Enzo
Trailer • Queerfilmnacht
Der 16-jährige Enzo fängt aus Protest gegen die Großbürgerlichkeit seiner Familie auf einer Baustelle an – und findet in seinem Kollegen Vlad das Vorbild, das er in seinem Vater nie sehen wollte. Doch dabei entdeckt er noch kompliziertere Gefühle. In sonnengetränkten Bildern erzählt „Enzo“ von Laurent Cantet und Robin Campillo einfühlsam vom Versuch eines Erwachsenwerdens – und allem jugendlichen Unbehagen, das dazugehört: gegenüber sich selbst, den eigenen Gefühlen, der eigenen Haltung. Janick Nolting über einen betörenden, drückend sommerlichen Film.

Bild: Salzgeber
Etwas, das bleibt
von Janick Nolting
Enzos Hände versagen. Sie sind geschunden von der Arbeit, rau und blutig aufgerieben, als würde ihn sein Körper aus der Welt verstoßen, zu der der junge Mann eigentlich gehören will. Schnell handelt sich der Sechzehnjährige Ärger mit seinen Vorgesetzten ein. Er arbeitet nicht so, wie es auf der Baustelle von ihm verlangt wird. Und zu Hause zerschellt er ebenso an den Erwartungen, die andere an ihn herantragen. „Enzo“ erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte, die um einen persönlichen Widerstand kreist. Familiäres Drama vermengt sich mit verunsicherter Sexualität. Das Performen im Berufs- und Privatleben kollidiert mit den Verwerfungen auf der geopolitischen Bühne. „Enzo“ wurde von dem französischen Filmemacher Laurent Cantet („Die Klasse“) entwickelt. Cantet selbst wollte neben dem Drehbuch auch die Regie übernehmen, verstarb jedoch 2024. Also übernahm sein langjähriger Kreativpartner Robin Campillo („120 BPM“) und vollendete das Projekt.
Herausgekommen ist ein Film mit einer betörenden, aber ebenso drückenden sommerlichen Atmosphäre. „Enzo“ spielt an der Côte d’Azur. Blauer Himmel, nur vereinzelte Wolken, Hitze, gleißendes Sonnenlicht, schwitzende Körper. Im Hintergrund erklingen dauernd die Zikaden. Jeanne Lapoiries Kameraarbeit setzt dabei auf viele statische Einstellungen und ruhig geführte, kontrollierte Bewegungen. Die ganze Welt erscheint in diesem Film streng gerahmt und geordnet. Jeder Tag ist seiner eigenen starren Gleichförmigkeit und Ausweglosigkeit unterworfen, obwohl der Hauptfigur alle Freiheiten versprochen werden. Der Teenager Enzo ist in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen. Seine Familie besitzt ein Luxushaus am Meer. Helle Räume, viel Glas, ein Pool. Enzos Vater (Pierfrancesco Favino) drängt ihn regelrecht zur Selbstentfaltung. Er soll studieren, doch Enzo will von der spießigen, bourgeoisen Welt seiner Eltern nichts wissen. Er geht auf den Bau, um Maurer zu werden, und sorgt damit für Konflikt in der Familie.
Seine Motivation begründet er früh mit einer apokalyptischen Fantasie. Eine Katastrophe beschwört er herauf, ein Menschensterben, eine Welt ohne Körper. Was bleibt dann übrig? Mauern, die die Zeit überdauern. Also arbeitet Enzo an den künftigen Spuren der Gegenwart. „Ich mag, was ich mit meinen Händen mache. Etwas, das bleibt.“ Der Film spiegelt das auch in seinen Bildern. Später reist die Familie nach Italien und durchwandelt alte Ruinen. Hier wird sich Enzos ganze Zerrissenheit, sein ruhiger Schmerz über seine scheiternde Revolte entfalten, die wenig Erlösung oder Befriedigung zu bieten scheint. Eloy Pohu spielt den Heranwachsenden mit kleinen, zurückhaltenden Gesten. Sein Enzo ist eine orientierungslose Figur, die ihre ausgestrahlte Fassung und Ruhe immer weniger aufrechterhalten kann. Enzos Unsicherheit bricht gerade dort aus ihm heraus, wo er plötzlich zu drastischen Mitteln greifen wird, um wahrgenommen zu werden und sei es nur der reinen Provokation wegen.
Wie ist es aber nun mit der Sexualität? In Enzos Gefühlschaos aus Melancholie, Eigen- und Starrsinn und latenter Todessehnsucht mischt sich Begehren. Die große Verführungskraft und Faszination dieses Film besteht aber auch darin, dass dieses Begehren ambivalent und uneindeutig bleibt. Mag es anfangs noch so scheinen, als würde eine potentielle Liebesbeziehung eine Perspektive ermöglichen, wird dem Publikum auch hier schnell der Halt geraubt. Enzo fühlt sich zu einem älteren ukrainischen Kollegen hingezogen. Dass da etwas ist zwischen den beiden, wird spätestens bei einer modischen Beratung deutlich, wenn Vlad, so heißt der Mann, gespielt von Maksym Slivinskyi, Enzos Hemd aufknöpft.

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Das Erotische kollidiert dabei immer wieder mit den Routinen der Lohnarbeit. Das Handwerk, das der Film in der Hitze des Tages einfängt, wird damit auch zum Bild einer konfliktreichen Identitätsfindung der beiden Männer. Das Ich wird so mühsam zusammengepuzzelt wie die symbolträchtigen Fliesenteile und Splitter auf dem Boden. Mal tut sich eine trügerische Oase in den Bildern auf, wenn Vlad aus dem Pool auftaucht, während der Mond am helllichten Tag über den Bäumen erscheint. Dann wird die Baustelle wieder zu einem Bild der Zerstörung, der Anstrengung, des Kampfes und Scheiterns, das die Körper mit Staub und Mörtel überzieht. Wunden werden geschlagen.
Die Beziehung zwischen Vlad und Enzo ist nicht nur spannend erzählt, weil sie immer wieder im Unklaren lässt, ob Enzos Gefühle erwidert werden, sondern auch, worauf diese Gefühle überhaupt beruhen. Die unterdrückten und bisweilen aggressiv umkämpften Empfindungen werfen hier eine Klassen- und Geschlechterfrage auf. Enzo, der sich dem Habitus und der Ordnung seiner wohlhabenden Akademiker-Familie widersetzt, vermutet und wünscht sich auf der Baustelle offenbar eine Gegenwelt, das Andere, das seiner Herkunft ausgeklammert wurde. Die Zuneigung zu seinem Kollegen wandelt auf dem Grat der Verklärung, die zugleich jede ökonomische Ungleichheit in ihrer Tragweite verkennt. Vlad wird zu einer Projektionsfläche, aber um welchen Preis?

Bild: Salzgeber
„Enzo“ nährt seine Schwermut aus dem unausweichlichen Zusammenbruch der Illusionen, die sich der Titelheld schafft. Schnell steht im Raum, dass Vlad und ein weiterer Kollege aus der Ukraine zurück in ihre Heimat müssen, um im Krieg zu kämpfen. Und es ist nicht nur die staatliche Gewalt, die hier wirkt, sondern auch eine Gewalt im Kleinen. Enzo wird in den Pausengesprächen auf der Baustelle als Fremdkörper und Störung wahrgenommen, allein schon aufgrund seiner privilegierten Herkunft und Jugendlichkeit. Der Film zeigt den Umgang der Kollegen zwischen halbstarker Kumpelhaftigkeit und machistischer Degradierung. Wer nicht dem männlichen Typus entspricht, wird herabgewürdigt, wenngleich augenzwinkernd.
Frauen werden dabei wie Trophäen auf Fotos umhergereicht, um sich zu profilieren. Und „Enzo“ spitzt gerade dieses Motiv weiter zu, wenn sich der Protagonist selbst einer sexistischen Ausbeutung hingibt, nur um eine Zugehörigkeit zu inszenieren. Der Film erhebt sich in solchen Momenten weder über seine Figur noch macht er sich mit ihr gemein, sondern leitet empathisch und präzise her, wie es zu solchen Szenen kommt. Er wird damit im besten Sinne auch zu einer Zumutung für das Publikum, indem er die Abgründe seiner Figuren nicht ausspart. Eine Haltung und Sympathie zu den Protagonisten muss so ständig neu befragt werden und darin liegt eine große Stärke dieses Dramas. Wie „Enzo“ in seinem Charakterporträt all diese Facetten und politischen Themen verknüpft, zeugt von großer Beobachtungsgabe und Kunstfertigkeit.

Enzo
von Laurent Cantet und Robin Campillo
FR/BE/IT 2025, 102 Minuten, FSK 16
französisch-ukrainische OF mit deutschen UT
Im März in der Queerfilmnacht. Ab 2. April im Kino