Théo & Hugo

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Im Oktober erstrahlt die queerfilmnacht im tiefroten und -blauen Licht eines Pariser Sexclubs. Dort begegnen sich die Körper von Théo und Hugo. Ein erster Blick, und sie begehren nur noch einander. Nach dem Sex verlassen sie zusammen den Club, laufen einfach los, reden über die Schönheit von Penissen, den Rausch der Sinne, die große Liebe. Bis ein Detail alles durcheinander­ wirbelt… Der neue Film von Olivier Ducastel und Jacques Martineau („Felix“, 2000; „Mein wahres Leben in der Provinz“, 2002), der am 20. Oktober auch regulär im Kino startet, machte schon auf der Berlinale aufgrund seiner furiosen und expliziten 18-minütigen Eröffnungssequenz von sich reden, erhielt (nicht nur dafür) den Publikums-Teddy und wurde seitdem in Frankreich und Großbritannien als kleines Kinowunder gefeiert. Seine radikale Romantik macht „Théo & Hugo“ zu einem der aufregendsten queeren Liebesfilme seit Jahren.

Foto: Edition Salzgeber

Utopie im Sexclub

von Carsten Moll

In diesem Film über ein Verlieben darf sich zuallererst einmal die Kamera vergucken: Denn die erste Einstellung gehört weder Théo noch Hugo, sondern einem namenlosen Monsieur, der mit nichts als Socken und Schuhen bekleidet an der Theke der Pariser Cruising-Bar „L’Impact“ steht und einen Blick aufs Smartphone wirft. Die Kamera sieht zu, wie der Schnurrbärtige mit Bauchansatz das Gerät in die linke Socke steckt, und folgt ihm dann neugierig die Treppe hinunter. Dahin, wo die Bässe noch ein wenig lauter wummern.

Hier unten, im Überschuss der Orgie, verliert sich die Spur des Unbekannten fürs Erste. Geduldig macht sich die Kamera mit dem Geflecht aus Gliedmaßen vertraut, gewöhnt sich an  Dämmerlicht und Halbschatten. Stilecht werden die Wände und Männerkörper in warmes Rot getaucht, doch blaues Licht sowie weiß aufblitzende Hintern lassen weniger an ein sündhaftes Inferno denken als vielmehr an eine Utopie französischer Machart: Liberté, Égalité und Fraternité im schwulen Sexclub, jeder mit jedem und alle wollen nur das Eine.

Théo ist einer der hier mitträumen will – und er wird von der Kamera nun zum Protagonisten auserkoren. Mit großen Augen schaut der Lockenkopf in das Getümmel, weist die Annäherungsversuche eines älteren Mannes zurück – des Schnnurrbärtigen vom Beginn – und lässt sich nur halbherzig auf das Geknutsche mit einem anderen Kerl ein. Wie gebannt blickt Théo aber unablässig auf den zweiten Helden der Geschichte, auf Hugo, der in der Mitte des Raums auf einem Podest fickt und noch gar nichts von Théos Existenz weiß.

Wie die beiden jungen Männer morgens um halb fünf zueinanderfinden, das zeigen die Regisseure Olivier Ducastel und Jacques Martineau in einer knapp 20-minütigen Sexszene, die allen Erektionen und Blowjobs zum Trotz wenig mit klassischer Pornografie gemein hat. Allein schon Geoffrey Couët als Théo nimmt dem anonymen Gruppenfick mit seinem selbstvergessenen Staunen alle Kühle und Härte. Ducastels und Martineaus Inszenierung setzt der typischen Porno-Dramaturgie eigene Rhythmen und Höhepunkte entgegen: Der schwelgerische Soundtrack, ins Traumhafte treibende Bilder und das Desinteresse am Samenerguss sind Statements und machen klar, dass es dem Regie-Duo hier um mehr als nur sexuelle Stimulation geht.

Foto: Edition Salzgeber

Stattdessen erweist sich die aufsehenerregende Exposition als gelungener Einstieg in einen Liebesfilm, den man aufgrund seiner narrativen Unbefangenheit und der sich bald entwickelnden Redseligkeit durchaus als schwule Variante von Richard Linklaters „Before Sunrise“ (1995) sehen kann. Der zurückhaltende Théo und der zum Überschwang neigende Hugo werden über ihre Rollen im Cruising-Biotop des Sexclubs nicht bloß wunderbar charakterisiert; hier werden bereits auf stimmige Weise die Weichen für den weiteren Verlauf des Kennenlernens gestellt.

Nach dem ersten Kuss (der so liebevoll wirkt, dass man beinahe vergisst, dass sowohl Théo als auch Hugo währenddessen mit dem Schwanz noch in jeweils einem anderen Mann steckten) und dem gemeinsamen Sex verlassen die beiden Protagonisten händchenhaltend den Keller. Auf den nächtlichen Straßen von Paris beginnt ein romantisches Hin und Her, das von der körperlichen Intensität der ersten Begegnung ebenso zehrt, wie es an ihr zu zerbrechen droht. Denn nach der ersten Euphorie bemerken die Helden, dass sie ohne Kondom miteinander geschlafen haben, und Hugo teilt Théo mit, dass er HIV-positiv ist.

Foto: Edition Salzgeber

Diese Nachricht trifft Théo bis ins Mark. Doch sie ist kein Schock, der die Story aus ihrer romantischen Bahn werfen würde. Hugos Viruslast liegt unter der Nachweisgrenze – und mit ihr alle Hysterie und Melodramatik. Mit nüchterner Konsequenz entfaltet sich die Handlung in den folgenden Szenen gezielt alltagnah und überaus glaubwürdig: vom Anruf bei der Aids-Hotline über den Gang zur Notaufnahme bis hin zu Théos erster Einnahme von Tabletten im Zuge einer 28-tägigen Prophylaxe.

Das Thema HIV ist damit zwar noch nicht ganz vom Tisch, aber es tritt dramaturgischen erstaunlich weit in den Hintergrund. Dafür bewegen die verliebten Protagonisten zu viele andere Themen: Auf ihrem Streifzug durch Paris, mal per Fahrrad und mal zu Fuß, sprechen sie über ihre Leben, die Literatur und die Gesellschaft. Hugo lässt sich sogar zu einer Ode an Théos Penis hinreißen.

In kurzen Dialogen mit einem syrischen Dönerverkäufer oder einem alten Zimmermädchen öffnen Théo und Hugo ihre Zweisamkeit aber auch immer wieder, um fremden Geschichten zu lauschen. Das sind flüchtige Momente, die, wie alles in diesem Film, ohne jede Wucht wirken. Und doch hallt diese Nacht als Kribbeln im Bauch noch lange nach, wenn in Paris längst der Morgen graut und der Abspann rollt.




Théo & Hugo
von Olivier Ducastel & Jacques Martineau
FR 2016, 97 Minuten, FSK 16,
französische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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