Downriver

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Der australische Regisseur Grant Scicluna hat bereits 2012 mit seinem Kurzfilm „The Wildling“, einer rauen schwulen Liebesgeschichte im Jugendknast, für Aufsehen gesorgt und dafür u.a. den renommierten queeren Iris Prize erhalten. Sein Langfilmdebüt entwickelt den Stoff als düstere Mischung aus Coming-of-Age-Film und Gothic-Noir-Thriller weiter: Der 18-jährige James wird aus dem Gefängnis entlassen und kehrt in das Dorf seiner Kindheit zurück, in dem er vor neun Jahren einen anderen Jungen ertränkt haben soll. Was keiner weiß:  James war an jenem Tag nicht allein – sein Freund Anthony war bei ihm. „Downriver“ ist eine packende Studie über den schlagartigen Verlust der Unschuld und die verzweifelte Suche nach Erlösung geworden.

Foto: Edition Salzgeber

Unten am Fluss

von Carsten Moll

Wartend sitzt der 18-jährige James in einem großen, leeren Raum. Nur das beständige Wippen seines Beins verrät die Unruhe des Jugendlichen – in wenigen Momenten wird er auf die Mutter des Jungen treffen, den er vor 10 Jahren getötet haben soll. Die Leiche wurde nie gefunden und so ist die Mutter weiterhin auf der Suche: nach ihrem Kind, nach Antworten und nach Erlösung von ihrem Schmerz. James kann ihr nicht weiterhelfen, längst hat er alles gestanden und seine Strafe verbüßt für ein Verbrechen, an das er sich nur bruchstückhaft erinnern kann: drei Jungen im australischen Busch, einer treibt mit dem Gesicht nach unten im Fluss, zwei laufen davon. Dann ein epileptischer Anfall, wie ihn James immer wieder erleidet, und der alle Einzelheiten aus seinem Gedächtnis löschen soll.

Ein Jahrzehnt später, nach seiner Haftentlassung, soll James nun eigentlich in einem Resozialisierungszentrum für jugendliche Straftäter unterkommen, aber dort hält es ihn nicht lange. Stattdessen kehrt der junge Mann zurück an den Ort, an dem seine Kindheit einst auf jähe Weise endete. In einer kleinen Wohnwagensiedlung, irgendwo am trüben Yarra River („the river that runs upside down“), wuchs James auf und genau hierhin zieht es ihn, um die verschwundene Kinderleiche und Antworten auf ungeklärte Fragen zu finden. Während viele seiner neuen Nachbarn nicht ahnen, dass ein verurteilter Verbrecher unter ihnen ist, trifft James bald auch auf Menschen, die seine Geschichte nur allzu gut kennen. Einer von ihnen ist Anthony, James‘ bester Freund aus Kindertagen, der auch am Fluss war, als das Kind ertrank, und der dunkle Geheimnisse hütet.

Als „Gay Noir“ wurde das Regiedebüt des australischen Filmemachers Grant Scicluna von der Presse betitelt – und diese Label macht durchaus Sinn. „Downriver“ verbindet typische Motive des Film noir wie eine labyrinthische Struktur. Der in Schuld verstrickte Antiheld ist hier allerdings explizit nicht-heterosexuell – wie auch fast alle wichtigen Nebenfiguren. Die queeren Figuren sind bei Scicluna im Vergleich zu den Klassikern der „Schwarzen Serie“ aus den 1940ern nicht nur zahlreich, sondern haben sich natürlich auch vom Nebenrollenstereotyp der dekadenten Schwuchtel emanzipiert. Schwuler Sex ist in „Downriver“ eine Selbstverständlichkeit – ganz im Gegensatz etwa zu Tony Ayres‘ Noir-Thriller „Cut Snake“ (2015), wo Homosexualität als kontrastierender Knalleffekt zum heterosexuellen Paarglück diente –, für die Hauptfigur James wie für den manipulativen, Femme-fatale-artigen Anthony.

Ein anderer wichtiger Einfluss, der sich teilweise mit den Noir-Momenten von „Downriver“ überschneidet, ist die Australian Gothic. Als vor allem in der Literatur seit den frühen Tagen der Kolonisation präsenter Modus des Erzählens haben australische Schauergeschichten eine lange Tradition. Die Erfahrungen der ersten britischen Siedler, die sich durch Negierung der Aboriginekultur in einem geschichtslosen Niemandsland wähnten, finden hier ihren Niederschlag. Down Under wird dabei immer wieder als Perversion des guten alten Empires geschildert, als Land, wo die Schwäne schwarz statt weiß sind und Weihnachten in den Sommer fällt. Dass solche eine verdrehte Ordnung in der Natur nicht unabhängig vom Chaos in Gesellschaft und Psyche existiert, war den Briten bewusst – das Elisabethanische Zeitalter sowie die Shakespeare-Lektüre haben schließlich ihre Spuren hinterlassen.

Foto: Edition Salzgeber

Australien als unheimliche Heimat und zugleich beunruhigende Seelenlandschaft, diese Vorstellung wirkt nun auch in „Downriver“ noch nach. Das von dichten Eukalyptuswäldern und strömenden Flüssen geprägte Land erscheint wenn nicht als mörderische, dann doch als im Angesicht des Todes gleichgültige Gewalt, die Menschen verschluckt oder als Haufen Knochen ins Meer hinaus spült. Der wahre Schrecken lauert jedoch nicht im Outback, sondern inmitten der Menschen selber. Es ist ein Horror des Sozialen, den Scicluna betrachtet, Missstände und Grausamkeiten, die sich auf ungeheuerliche Weise mit dem Alltag seiner Figuren verflechten. Das erinnert durch seinen atmosphärischen Soundtrack sowie die beeindruckenden Naturbilder tatsächlich an Peter Weirs „Picknick am Valentinstag“ (1975), nach wie vor wohl dem Inbegriff von Australian Gothic, was das Kino betrifft.

„Downriver“, diese Geschichte über ein von der Gegenwart vergessenes Verbrechen, ist allerdings nicht bloß Reflexion der Kolonialgeschichte sowie Hommage an australische Klassiker. Zugleich entpuppt sich Sciclunas Erstling nämlich auch als Vertreter eines zeitgenössischen queeren Kinos, das ungewohnte Wege einschlägt: Der post-emanzipatorische Gestus, die Freiheit nicht von Coming-out, HIV oder Diskriminierung erzählen zu müssen, ist deutlich, aber er lässt australische Filmemacher wie Scicluna, Tony Ayres oder Dean Francis („Drown“, 2015) nicht in nüchterne Beziehungsdramen oder dokumentarisch anmutende Alltagsstudien aufbrechen. Stattdessen erzählen sie hochdramatisch von Macho-Attitüden und Homophobie – und verwischen dabei auf irritierende Weise Grenzen zwischen Täter und Opfer sowie Lust und Gewalt.




Downriver
von Grant Scicluna
AU 2015, 94 Minuten,
englische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) /€ 9,90 (Kaufen)


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