Jamie und Jessie sind nicht zusammen

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Mit dem vielfach ausgezeichneten lesbischen Liebesdrama „Hannah Free“ machte die Regisseurin Wendy Jo Carlton 2009 erstmals auf sich aufmerksam. Zwei Jahre später wagte sie sich mit „Jamie und Jessie sind nicht zusammen“, auf leichteres Terrain. Ihr Film, den es jetzt im Salzgeber Club gibt, erzählt die Geschichte einer besonderen Freundschaft, die viel zu eng für Gefühle ist. Richard Garay über ein erholsames Gefühlschaos mit Musical-Einlagen.

Foto: Salzgeber

Komm her, geh weg!

von Richard Garay

Zu viel Nähe kann ganz schön unangenehm sein. Mir war z.B. neu, dass es im Amerikanischen den Begriff „close talker“ für Menschen gibt, die einem beim Reden zu nahe rücken („one who leaves little space in face-to-face chatter“, Urban Dictionary). Einander genug Raum lassen – das ist ohnehin nicht die Stärke von Close-Talkerinnen Jamie und Jessie, die sich in Chicago ein Apartment teilen. Jessie denkt, dass sie eigentlich in Jamie verliebt ist. Aber wie soll Liebe entstehen, geschürt und schließlich gestanden werden, wenn man die Mitbewohnerin sogar an der eigenen Wäsche riechen lässt, um zu entscheiden, ob ein Waschgang nötig ist? Was einem so nah ist, kann nicht mehr erobert werden.

Ok, wir sind unter kreativen, hübschen, intelligenten Indie-Frauen in Chicago, die sich zugute halten, ziemlich neurotisch zu sein. Die sich grundsätzlich zu nah sind und immer im entscheidenden Moment auf Abstand gehen. Die Angst vor Spinnen haben, allergisch auf Gras (also den natürlichen Bodenbelag) reagieren, sich begrüßen mit „You look like shit!“, und schon mal nach einem Kuss (Vorsicht: Nähe!) angewidert feststellen: „Du rauchst ja!“

Jessie ist da ein besonderes Exemplar, die um ihre Neurosen weiß und trotzdem instinktiv zwei Schritte nach vorne macht, wenn sie eigentlich zurückweichen will. Toll, wie Jessica London-Shields das spielt: einen Großstadt-Tolpatsch mit ständig verwirrtem Gesichtsausdruck und einer irritierend explosiven Lache, die ihre hysterischen Redeanfälle rhythmisch strukturiert. Jessies Eigentlich-Beziehung zu Jamie ist ziemlich gemein vom Drehbuch angelegt, denn ständig steht sie im Schatten ihrer burschikosen Freundin, ständig ist sie drei Schritte hinterher, ob es nun die Schauspielkarriere ist, der bevorstehende Umzug nach New York oder die sexuellen Affären. Aber da findet der Film auch sein Thema, denn es ist eine besondere Emanzipationgeschichte, die er erzählen will: von einer, die ihre große Liebe verlässt, um endlich selbst liebenswert zu werden.

Foto: Salzgeber

Jamie sitzt auf Umzugskartons und wird bald die Stadt verlassen. Jessie muss wissen, ob sie ihr fehlen wird. Jessie versucht, sich zu entziehen, um Nähe zu provozieren, stattdessen gelingt ihr endlich der Sprung aus dem Schatten und eigentlich alles, was sie sonst noch so will. Auf ganz tölpelhafte, neurotische und sehr witzige Weise. Wir freuen uns für sie, denn gelitten hat sie wirklich genug. Wie gemein ist das denn, wenn man zum Vorsprechen für eine Lieblingsrolle eingeladen wird, die Mitbewohnerin zur Unterstützung mitnimmt, diese aber dann ungewollt vom Fleck weg engagiert wird? Schon sehr gemein. Aber es geht noch gemeiner – als der Anruf mit dem Rollenangebot für Jamie kommt, kann sich die Kamera an Jessies Verletzung nicht sattsehen. Und als Jamie pflichtschuldig die Rolle ablehnt, klingelt Sekunden später Jessies Telefon mit den schönen Nachrichten. Und jetzt sehen wir die milde lächelnde Jamie. So sieht Erniedrigung aus… „Manche kriegen einfach alles, was sie wollen!“, stöhnt Jessie, kurz bevor sie selbst vom Drehbuch alles kriegt, was sie will.

Foto: Salzgeber

Man könnte sich nun natürlich fragen, was die beiden in einem Chicago, das so schön fotografiert ist und so viele attraktive Frauen beherbergt, dass man gar nicht versteht, warum Jamie und Jessie nach New York abhauen wollen, eigentlich für Probleme haben. Die sie so ausgiebig diskutieren und gerne auch mal in plötzlichen Musical-Nummern vorsingen. Aber das ist ziemlicher Unsinn, denn warum darf man nicht 90 Minuten mit Frauen im Gefühlschaos verbringen, die wie alle anderen ihre kleinen Dramen durchstehen müssen und immer wieder auch ihr kleines Glück finden. Warum sollte man vor einer „lesbian Musical Romantic Comedy with a big fat heart!“ davonlaufen? Hiergeblieben! „Jamie und Jessie sind nicht zusammen“ ist eine filmische Naherholung.




Jamie und Jessie sind NICHT zusammen
von Wendy Jo Carlton
US 2011, 96 Minuten, FSK 0,

englische OF mit deutschen UT,
Salzgeber

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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