Drown

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Gaywatch in knappen Badehosen: Im knisternden Lycra-Gewand eines Sexploitationfilms ertränkt „Drown“ ein Rettungsschwimmer sein schwules Begehren und geht dabei selbst unter, als ein schwuler Mitschwimmer ihm den Alphamann-Status streitig macht. Dean Francis’ Wasserstrudel von einem Film, den es jetzt im Salzgeber Club gibt, erzählt von verwirrten Gefühlen in grellen Farben und hypnotischen Rhythmen. Unser Autor Carsten Moll hat sich mit Freude in den Bildersturm begeben.

Foto: Salzgeber

Zuckerwatte über dem Ozean

von Carsten Moll

„Inflammable desires dampened by day under the cold water of consciousness are ignited that night by the libertarian matches of sleep, and burst forth in showers of shimmering incandescence.“ Das wusste der junge Kenneth Anger zu Beginn von „Fireworks“ (1947) aus dem Off zu erzählen, bevor er sich in einer SM-Fantasie mit muskulösen Matrosen zugleich verlor und wiederfand. An befreienden Schlaf oder gar homoerotische Träumereien ist für Lenny, den Protagonisten aus „Drown“, hingegen nicht zu denken: Das kalte Wasser spritzt dem Heranwachsenden mit vollem Druck ins Gesicht und lässt ihn um Atem ringen, mit dem Gartenschlauch versucht sein Vater ganz wörtlich all die brennenden Sehnsüchte des Sohnes auszulöschen. „Sei keine verdammte Schwuchtel“, schreit er immer wieder, während er Lenny quält, und will sein eigen Fleisch und Blut so mit aller Macht zum Mannsein drillen.

Einige Jahre später scheinen sich die rigorosen Erziehungsmethoden ausgezahlt zu haben. Lenny ist ein vor Energie nur so vibrierendes Alphamännchen, ein überheblicher Anführer, dem die anderen Jungs bereitwillig und ziemlich hirnlos folgen. Und als der junge Mann dann zum wiederholten Mal von seinem stolzen Rettungsschwimmer-Club zum Mitglied des Jahres gewählt wird, weiß er ganz genau, bei wem er sich für seinen Erfolg zu bedanken hat. Unter Tränen und dem Einfluss von jeder Menge Schnaps stößt der unangefochtene Champion gemeinsam mit den Kameraden auf seinen alten Herrn an.

Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und Wassermassen bis zum Horizont – das Leben am Bondi Beach, nicht weit von Sydney, gibt sich frei von Ambivalenzen. Himmel und Erde, Land und Wasser sowie Licht und Schatten sind scheinbar ebenso klar und eindeutig voneinander getrennt wie Männliches von Weiblichem und Hetero von Homo. Doch dann taucht eines Tages ein Neuer in der auffallend frauenlosen Macho-Welt der Rettungsschwimmer auf, der schwule Phil.

Phil ist ein Grenzgänger, der einerseits mit kühlem Kopf und Körperkraft seinem Beruf als Lebensretter nachgeht und dabei im Wettkampf schließlich sogar das Alphatier Lenny vom Thron stoßen kann. Andererseits tanzt Phil zusammen mit seinem Freund Tom unterm Feuerwerk beim queeren Mardi Gras in Sydney. Er tut das so ausgelassen und unbekümmert, als gäbe es das alles nicht, die subtilen Ausgrenzungen und die offene Gewalt, denen Homosexuelle wie er Tag für Tag ausgesetzt sind.

Dass so einer wie Phil im klar abgesteckten Territorium von Lenny für Verunsicherung sorgen muss, versteht sich von selbst. Kamera und Tonspur spüren diese Irritationen zuerst, die anfangs recht cleanen Aufnahmen von einem „Baywatch“ ohne Babes kippen immer mehr in von Elektrosounds umspülten, surrealen Camp: Rosa Zuckerwattewolken schweben über dem Ozean, die Blicke unter der Gemeinschaftsdusche werden vieldeutiger und die Kamera selbst schaut verräterisch oft und lange auf die knappen roten Badehöschen der Rettungsschwimmer. Mit Phils Ankunft leuchten Lennys verdrängte Sehnsüchte plötzlich in Signalfarben auf und ein schwules Leben, das nicht Schwäche bedeuten muss, rückt in greifbare Nähe. Doch Lenny ist einer, der sich selber nicht begreifen kann. Lenny ist einer, der zuschlägt, wenn er nicht versteht.

Foto: Salzgeber

Nach dem gleichnamigen Theaterstück von Stephen Davis inszeniert der Regisseur und Drehbuchautor Dean Francis diese Geschichte um unterdrücktes Begehren, Homophobie und Selbsthass. Dabei lässt sich „Drown“ als eine Fortsetzung von Francis’ verstörendem Kurzfilm „Boys Grammar“ (2005) verstehen, der die reale Vergewaltigung eines Teenagers durch seine Mitschüler aufgreift.

Ausgerechnet Matt Levett, der den sadistischen Lenny in „Drown“ spielt, ist in „Boys Grammar“ in der Rolle des Vergewaltigungsopfers Gareth zu sehen. Für Gareths Vater ist das, was seinem Sohn unter der Dusche angetan wurde, bezeichnenderweise nicht mehr als ein Initiationsritus, der stark macht, wenn man nicht an ihm zerbricht. Der Frust über diese kaltschnäuzige Ignoranz entlädt sich schließlich in Gewalt, „Boys Grammar“ endet mit einer befremdlichen Einstellung, die zeigt, wie Gareth und einer seiner Peiniger sich mit einer Geste zwischen Prügelei und tröstender Liebkosung in den Armen liegen.

Foto: Salzgeber

Diese Intimität, in der sich Bedrohung und Begierde auf verwirrende Weise durchdringen, zeichnet auch „Drown“ aus und schlägt sich in der filmischen Struktur nieder. Francis erzählt sich nämlich nicht von vorne nach hinten durch seine Story: Das düstere Finale, bei dem Lenny Phil in ein grausames Katz-und-Maus-Spiel am nächtlichen Strand verwickelt, blitzt in all seiner Grimmigkeit schon gleich zu Beginn des Films auf und soll sich im weiteren Verlauf immer wieder zwischen die bunten Camp-Bilder drängen.

Vergangenheit und Gegenwart wirbeln durcheinander, anhand von Jump Cuts springt „Drown“ vor und zurück durch die Zeiten und folgt dabei einer rein affektiven Logik statt sich einer chronologischen Ordnung oder kausalen Zusammenhängen zu fügen. Phils geschwollenes Auge und sein von blauen Flecken übersäter Körper etwa tauchen schon vor den Schlägen seiner Vereinskameraden im Bildersturm auf. Es ist, als würde der zerfetzte Plot orientierungslos in einem Malstrom treiben, der nur eine Richtung kennt: nach unten, immer tiefer zum Trauma und dem bitteren Ende entgegen.

Foto: Salzgeber

Für Lennys Verharren in der väterlichen Gewalt, sein Nicht-Emanzipiertsein, findet Regisseur Dean Francis eindeutige, ja plakative Bilder. So lässt er seinen Protagonisten beispielsweise einmal bei der Arbeit auf einem Schrottplatz ein großes Gitter vor sich hertragen. Diese Überdeutlichkeit bis zur unfreiwilligen Komik, aber auch die grellen Effekte und die flache Figurenpsychologie können dabei durchaus abstoßend wirken und machen „Drown“ oft nur mit etwas ironischer Distanz als Trash genießbar.

Und doch verführt der Film zugleich auch mit seiner rauschhaften Clipästhetik, einem sehenswerten kinematischen Eigensinn und der beeindruckenden Performance Matt Levetts. Ein bisschen fühlt man sich wie Phil, der im Strudel der Ereignisse bloßes Opfer ist, aber diese Rolle mit masochistischem Gleichmut erduldet und sogar Vergnügen daran zu finden scheint.

Foto: Salzgeber

Von den vorbildlichen, sozial engagierten LGBT-Helden, die es ab und zu ins Mainstreamkino schaffen, sind Figuren wie Phil und Lenny natürlich ebenso weit entfernt wie von der postemanzipatorischen Gelassenheit in den Independentfilmen à la Travis Mathews. Sie lassen sich leichter in einem Exploitation-Kontext verorten und werden hier auch verständlicher, befreit von der Last strikt psychologisch glaubwürdig und nachvollziehbar zu agieren. Das Exploitationkino, zu dem Dean Franics mit dem Ozploitation-Horror „Road Train“ (2010) ebenfalls schon beigetragen hat, war schließlich stets auch ein Raum, um den realen Machismo frei von Subtilität sowie gutem Geschmack aufzublasen und – wenn ihn so schon nicht zum Platzen zu bringen – all die feinen Risse in seiner Oberfläche zum Vorschein zu bringen.

Und genau das gelingt den Filmemachern mit diesem großen, erschreckenden Spaß, der sich im Ton vergreift und trotzdem weiter plärrt, der abstößt und mit seiner Kompromisslosigkeit gleichzeitig anzieht. Aber es bewegt definitiv, dieses Feuerwerk für einen Rettungsschwimmer, der schon vor langer Zeit an Land ertrunken ist.




Drown
von Dean Francis
AU 2014, 93 Minuten, FSK 16,

englische OF mit deutschen UT,
Salzgeber

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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