Auf der Suche

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Ein Paar, unterwegs. Aber dieses Paar hat es in sich: eine Frau, die in der fremden Stadt ihren vermissten Sohn sucht – und dessen Exfreund, der ihr dabei helfen soll. Wer kannte Simon besser? In Jan Krügers drittem Spielfilm aus dem Jahr 2011 steht Kernfamilie gegen Wahlfamilie, Mutter gegen Liebhaber. Von Gunther Geltinger.

Foto: Edition Salzgeber

Der Sog der Fremde

Von Gunther Geltinger

Das Autobahnschild zum Flughafen von Marseille ist mit Graffiti besprüht, die Richtung von Valeries Suche nach Simon, dem verlorenen Sohn, von Anfang an chiffriert. Woher Valerie kommt, verrät lediglich das Autokennzeichen, wer sie ist, lässt nur ihre Erscheinung erahnen: Eine bürgerliche Frau in der Hälfte ihres Lebens aus Karlsruhe in einem gepflegten Audi. Sie wirkt nicht wie die badische Provinzmutter, die Probleme hat, die Homosexualität ihres Sohnes anzuerkennen, weil die Nachbarn reden könnten oder es einen wertkonservativen Lebensstil zu verteidigen gilt. Dennoch entsteht schnell der Eindruck, Simons sexuelle Neigung sei das zentrale Problem; alle Konflikte wurzeln in dieser grundsätzlichen und gleichzeitig grundlosen Ablehnung, um die sich Jan Krügers neuer Film dreht – doch tut er dies nur scheinbar.

Schon eine Woche lang fehlt von Simon jegliche Spur. In der Klinik, wo er als Arzt arbeitet, hat er sich Urlaub genommen, sein Appartement ist unaufgeräumt, der Kühlschrank nicht geleert. Seit er nach Frankreich gegangen ist, hatte Valerie nicht mehr viel Kontakt zu ihrem Sohn. Sie hat Jens aus Berlin kommen lassen, den Ex-Freund von Simon, dem er bis zuletzt nahe stand – näher jedenfalls als ihr, der Mutter. Schon die erste Begegnung ist aufgeladen von latenter Eifersucht und Misstrauen. Jens wird Valeries Verbündeter auf einer Reise ins Ungewisse, aber auch Konkurrent im Kampf um das Vorrecht an Simons Leben, der sich irgendwann beiden entzogen hat. In der herbstlichen Hafenstadt, unter der milden Sonne des Südens und mit dem Meer als Horizont machen sich zwei Verlassene auf die Suche nach dem Vermissten, im Glauben und in der Hoffnung, er sei der Grund ihrer Einsamkeit.

Sie finden die Fremde und in der Fremde überhaupt erst zu dem Bewusstsein, auf der Suche zu sein – wonach, das wissen Jan Krügers Bilder besser als seine Figuren selbst. Lauernd bewegt sich Valerie durch die Zimmer ihres Sohnes. Als sie zugibt, das Gefühl zu haben, in der Wohnung eines Fremden zu stehen, wirkt der Satz seltsam hölzern und seelenlos, vom Drehbuch vorgegeben. Überhaupt scheinen Corinna Harfouch und Nico Rogner ihre Dialoge mehr aufzusagen als damit ihre Charaktere lebendig werden zu lassen. Doch die Inszenierung ist zu präzise, um dem Film dies vorschnell als Schwäche auszulegen. Im Kauderwelsch der Marseiller Sprachen, durch das sich beide vorantasten, ist die Sprache der Gefühle, des eigenen Körpers die fremdeste und unverständlichste von allen. Rätselhaft und kryptisch bleiben die Bilder und Szenen, die ins Leere verweisen oder sich zum Meer hin öffnen, dem eigentlichen Protagonisten des Films. Auch wenn die Bucht von Marseille als Silberstreif am Bildrand glitzert, ist der Sog des Meeres allgegenwärtig. Valerie und Jens lassen sich von ihm erfassen und prallen gleichzeitig an eine unüberwindbare Grenze. Am deutlichsten ist dies in der Szene zu spüren, als beide in einem Schwimmbad nach Simon suchen. Abgeriegelt von einer hohen Mauer liegt das Meer jenseits des frühmorgendlich stillen Schwimmbeckens, wo keiner der Badegäste Simon gesehen haben will. Das Bild ist zweigeteilt: hier der zivilisierte, überschaubare Innenraum, in dem die Hoffnung noch nicht ganz gestorben ist, dort die Wüste aus Wasser, ein gleichgültiges Außen, das Ende aller Wege. Man ahnt, dass Valerie und Jens am falschen Ufer suchen und, schlimmer noch, man weiß, dass auch sie es wissen.

Foto: Edition Salzgeber

Auch Simon scheint dem Ruf des Meeres gefolgt. Eine Spur führt Valerie und Jens ins Büro der Fährgesellschaft, wo sich der Verdacht erhärtet, Simon könnte mit seinem neuen Auto nach Marokko übergesetzt sein. Das Land jenseits des Meeres steht symbolisch für das Sich-Entziehen des geliebten (?) Menschen. Als Flucht- und Sehnsuchtsort mag dies ein Klischee sein, die Leerstelle aber, die dieses vom Schmerz alter Versäumnisse verstellte Ziel darstellt, ist existentiell. Spätestens jetzt nimmt Jens für Valerie die Rolle des Sohnes ein. Sie begegnet ihm überlegen, oft hochmütig, in statuarischer Eleganz, Attribute, die man von Corinna Harfouch gewohnt ist. Eine frostige Gereiztheit begleitet die beiden auf ihrer Suche, vereist die Dialoge und entlädt sich nur selten in einem Ausbruch. Selbst in Momenten, in denen die Ambivalenz zwischen Annäherung und Selbstbehauptung ins Erotische zu kippen scheint, bleiben die Körper starr und in sich gefangen. Nico Rogner spielt den gekränkten Stellvertreter-Sohn mit beharrlich in die Hosentaschen geschobenen Händen und provoziert Valerie durch pubertär wirkende Renitenz. Antriebslos und programmatisch, wie paralysiert von der bereits antizipierten Enttäuschung ihrer Hoffnungen, treiben sie gemeinsam ihre Suche voran, befragen Zeugen, überprüfen Indizien und stellen Hypothesen auf, eine eher detektivische Vorgehensweise. Würde nicht fast jede ihrer Aktionen ins Nichts verlaufen oder das Unbehagen am eigenen Handeln verstärken, man könnte meinen, einem Tatort-Krimi zu folgen, in dem so lange ermittelt wird, bis am Ende geklärt ist, ob es sich bei Simons spurlosem Verschwinden nun um einen Selbstmord handelt, eine Flucht, Entführung oder einen Unfall durch übermäßigen Drogenkonsum.

Foto: Edition Salzgeber

Aber war Simon überhaupt drogenabhängig? Warum wurde er bei der Polizei als solcher geführt, wenn er doch „nur“ Beruhigungsmittel nahm, und das als Arzt? Hatte er einen Grund, sich das Leben zu nehmen? Und welche Rolle spielt dabei Camille, die Kollegin aus der Klinik, mit der Simon auf einem selbstgedrehten Videofilm knutscht? Oder Jalil, der gut gekleidete arabische Autoverkäufer mit den schmutzigen Händen, den Simon mit auf seine Reise nach Marokko nehmen wollte, bis dieser ihn versetzte? Welches Geheimnis trägt Jens in sich, der verlassene Ex-Freund, der während des ganzen Films nicht spüren lässt und wohl auch selbst nicht spürt, ob er Simon noch immer liebt?

Auf einem anderen Video, das Valerie in Simons Wohnung findet, sieht man Jens beim Sexspiel mit einem Typen, gefilmt von Simon in einer Zeit, als beide noch ein Paar waren. Trotz – oder wegen? – der heiklen Situation scheint Harmonie zwischen Jens und Simon zu herrschen, eine Tatsache, die Valerie zutiefst irritiert. Ihre Reaktion auf die schwule Körperlichkeit ist ein abwehrendes Lachen, ähnlich apathisch und hilflos wie ihr letzter Vorwurf an Simon, der doch nicht einfach so gehen könne, ohne ihr eine Nachricht zu hinterlassen. Der Verlust des eigenen Kindes scheint nicht erst mit seinem Erwachsenwerden, sondern bereits bei der Geburt eingetreten zu sein.

Foto: Edition Salzgeber

Woher kommst du, die ewige Frage, mault der schöne Jalil, als Jens ihn nach seiner Herkunft fragt, in der Hoffnung, mehr über das (Liebes-)Leben von Simon zu erfahren. Dass er auch sonst keine eindeutigen Antworten erhält, stachelt ihn lediglich zu einer lustlosen Rangelei an, die sich zwischen Erotik und Gewalt nicht entscheiden kann. Auch für Jens ist die Suche längst Selbstzweck geworden. Es geht nicht mehr darum, jemanden oder etwas zu finden, vielmehr muss der träge begehrende Leib in Bewegung gehalten, dem emotionalen Vakuum entgegengestellt werden. Im dunkelsten Bild des Films presst sich Jens an einen jungen Kerl aus dem Maghreb, den er auf dem Fußballplatz aufgegabelt hat. Doch der fremde Körper bleibt – wie auch der von Jalil – uneingenommen. Die schwarzen Augen sind für die Suchenden unlesbar. Sie stürzen hinein und verlieren sich, weil sie sich längst schon selbst aufgegeben haben. Die Sehnsucht, sie ist wie eine alte, kranke Hündin, mit der man noch täglich seine Runde geht, während man darauf wartet, dass sie stirbt.

Am Ende gibt es doch noch einen zaghaften Versuch, etwas zu retten. Anrührend unbeholfen streicht Jens auf der Terrasse hoch über der Stadt Valerie durchs Haar, wo noch ein wenig Salz vom Bad in der Bucht klebt. Der Ort der wahren Berührung liegt jenseits dieser Geste. Am Horizont funkelt das Meer.

Ich würde gerne hinüberfahren, trotzig durch die große Leere aus Wasser und verwaisten Träumen, nach Marokko, wo Simon – entgegen all dem, was mir der Film gerade erzählt hat – vielleicht ja doch noch zu finden ist, irgendwie, irgendwo.


Interview mit Jan Krüger: „Schulfranzösisch mit Hollms und Watson“ von Jan Künemund



Auf der Suche
von Jan Krüger
DE/FR 2011, 88 Minuten, FSK 6
deutsche OF
Edition Salzgeber




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