Ein einem Jahr mit 13 Monden (1978)

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Ein kleiner, billiger, schmutziger Film und zugleich ein großer Klage- und Trauergesang: Mit „In einem Jahr mit 13 Monden“ über den Passionsweg der glücklosen Elvira Weishaupt hat Rainer Werner Fassbinder 1978 seinen persönlichsten und erschreckendsten Film gedreht – und einen tief verzweifelten. Andreas Wilink über „eine Ballade, die von Brecht so viel weiß wie von Johann Sebastian Bach“.

Bild: Arthaus

Unser aller Ebenbild

von Andreas Wilink

Fassbinder hat seinen „Tod in Venedig“ in Frankfurt inszeniert: am Cruising-Point des Main-Ufers. Ebenfalls zum Adagietto aus Gustav Mahlers Fünfter Sinfonie, wie es Luchino Visconti als Leitmotiv für seine Verfilmung der berühmten Erzählung von Thomas Mann einsetzt. Die Hauptfigur, Gustav von Aschenbach, der an seinem Begehren für den schönen Knaben Tadzio zugrunde geht, wird bei Fassbinder verwandelt in die Transfrau Elvira. Während Aschenbach seine ästhetische Leidenschaft mit formvollendeter Delikatesse durchlebt, wird hingegen Elvira Weishaupt von einigen schwulen Kerlen gedemütigt und verprügelt. So sieht Fassbinders bitter-sarkastische Antwort auf die homosexuelle Kultiviertheit des Aristokraten Visconti aus. Der Ledermann kennt sich aus mit den Rangstufen innerhalb der eigenen erotischen Lustwelt und weiß, wie es um Solidarität zwischen Außenseitern untereinander bestellt ist.

Sehr schwierig ist es nicht, sich mit der Wirtschaftswunderfrau, der kaltblütigen Maria Braun, zu identifizieren, mit der Putzfrau Emmi aus „Angst essen Seele auf“ oder auch mit der nach preußischem Moralrecht dahinsterbenden Ehebrecherin Effi Briest, selbst mit dem Totschläger Franz Biberkopf vom Berliner Alexanderplatz. Aber wo der brave Bürger störrisch, ratlos und abwehrend reagiert, da erst beginnt der Ernstfall der Humanität: bei Elvira Weishaupt, die als Erwin das Geschlecht aufgibt und alle Sehnsucht an ein Phantom bindet, um zu erkennen: Es war umsonst. Die befremdlich Andere ist in den Augen der Gesellschaft nur Spottgeburt oder ideales Opfer für Gewalt. Elvira ist die radikale Fortschreibung von Fassbinders „Händler der Vier Jahreszeiten“ oder des betrogenen Franz, den RWF selbst verkörpert hat, in „Faustrecht der Freiheit“.

„In einem Jahr mit 13 Monden“ von 1978 – im selben Jahr gedreht wie der Welterfolg „Die Ehe der Maria Braun“ und somit vier Jahre vor seinem Tod – ist ein filmischer Sprengkörper: Fassbinders allerpersönlichster, erschreckendster, tief verzweifelter Film. Die Ballade, die von Brecht so viel weiß wie von Johann Sebastian Bach, wäre kaum möglich gewesen ohne Volker Spengler in der Hauptrolle. Er spielt eines Menschen wahrste Wahrheit.

Ein kleiner, billiger, schmutziger Film, gedreht in einem hässlichen Frankfurt der Bahnhofsgegend, des Strichs und einer blutigen Fleischhauerei, eine einzige Radikal-Demontage und zugleich ein großer Klage- und Trauergesang. Elvira Weishaupts Passionsweg beginnt am Mainufer, dauert fünf Tage und Nächte und endet – sei es als Suizid, sei es aus Versehen – in ihrem Bett, während vom Schallplattenspieler Connie Francis „Schöner fremder Mann“ singt und nebenan Elviras große Liebe mit einer Nutte bumst. Dazwischen schreitet sie, die als Erwin Metzgergeselle gewesen war, Stationen ihres Lebens ab, liefert sich mit dem Lebensgefährten (Karl Scheydt) in der chaotischen Wohnung eine Zimmerschlacht, trifft ihre frühere Ehefrau (Elisabeth Trissenaar) und die Tochter (Eva Mattes), eine Nonne (Lilo Pempeit), die das Heimkind im Waisenhaus gehegt hatte, die befreundete Hure Rote Zora (Ingrid Caven), einen Penner, der sich erhängt, und schließlich den ehemaligen KZ-Häftling, Zuhälter und nunmehr Grundstückspekulanten Anton Saitz (Gottfried John) in einem der seelenlos glaskalten Hochhäuser von Mainhattan. Für ihn ist sie zur Frau geworden, hat sich in Casablanca operieren lassen – wobei Saitz in seiner Banalität nicht begreift, weshalb sie tun konnte, was er aus einer bloßen Laune heraus gesagt hatte.

Im Vorspann heißt es: „Jedes 7. Jahr ist ein Jahr des Mondes, in dem besonders viele Menschen an Depressionen leiden. Wenn aber ein Mondjahr gleichzeitig noch ein Jahr mit 13 Neumonden ist, wie 1978, kommt es zu persönlichen Tragödien.“

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Dieser Bußweg – dessen, der ihn geht, und dessen, der ihn filmisch inszeniert hat – ist neben Fassbinders Episode für den Gruppenfilm „Deutschland im Herbst“ Beispiel für das immens Politische im Privaten. Ein Mensch geht zugrunde. Weil es kein richtiges Leben im falschen gibt. Weil Impulse nur aus Surrogaten bezogen werden. Weil die Gemeinschaft – Familie, Freunde, Kirche – in ihrem Innersten keinen Freiraum lässt für das Andere. Die Gesellschaft bevorzugt feste Umrisse und klare Konturen. Das zwingt zu: „Imitation of life“ – wie der Titel des Douglas Sirk-Films sagt. Wir wissen um das erhellende Erlebnis, das das Werk des deutschen Emigranten Detlev Sierck, der in Hollywood Erfolge wie „Was der Himmel erlaubt“ drehte, in der künstlerischen Entwicklung Fassbinders bedeutet hat.

In den „13 Monden“ ruft RWF zwar zur Empathie für Elvira auf, um sie dramaturgisch aber gleich wieder zurückzunehmen, zu verschleiern, zunichte zu  machen. Nähe und Distanz werden gewissermaßen perfide gegeneinander ausgespielt. Das funktioniert, indem Bild und Ton, Text und Situation in ihrem Auseinanderklaffen etwas Disparates und Frustrierendes beim Betrachter verursachen. Elviras Scheitern bleibt uns befremdlich. Wenn der scheinbar teilnahmslose Regisseur sich und uns Katharsis und Erlösung vorenthält und den emotionalen Tränenfluss staut, reflektiert dies die Haltung der Gesellschaft Elvira gegenüber.

Dazu gehört am nachdrücklichsten der monoton vorgetragene, ergreifende, in seiner Brutalität an Büchners „Märchen“ aus dem „Woyzeck“ erinnernde Monolog über Erwins gescheiterte Adoption als Kind, weil seine biologische Mutter die Unterschrift dafür verweigert aus Angst vor der Konsequenz gegenüber ihrem Ehemann, der von diesem Sohn nichts wissen darf. Die Hoffnung Erwins auf ein liebendes Elternhaus und die Vernichtung dieser Hoffnung legen die Spur der Katastrophe dieses Lebens.

Elvira Weishaupt passt nicht. Wir können dies über den Frankfurter Rotlicht-Bezirk und die Saturiertheit und ideologische Borniertheit der siebziger Jahre ebenso feststellen wie etwa auch über die künstlichen erotischen Paradiese eines Capri-Sonnenuntergänge nachahmenden Nachtclubs in einer deutschen Kleinstadt der fünfziger Jahre („Lola“) und beides hinausdenken bis in unsere Gegenwart.

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Eine Liebe, das kostet immer viel, wenn’s teuer kommt, das Leben. Fassbinders Filme – in ihrer Summe eine deutsche Chronik und Mentalitätsgeschichte – handeln alle davon. Ebenso wie sein schnelles kurzes 37-jähriges Leben. Er widmete den saturnischen „Mond“-Film seinem Freund Armin Meier, der sich nach der Trennung umgebracht hatte. Ein Film, der Totenklage ist, Trauerarbeit und, ja, auch Konfession. Fassbinder, der für den Neuen Deutschen Film das Melodram wiederentdeckt und Schauspieler von Gestern und Heute im Licht ewiger Stars zum Leuchten gebracht hat, macht mit diesem Film, in dem er alles allein versverantworte: Drehbuch, Regie, Kamera, Montage, Ausstattung, gewissermaßen reinen Tisch. Indem er Elvira Weishaupt erfand, hat er sich selbst schuldig gesprochen, um Freispruch zu erwirken.

Das eine große Motiv von Fassbinders monumentalem Werk, sensibilisiert durch den eigenen inneren Zwiespalt, heißt: Leiden an Deutschland. Und ist bei ihm nicht zu trennen von dem anderen Aspekt: Leiden an der Liebe, sei es in der Familie wie in „Chinesisches Roulette“, sei es in der Paarbeziehung wie etwa in „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“.

Dieses Leiden existiert nahezu unabhängig vom System, in dem es entsteht. Bzw. die Zeiten sind so, dass immer gilt: „eine schlechte Zeit für Gefühle“, wie Maria Braun sagt. Wilhelminisches Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazi-Diktatur, die bundesdeutsche Republik Konrad Adenauers und seiner Nachfolger. Wir erinnern uns: Willy Brandt, der Heimatvertriebene, der als vaterlandsloser Geselle Denunzierte, ist ausgenommen in der Galerie der Kanzler, die den Epilog von „Maria Braun“ bilden.

Der Schauplatz Frankfurt am Main hat seine Bedeutung. Hier hat RWF eine  Weile lang das TAT (Theater am Turm) geleitet; hier spielt sein Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ (nach Gerhard Zwerenz’ Roman „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“) und die 1976 von Daniel Schmid realisierte  Filmversion „Schatten der Engel“, darin die Metropole durch Bauspekulation korrumpiert und der namenlose „reiche Jude“ der Profiteur ist. Als der Stoff 1985 in Frankfurt auf die Schauspielbühne sollte, hat das einen der größten Theaterskandale der Bundesrepublik ausgelöst. Die Uraufführung konnte nur als geschlossene Veranstaltung stattfinden, die Jüdische Gemeinde protestierte, das Feuilleton lieferte sich hitzige Debatten. Bis heute ist das Stück gebrandmarkt.

Bild: Arthaus

Fassbinder Filme und Dramen sind auch ein gewaltiger und gewalttätiger Erziehungsroman und zu begreifen als Gesamtorganismus, in dem Motive, Figuren und Konstellationen Austausch pflegen und sich dabei in ein- und derselben Einstellung als affirmationsfähig und widerständig zeigen können. Wir sehen Getriebene in ihrer Sehnsucht nach Authentizität: Sie sind Ausbeuter oder Ausgebeutete des Gefühls, so dass Sexualität und der Terror der Liebe als Abbild und Ausdruck eines gesellschaftlichen Zustands und Verhaltens dienen.

Über den Außenseiter lässt sich Gesellschaft exakt beschreiben. Aber ihn nur als Opfer zu zeigen, wäre verkehrt, er bildet sich zum Täter aus, muss es tun, um zu überleben  – indem er sich Rollen anzieht, sie produktiv macht, radikalisiert und überbietet im Mimikry und so der manchmal erfolgreichere Vertreter der Majorität werden kann: angepasster, gerissener, gewissenloser, gemeiner. Der Unterdrückte hat Mechanismen der Unterdrückung und Ausbeutung am eigenen Leib erlebt. Das, was ihm angetan wird, wendet er auf andere an und gibt die Normen der Unterdrücker weiter.

Die Nonne, Schwester Gudrun, sagt über Elvira: „Das macht keiner selbst, sein Leben kaputt! Das macht die Ordnung, die die Menschen für sich geschaffen haben.“

Letztlich ist jeder Einzelne Außenseiter gegenüber allen anderen. Fassbinders Geschichten kreisen um die Identität des Ichs und wie er sich diese Selbstwerdung verschafft. Dafür zitierte er Jean Genet: „Um vollständig zu sein, braucht man sich selber noch einmal.“ Deshalb auch die visuelle Spiegel-Metaphorik seiner Filme: Spiegel als Instrumente der Selbstwahrnehmung, vor allem jedoch der Selbstentfremdung. So bleibt die ethische Wandlung des Narzissmus-Komplexes eine unerfüllte Hoffnung. Elvira verschwindet im Identitätslosen, im Niemandsland des Neutrums.

In einer zentralen Szene von „In einem Jahr mit 13 Monden“ wird Elvira an den Haaren herbeigezogen und dazu gezwungen, in den Spiegel zu schauen und sich mit sich selbst zu konfrontieren. Was sie sieht, ist das ins Groteske gesteigerte Gesicht des Leidens und der Liebe. Es ist unser aller Ebenbild.




In einem Jahr mit 13 Monden
ein Film von Rainer Werner Fassbinder

DE 1978, 119 Minuten, FSK 16,
deutsche OF 

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