Bonnie & Bonnie

Trailer queerfilmnacht / Kino

Jetzt im Kino: Yara lebt mit ihrem albanischen Vater und den drei Geschwistern in Hamburg-Wilhelmsburg. Neben ihrem Job im Supermarkt schmeißt sie den Familienhaushalt und vertreibt sich die Freizeit mit ihrer Clique. Als sie auf der Straße der toughen Kiki begegnet, ist plötzlich nichts mehr wie zuvor: Während Yara eine neue, bislang ungekannte Freiheit entdeckt, erlebt Heimkind Kiki das erste Mal das Gefühl von Geborgenheit. Aber niemand darf von der Beziehung wissen, vor allem nicht Yaras konservativer Vater, der schon einen Ehemann für sie ausgesucht hat…  Regisseur Ali Hakim erzählt die berührende Geschichte von zwei jungen Frauen, die wie ihre filmhistorischen Vorbilder Bonnie und Clyde ins Weite aufbrechen müssen, damit ihre Liebe eine Chance hat. Anja Kümmel über eine mitreißende lesbische Romanze, die im Oktober in der queerfilmnacht zu sehen ist und am 24. Oktober auch regulär im Kino startet.

Foto: Edition Salzgeber

An alle Hater da draußen

von Anja Kümmel

Heterosexuelle cis-Männer, die Lesbenfilme drehen – das kann danebengehen. Muss es aber nicht, wie jüngst z.B. Joachim Triers „Thelma“, Sebastián Lelios „Ungehorsam“ oder Anatol Schusters „Luft“ bewiesen. Auch bei Ali Hakims Langfilmdebüt „Bonnie & Bonnie“ verfliegt die Skepsis schnell: Von der ersten Szene an ist der Film ganz nah dran an seinen Figuren, ohne dass diese Intimität etwas Voyeuristisches hätte. Mit schnellen Schnitten, angelehnt an die Ästhetik eines Musikclips, filmt er die Hood, durch die sich seine Hauptfiguren Yara und Kiki bewegen: Plattenbauten, Dönerbuden, Gemüseläden und Wettbüros, S-Bahn-Unterführungen, in denen Yara und ihre Freund_innen ihre derben Pranks abziehen und sofort ins Netz stellen, die Brachflächen, auf denen sie abhängen, kiffen, rappen, sprayen, und sich die eben gedrehten Clips wieder und wieder anschauen.

Das hat nichts von einer Sozialstudie, sondern ist vielmehr eine Liebeserklärung an Hamburg-Wilhelmsburg und seine Bewohner_innen. Geboren in Afghanistan, wuchs Hakim selbst dort auf, nachdem er 1989 mit seiner Familie nach Deutschland kam. In den letzten 30 Jahren hat sich viel verändert auf der Elbinsel im Süden Hamburgs: Ghetto-Kids treffen auf hippe Kunstgalerien, schicke Autos auf heruntergekommene Sozialwohnungen. Ganz nebenbei thematisiert „Bonnie & Bonnie“ diese Gentrifizierungsprozesse, einfach indem er die Welten zeigt, die dort aufeinanderprallen.

Ein Clash ist auch die erste Begegnung zwischen Yara und Kiki. Das Leben der 16-jährigen Yara und ihrer Clique spielt sich größtenteils im Internet ab, was auch die Kamera geschickt einfängt: Immer wieder tun sich Frames im Frame auf, überlagern sich Real Life und Virtualität – ein Zeitgeistphänomen, das für den Plot noch eine wesentliche Rolle spielen wird. Als Teil eines Pranks soll Yara die Hand einer Person ergreifen, während ihre Freunde mit gezückten iPhones im Gebüsch warten. Es trifft die 18-jährige Kiki – groß, schlank, platinblond, in Baggy Jeans und schwarzer Lederjacke. Aber mit Kiki ist nicht zu spaßen. Reflexhaft zückt sie ihr Messer und pinnt Yara an die Hausmauer. Eine Augenweide nicht nur für Knife-Play-Fetischist_innen: Wie Kiki von einer Sekunde zur anderen den Spieß umdreht und mit samtweicher Stimme zugleich verführerisch und unterschwellig drohend auf die völlig verschreckte Yara einredet, während sie ihr unerwartet zärtlich die Klinge über die Haut zieht, zählt definitiv zu den heißesten Szenen des lesbischen Kinos der letzten Jahre.

Foto: Edition Salzgeber

Die Rolle der Femme fatale steht Kiki überaus gut – passend dazu erfährt man im Laufe des Films kaum etwas über sie, außer dass sie bereits eine beachtliche kriminelle Karriere inklusive Knasterfahrung hinter sich hat.  Ein paar Mal sieht man sie bei der Arbeit an der Bar eines Wettbüros, wo ausgerechnet Yaras großer Bruder Bekim sie bei jeder Gelegenheit gnadenlos anbaggert. Ansonsten hüllt sich Kiki in Geheimnis und Schweigen; besonders ihre Familie ist ein Tabuthema.

Ganz anders bei Yara: In ihrer albanischen Familie haben der Vater und der große Bruder das Sagen, deren oberstes Credo lautet, die Kinder und die Frauen „im Griff“ zu behalten. Eine Mutter gibt es offenbar nicht, und so fällt es Yara zu, den Tee zu servieren und sich um die kleinen Geschwister zu kümmern. Subtil skizziert Hakim diese Dynamiken in vielen kleinen häuslichen Szenen, die teils erdrückend wirken, dabei aber auch eine gewisse Geborgenheit ausstrahlen. Ohne Worte versteht man: Krasser könnte der Kontrast zwischen den Lebenswelten der beiden Mädchen kaum sein. Trotzdem hat das Knistern der ersten Begegnung einen bleibenden Eindruck hinterlassen – bei beiden.

Foto: Edition Salzgeber

Über die raue Attitüde hinweg, die sie sich auf der Straße zugelegt haben, verläuft ihre Annäherung  zunächst etwas holprig, letztendlich jedoch unaufgeregt: Eine spontane Fahrstunde in einem „geliehenen“ Wagen, ein erster Kuss vor industrieller Hafenkulisse, eine improvisierte Tanz-Einlage mit Container-Kränen im Hintergrund. Dass sie gerade dabei ist, sich in ein anderes Mädchen zu verlieben, scheint zumindest für Kiki kein großes Thema zu sein; und auch für Yara wird es erst in dem Moment zum Problem, als ihre Familie und ihre Clique davon Wind bekommen. Schon bald reichen die heimlichen Treffen am Hafen, in Lagerhallen und Hauseingängen nicht mehr, und das Paar beginnt Fluchtpläne zu schmieden. Doch da ist ihnen Bekim bereits auf der Spur.

Foto: Edition Salzgeber

Im letzten Drittel eskaliert die Situation, und der Film kippt recht plötzlich in Richtung Roadmovie, Kriminaldrama und blutiger Action. Auch wenn der Titel diese Entwicklung bereits andeutet, hätte der eher realistisch-lockere Grundton des Anfangs eine derart hollywoodeske Anhäufung hochdramatischer Elemente im Finale dann doch nicht erwarten lassen. Neben „Thelma & Louise“ und natürlich „Bonnie & Clyde“ ruft die Flucht der beiden Mädchen vor allem auch den feministischen Klassiker des deutschsprachigen Kinos „Bandits“ von Katja von Garnier in Erinnerung. Waren es 1997 noch Wäschekörbe voller Fanpost, die bei der Polizei für die aus dem Gefängnis geflohenen Frauen eintrafen, wird 22 Jahre später die entsprechende Aufmerksamkeit über Youtube generiert. Ganz nebenbei erteilt „Bonnie & Bonnie“ so auch eine Lektion in Sachen Social Media: Der anfänglich als schändlicher Aufreger hochgeladene Clip „Albaner erwischt Schwester beim Lesbensex“ bekommt nach und nach auch positive Kommentare, und schließlich bildet sich eine veritable Fangemeinde, die mit den beiden mitfiebert und ihnen virtuell Mut zuspricht.

Foto: Edition Salzgeber

Wie eine aus diversen Versatzstücken bekannter Gangster- und Emanzipations-Filme zusammengebastelte Fantasie wirkt dieser Showdown – vermutlich mit Absicht, aber doch ein ziemlicher Bruch mit der Machart und Atmosphäre des Anfangs. Während die Schauspielkunst der Nebendarsteller_innen nicht immer überzeugt, kommen Emma Drogunova und Sarah Mahita in den Hauptrollen fast durchweg authentisch rüber. Und die Chemie zwischen ihnen stimmt sowieso. Eine berührende Romanze zwischen zwei charismatischen jungen Frauen, mitten aus dem Leben gegriffen – allein dadurch ist „Bonnie & Bonnie“ eine große Bereicherung fürs deutschsprachige Kino.




Bonnie & Bonnie
von Ali Hakim
DE 2019, 90 Minuten, FSK 16,
deutsche OF,

Edition Salzgeber

Im Oktober in der queerfilmnacht und ab 24. Oktober hier im Kino.

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