I Am Not Your Negro

Trailer • Kino

Als der große schwule US-Schriftsteller James Baldwin im Dezember 1987 starb, hinterließ er ein 30-seitiges Manuskript mit dem Titel „Remember This House“. Das Buch sollte eine persönliche Auseinander­setzung mit den Biografien dreier enger Freunde werden, die alle bei Attentaten ermordet wurden: der Bürgerrechtler Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers. In seinem neuen Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“ schreibt Raoul Peck („Der junge Karl Marx“) Baldwins furioses Fragment nun im Geiste des Autors filmisch fort und verdichtet es zu einer beißenden Analyse der Repräsentation von Afroamerikanern in der US-Kulturgeschichte. Für seinen mitreißenden Essay wurde Peck für den Oscar nominiert, mit dem Panorama-Publikums-Preis der Berlinale ausgezeichnet und weltweit mit Kritikerlob überschüttet. sissy hat sich die Frage nach der queeren Perspektive des Films gestellt – und empfiehlt, genau hinzusehen und hinzuhören.

Foto: Edition Salzgeber

Queering Awareness

von Sascha Westphal

Natürlich küssen sich Virgil Tibbs (Sidney Poitier), der schwarze Detective aus Philadelphia, und Gillespie (Rod Steiger), der weiße Kleinstadt-Sheriff aus den Südstaaten, am Ende nicht. Diese Grenze würde Hollywood vermutlich selbst heute noch nicht überschreiten. Aber 1967, als Norman Jewisons „In der Hitze der Nacht“ in die Kinos kam, wäre solch eine Wendung nicht einmal denkbar gewesen. Also bleiben den beiden Männern, die zunächst Gegenspieler waren und schließlich doch zusammengearbeitet haben, zum Abschied nur ein Lächeln und ein langer Blick. Das Band, das die beiden Figuren zu diesem Zeitpunkt verbindet, bleibt unsichtbar. Eine flüchtige Andeutung, aufgelöst in einer klassischen Schuss-Gegenschuss-Montage: Ausdruck der Distanz zwischen Tibbs und Gillespie und zugleich auch Zeichen ihres Kollaps. Die Großaufnahmen der beiden Gesichter beglaubigen den Raum, der sie trennt, und lösen ihn doch komplett auf. Statt der Männer küssen sich die Bilder.

In Raoul Pecks filmischem Manifest „I Am Not Your Negro“ liegt über diesen so harmlosen und zugleich höchst ambivalenten Bildern die Stimme Samuel L. Jacksons. Der Hollywood-Star, der auch ein Erbe Poitiers ist, trägt dazu einige Sätze aus James Baldwins grandiosem Essay „The Devil Finds Work“ (1976) vor, einer luziden Annäherung an die Traumfabrik: „But the obligatory fade out kiss in the classic American film did not speak of love and still less of sex: It spoke of reconciliation, of all things now becoming possible.“ Der Kuss, zu dem es in Jewisons Film gar nicht kommt, spricht von all den Dingen, die nun möglich sein werden. Die Blicke und das Lächeln der beiden Männer sind eines dieser Versprechen, die Hollywood seinem (weißen) Publikum immer wieder gegeben hat. Sie erzählen ein Märchen von Versöhnung. Und genau gegen dieses Märchen, das nur immer wieder den alles andere als märchenhaften Status quo zementierte, hat James Baldwin angeschrieben. Seine Gedanken über Poitier und das Kino, über Amerika und seine Angst, sind Ausdruck eines Kampfes, den Raoul Peck mehr als vierzig Jahre später mit seinem Film über den großen Romancier und Essayisten fortführt.

Für Peck sind Baldwins Sätze eine Waffe – und die führt Samuel L. Jackson mit der Coolness und Präzision, mit der er bei Tarantino sonst Kugeln abfeuert. Baldwins Thesen schneiden tief in Jewisons Film und hinterlassen Wunden, die sich nicht mehr schließen werden. Aber da ist noch etwas anderes. Baldwins illusionslose Analyse öffnet einem nicht nur die Augen. Sie kann auch unsere Wahrnehmung verschieben. All die Küsse, von denen im klassischen Hollywood-Kino auf die Schrifttafel „The End“ abgeblendet wurde, sprachen vielleicht gar nicht von Liebe und Sex. Heißt das auch, dass die Blicke zwischen Poitier und Steiger von nichts anderem als Versöhnung sprechen?

Foto: Edition Salzgeber

In den trennenden und zugleich verbindenden Schnitten, die Jewison in dieser Sequenz setzt, manifestiert sich eine durchaus erotische Spannung. Und so ist es auch in den anderen Szenen, die Peck sampelt, um Baldwins und seine Ideen zu illustrieren. Die Konfrontation zwischen Poitier und Richard Widmark in Joseph L. Mankiewicz’ „Der Hass ist blind“ (1950) wird mit einmal als verquerer Ausdruck einer Leidenschaft lesbar, die es nicht geben darf. Und natürlich schwingt in Stanley Kramers „Flucht in Ketten“ (1958) immer auch ein homoerotischer Unterton mit. Doch das haben die Produzenten und weite Teile des Publikums natürlich ausgeblendet. Nichts scheint leichter zu sein, als das Offensichtliche zu ignorieren. Was man sich nicht eingestehen will, wird verschwiegen. Baldwin seziert auch diese Form von Verdrängung: „Both he [Sidney Poitier] and Harry Belafonte for example are sex symbols, though no one dares to admit that.“

Raoul Peck liest diese Einschätzung natürlich politisch. Für ihn geht es um die Verleugnung, die das weiße amerikanische Establishment perfektioniert hat. Das ist die große Stärke seines eigenwilligen Film-Essays. Ausgehend von einem 30-seitigen Buchentwurf, an dem Baldwin in den späten 1970er Jahren zu arbeiten begann, erzählt „I Am Not Your Negro“ von dem politischen Engagement des Schriftstellers, der in den 1960ern zu einer der Ikonen der Bürgerrechtsbewegung geworden war. In „Remember This House“ wollte Baldwin drei Kämpfer gegen den US-amerikanischen Rassismus porträtieren, mit denen er persönlich verbunden war: Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King. Alle drei wurden innerhalb weniger Jahre ermordet, und so hat dieses kurze Manuskript, das komplett in die Voice-over des Films eingeflossen ist, auch etwas von einem Requiem.

Foto: Edition Salzgeber

Im Zentrum von Pecks Film steht die Gewalt, die das Leben der Afroamerikaner fortwährend geprägt hat und auch immer noch prägt. Der Regisseur schlägt immer wieder Brücken aus den 1960ern in die Gegenwart. Die Morde an Medgar, Malcolm und Martin finden ihr Echo in der tödlichen Polizeigewalt, deren Opfer Eric Garner, Aiyana Jones, Michael Brown und so viele andere in den vergangenen Jahren wurden. Die Verhältnisse sind immer noch mörderisch. Also konzentriert sich Peck auf Baldwins Wut, der Samuel L. Jackson eine kontrollierte, kühl-analytische Stimme verleiht. Der Geist von „Black Lives Matter“, dieser jungen Protestbewegung, der sich der 1987 verstorbene Baldwin sicherlich angeschlossen hätte, erfüllt „I Am Not Your Negro“ ganz und gar. Aber dafür blendet Peck die andere, nicht weniger revolutionäre Seite Baldwins aus. Er war eben nicht nur der Autor von langen Essays wie „The Fire Next Time“ (1962) und „No Name in the Streets“ (1972). Er war auch der Autor von Romanen wie „Giovanni’s Room“ (1965), „Another Country (1962) und „Just Above My Head“ (1979), Meilensteinen der queeren Literatur.

Manchmal beschleicht einen beinahe das Gefühl, dass selbst Raoul Peck der langen, traurigen amerikanischen (Popkultur-)Tradition erliegt und Baldwin als asexuelles Wesen begreift. So wird die Homosexualität des Schriftstellers nur ein einziges Mal offen erwähnt, und dann auch nur indirekt, wenn Peck in einer Texteinblendung das Dossier zitiert, das Edgar J. Hoovers FBI über Baldwin angelegt hat: „It has been heard that Baldwin may be an homosexual and he appeared as if he may be one.“ Die Sexualität, die ein so integraler Bestandteil von Baldwins Leben, seiner Kunst und seiner politischen Haltung war, wird auf ein Gerücht reduziert, auf Material, das nur dazu dienen sollte, den Schriftsteller zu diffamieren und zu desavouieren. Aber letztlich entwickeln auch die Bilder in „I Am Not Your Negro“ ihr eigene queere Dynamik – wie jene in „Flucht in Ketten“, „Der Hass ist blind“ und „In der Hitze der Nacht“.

Foto: Edition Salzgeber

Samuel L. Jacksons Stimme mag dabei ein eher konventionelles Bild von schwarzer Männlichkeit heraufbeschwören, ein Bild, das vor allem von Blaxploitation-Mythen, Tarantino-Phantasien und Gangsta-Rap-Attitüden genährt wird. Die alten Fernseh- und Filmaufnahmen von Baldwin in Sendungen wie der „Dick Cavett Show“ erzählen jedoch noch eine ganz andere Geschichte: Baldwins Körpersprache und mehr noch seine Stimme entziehen sich jedem stereotypen Verständnis von Männlichkeit, in ihnen manifestieren sich Offenheit und Ambivalenz. So präzise Baldwin seine Gedanken artikuliert, so überraschend sind die Pausen, die er beim Sprechen wieder setzt. Im Akt des Sprechens verleiht er seinen Gedanken und Ideen einen Rhythmus, der herkömmliche Sichtweisen subtil aufbricht. In seiner Stimme, seiner Phrasierung und Intonation, schwingt alles mit, was seine bahnbrechenden Romane auszeichnet: Poesie und Melancholie, Zorn und Liebe. Wenn man bereit ist, sich von Pecks mitunter einseitiger Perspektive auf Baldwins Furor zu lösen und den eigenen Blick zu öffnen, wird „I Am Not Your Negro“ zu einem umfassenden identitätspolitisches Manifest.




I Am Not Your Negro
von Raoul Peck
US 2016, 93 Minuten, FSK 12,
deutsche Synchronfassung, englische OF mit deutschen UT

Am 30. März hier als DF und als OmU im Kino zu sehen.
Hier findet Ihr die Webseite zum Film.

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