von Cheryl Dunye („The Watermelon Woman“) und Sarah Schulman („Mommy is Coming“) ein Paar spielen. Mit „Go Fish“ wurde Lesbenfilmgeschichte geschrieben, die immer noch ein Work in Progress ist.



Go Fish DVD

Go Fish
von Rose Troche
US 1994, 83 Minuten, FSK 12,
deutsche SF, englische OF mit deutschen UT
Edition Salzgeber




DVD: € 14,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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