Beach Rats

Trailerqueerfilmnacht / Kino

Im Januar ist in der queerfilmnacht schon wieder Sommer, und zwar auf Coney Island. Tagsüber hängt Frankie mit seinen Hetero-Kumpels am Strand ab, abends datet er Simone, nachts zieht es ihn in schwule Chatrooms – und irgendwann in die Cruising-Bereiche am Flussufer. Die US-amerikanische Filmemacherin Eliza Hittman fängt Frankies Coming-of-Age am äußersten Rand New Yorks, wo Arbeitslosigkeit und Jugendkriminalität zum Alltag gehören, mit derart poetisch-realistischen Bildern ein, dass sie dafür vergangenes Jahr in Sundance mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Die große Entdeckung des Films ist ihr Hauptdarsteller Harris Dickinson, der Frankies Ambivalenzen zwischen lässigem Nichtstun, Verdrängung und homosexueller Erregung derart glaubwürdig verkörpert, dass ihn Teile der US-Presse zum neuen Shooting Star des Independent-Kinos ausgerufen haben. Unser Autor Frédéric Jaeger driftet mit ihm durch Tag und Nacht.

Foto: Edition Salzgeber

Auf der Pirsch

von Frédéric Jaeger

Ein Strand, eine Möwe, Meeresrauschen. Es ist eines der ersten Bilder in Eliza Hittmans „Beach Rats“ und sticht seltsam heraus, das türkisfarbene Wasser wirkt irreal, die Vogelschreie laut, die Bewegungen der sich brechenden Wellen leicht verlangsamt, als stammten die Aufnahmen aus einer anderen Zeit, von einem fernen Ort. Ein Klick und der Bildschirmschoner ist weg. Frankie hat einen unglaublich aufgeräumten Computer-Desktop mit nur zwei Ordnern und ist unterwegs auf einer Website namens „Brooklyn Boys“. Das Irreale des Bildschirmschoners wird abgelöst von einem beinahe zeitgenössischen Videochat, ein bisschen Chatroulette, ein bisschen Dating-Site. Das leicht Verschobene bleibt: dieses Gefühl, dass die Welt, die hier ins Bild gerückt wird, nicht ganz unserer – und auch nicht den USA, die wir glauben zu kennen – entspricht. Frankie klickt sich durch zu einem älteren Mann, er ist der Kamera zugewandt, schaut hinein, nähert sich seinem Bildschirm, um besser zu sehen. Frankie, dieser schüchterne Teenager, der seine Muskeln gerade noch im Blitzlicht seiner Fotokamera spielen ließ, trägt das Baseballcap tief. Zeichen nicht nur seiner Zugehörigkeit zur Gruppe der am Strand herumlungernden, Joints rauchenden Jungs-Jungs, sondern auch seiner Vorsicht. Er ist ungeoutet.

Die New Yorker Regisseurin Eliza Hittman erzählt eine Geschichte und eine Medienwirklichkeit, die genauso gut ein Jahrzehnt oder noch etwas länger zurückliegen könnten. Mit ihrer Kamerafrau Hélène Louvart, die schon mit Claire Denis, Agnès Varda und Wim Wenders gearbeitet hat, entwickelt sie eine an den Körpern orientierte Bildsprache, die gleichzeitig anmutig und unmittelbar wirkt, auf schönem analogem 16mm gedreht. Es gehört zu den Absurditäten unserer Medienwahrnehmung, dass die einst allgegenwärtigen, inzwischen durchs Digitale verdrängten Mittel photochemischer Filmaufnahmen heute eine solche Perspektive erlauben: eine, die den flüchtigen Moment irgendwie genauer, wahrhaftiger, intensiver erscheinen lässt. Die jungen Männer, denen Hittman und Louvart folgen, als wären sie auf der Pirsch, driften durch Tag wie Nacht, benebeln sich, berühren sich mit der Selbstverständlichkeit, mit der sich heterosexuelle Männer in Freundschaften mit anderen Männern berühren können, und der Film nimmt alles auf, als sei im Augenblick selbst das Geheimnis zum Leben versteckt.

Foto: Edition Salzgeber

Es sind Widersprüchlichkeiten, für die sich Hittman interessiert. Das war schon so in ihrem vorherigen, ihrem ersten langen Spielfilm „It Felt Like Love“ (2013), bei der eine Teenagerin nach sexuellen und anderen Abenteuern suchte, für die sie gleichzeitig alles andere als bereit war. In “Beach Rats” steht neben Frankies Erkundung seiner Homosexualität die Begegnung mit einer jungen Frau, Simone, die vor ihm steht, als über dem Vergnügungspark am Rand von New York ein Feuerwerk den Nachthimmel zum Leuchten bringt. Es ist ein tolles Aufeinandertreffen, wie überhaupt die Szenen zwischen Simone und Frankie eine schön verquere Dynamik entfalten, auch weil wir wissen, dass er sich heimlich nach Männern sehnt. Sie dreht sich zu ihm um, er provoziert sie (Feuerwerke seien das Gegenteil von romantisch), sie fragt nach (was halte er denn für romantisch), ändert nichts an ihrer Meinung (denn ihr gefällt’s) und dann folgt sie ihm doch zu den Autoscootern. Es sind gleichzeitig komödiantische und suchende Bewegungen, die die beiden vereinen, denn genauso sehr, wie Frankie versucht, sich Simone zu entziehen, will er doch nicht ausschließen, dass der heterosexuelle Weg für ihn eine Option sein könnte. Es wäre ja auch so einfach … wenn da nur nicht der Beischlaf wäre.

Foto: Edition Salzgeber

„Beach Rats“ erzählt zwei Geschichten gleichzeitig: eine, die aus den Orten, den Gegenständen und vor allem den Bewegungen der menschlichen Körper spricht, und eine zweite, die aus dem besteht, was üblicherweise Story genannt wird, den dramatischen Handlungen der Figuren. Die Offenheit des Films liegt vor allem darin, dass beides nicht immer synchron zueinander verläuft. Das sieht man schon daran, wie leicht und fließend für Frankie das Abhängen mit den Freunden sein kann, wie wenig in diesen Momenten von der Spannung auftaucht, die ihn später in einen Konflikt nach dem anderen stürzen wird, wenn er es etwas weiter treiben will mit seinen Männerbekanntschaften. Zunächst nämlich ist der Hänger-Modus, in dem die Jungs etwa gemeinsam zum Friseur gehen, eine als Bildercollage beglückende Wirklichkeit, bei der das lockere Beieinandersein von Freunden, die sich einander nicht viel beweisen müssen, einen gemächlichen aber konsequenten Sog entfaltet. Das mehr oder minder Ereignislose wirkt hier filmisch wie ein ziemlich angenehmer Zustand.

Foto: Edition Salzgeber

Was „Beach Rats“ in seinen stärksten Momenten versucht, ist das, was die besten amerikanischen Independent-Produktionen oft ausmacht: die Dimensionen des Menschlichen, des Gesellschaftlichen und des Mythischen miteinander zu verschränken. Das ist alles andere als naheliegend, vor allem weil die Regisseurin Eliza Hittman sehr bewusst das Kleine und Unmittelbare betont, in dem die Figuren und ihre Umgebung (auch Lebensbedingungen, Moden und spezifische Haltungen) sichtbar werden, aber weniger der größere Rahmen, der konditioniert, normiert, motiviert. Nur sehr vorsichtig tastet sie sich an den Übergang zu dem heran, was man etwas verkürzt universelle Erfahrungen nennen könnte.

Im Vordergrund steht für Hittman die sinnlich-sensible und auch mal spröde Kontaktsuche der Protagonisten, die wie in einem ständigen Versuchslabor herauszufinden suchen, wo die Decke des Käfigs ihres Lebensentwurfs ist, um im nächsten Moment wieder zu vergessen, dass sie sich in einem solchen überhaupt befinden. Dass es bei einem Film über Teenager immer irgendwie um Grenzgänge geht, ist dagegen gar nicht so entscheidend, dafür ist „Beach Rats“ viel zu entspannt. Das Austesten neuer Erfahrungen, vor allem die Suche nach stetigen Drogeneinflüssen, ist genauso gemächliche Normalität wie das wöchentliche Feuerwerk über dem Vergnügungspark.

Foto: Edition Salzgeber

Genau deswegen kommt die Frage des Coming-outs von Frankie auch ein wenig wie ein Fremdkörper in den Film. Denn während faktisch die Notwendigkeit eines Outings gegenüber heterosexuellen Freunden alles andere als outdated ist, fühlt es sich hier bisweilen genauso an – weil es ein Drama erst hineinträgt in eine Gemeinschaft, die erst überaus wohlwollend dargestellt wird und dann doch als Ursache für Homophobie und Schwierigkeiten bei der Selbsterkundung herhalten muss.

In seinem Erzählstil ist „Beach Rats“ erst zurückhaltend und dann plötzlich ziemlich brachial. Filmisch und dramatisch gesehen ist es sehr anregend, wie in die Drifter- und Hängerwelt auf einmal so etwas wie Suspense und Thrill einbricht und Frankie sich in einer Lage wiederfindet, in der er seine Freunde aktiv belügen muss, um sein Gesicht zu wahren. Gleichzeitig wirken diese Achterbahnfahrt-Momente eher überraschend als eingängig. Wenn man diese Brüche zu schätzen weiß, nicht nur aber auch weil sie im Kino eine reiche Tradition haben, dann kann man genau darin die Bestimmung des Films sehen. Oder aber man sieht, wie die Fragilitäten und Inkohärenzen, die für nicht-heterosexuelle Identitäten so wichtig sind, plötzlich in eins gesetzt werden mit einem äußeren Zweck, einem Imperativ der Konflikterzählung, wie sie Filme nach bestimmten Konventionen brauchen. Beides ermöglicht eine produktive Auseinandersetzung mit der Frage, welches Bild Männer von Männerleben haben, vielleicht gerade weil sie hier von Frauen erzählt werden.




Beach Rats
von Eliza Hittman
US 2017, 95 Minuten,
englische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

Im Januar in der queerfilmnacht &
ab 25. Januar im Kino.

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