Auf der Suche: Interview mit Jan Krüger

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Anlässlich des Kinostarts seines Films „Auf der Suche“ (2011) sprach Jan Krüger mit der sissy über den Ausgangspunkt seiner Geschichten, den Zauber von Marseille und postemanzipatorische Lebensfragen.

Jan Krüger bei den Dreharbeiten zu „Auf der Suche“

Schulfranzösisch mit Watson und Hollms

Interview: Jan Künemund

Die Tageszeitung deiner Heimatstadt hat anlässlich der Berlinale-Premiere von „Auf der Suche“ schon wieder von deinem „Debüt“ gesprochen, obwohl deine drei Langfilme und mehrere Kurzfilme bei großen internationalen Festivals liefen. Fühlst du dich noch als Debütant oder bist du jetzt mal endlich etabliert?

„Debüt“ für einen dritten Langfilm ist schon ein ziemlich starkes Stück. Obwohl es wahrscheinlich gut gemeint ist: Da schwingt ja eine Art Bonus mit, das Versprechen, etwas ganz Neues entdeckt zu haben… Für mich ein zweischneidiges Schwert: Nach zehn Jahren Arbeit kann man ja eigentlich eine Art Routine erwarten, im besten Sinne – aber dann kommt es oft genug doch wieder ganz anders, man muss reagieren, improvisieren, als ob es das erste Mal wäre. Ich versuche, in meinen Geschichten mit den Unwägbarkeiten zu arbeiten, jedenfalls zu einem Teil. Ich denke, das sieht man dem Film am Ende an: eine Unberechenbarkeit, ein „Suchen“, im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ist ja charakteristisch für deine Geschichten, dass es darin um Menschen in Bewegung geht, schon die Titel sagen das: „Unterwegs“, „Rückenwind“, „Auf der Suche“… Was bleibt für dich, im Prozess des Schreibens, vielleicht sogar des Drehens, am längsten offen – der Ausgangspunkt, der Verlauf oder das Ziel der Reise?

Ein Ausgangspunkt ist wichtig, klar, für alle Figuren. Darüber hinaus ist aber erst mal vieles offen: Welchen Beruf / Alltag haben die Figuren sonst, wo kommen sie her, was sind ihre Hobbies, etc.? Die Schauspieler wollen das immer von mir wissen, ich dagegen will, dass sie nicht so sehr in eine „fremde Haut“ schlüpfen, sondern viel von sich selbst einbringen. Manche genießen das, andere wehren sich zunächst dagegen. Aber diese persönliche Färbung hält es auch für mich spannend und hat bisher immer eine eigene Dynamik entwickelt. Damit das trotzdem zusammenhält und ein Film wird, braucht es einen festen Rahmen – also auch ein Ende, das vorher fest steht. Schließlich sind die Geschichten trotz aller Freiheiten nicht beliebig.

„Auf der Suche“ hat seinen Ausgangspunkt in einer wahren Geschichte

Ja, ein Freund eines Freundes hat tatsächlich als Arzt in Marseille gearbeitet und ist dort ähnlich gestorben. Die Umstände sind nie ganz geklärt worden – es gab  Vermutungen, Hinweise, aber auch Widersprüche. Mir hat das, bei aller Fremdheit, gefährlich eingeleuchtet – zum einen die Stadt als Sehnsuchtsort, weit genug weg, um womöglich neu anzufangen, ohne den Ballast des bisherigen Lebens. Andererseits die Gefahr, im Zweifel komplett verloren zu gehen, ohne dass das jemand bemerkt… Die Suche der Mutter, die Auseinandersetzung über die möglichen Gründe des Verschwindens, die weiteren Personen, die auftauchen, all das ist dann erfunden. Aus diesen Spuren entsteht im Film ein mögliches Bild des Verschwundenen, das aber nicht endgültig ist. Genauso wenig wie das in der wahren Geschichte.

Kanntest du die Stadt vorher? Kann man in Marseille leicht verloren gehen?

Ich habe die Stadt zum ersten Mal für die Recherche des Films besucht. In dem Fall war mein Blick noch am ehesten der der Mutter, die ja auch zunächst nicht unterscheiden kann, was „normal“ und was womöglich verdächtig ist. Dazu kommt die Sprache – Zwischentöne, Ironie, all das geht ja erst mal verloren mit den paar Brocken Schulfranzösisch. Zum Verlorengehen eignet sich Marseille wahrscheinlich genauso oder genauso wenig wie andere Großstädte. Für die Suchenden macht es allerdings einen Unterschied: die Stadt zwischen Bergen und Meer, der Hafen nach Afrika, die fremde Mischung der Menschen – das erzeugt ja jede Menge Phantasiebilder, auch bei Valerie und Jens. Und um diese Bilder geht es in der Geschichte, vielleicht noch mehr als um die „realen“ Umstände von Simons Verschwinden.

Die beiden Suchenden, die Mutter und der Exfreund, das ist ja eigentlich eine typische Jan-Krüger-Konstellation: ein ungleiches Paar, das sich permanent herausfordert, Katz-und-Maus miteinander spielt, aber auch flirtet, Stellvertreterkonflikte austrägt, sich verletzt, sich verbündet. Der Konflikt wird hier aber indirekt ausgetragen, im Wettstreit um das „wahre Bild“ vom geliebten Dritten. Warum ist dieser Konflikt für beide so existentiell?

Das hat was mit ganz grundsätzlichen Lebensentwürfen zu tun, zu denen ja auch eine Abgrenzung gehört. Für Jens ist Simons Mutter erstmal all dem zugehörig, was er ablehnt. Wahrscheinlich gibt er ihr sogar die Schuld an Simons Haltlosigkeit im Leben, und dagegen muss sich natürlich Valerie entschieden verwehren. Umgekehrt macht Valerie die Selbstbezogenheit, die Jens verkörpert, für Simons unsteten Lebenswandel verantwortlich. Die fortlaufende Erwähnung von Simons schwulen Sehnsüchten muss unter diesem Blickwinkel für Valerie wie ein weiterer Versuch von Jens erscheinen, Simon für das eigene Weltbild zu vereinnahmen. Unabhängig davon machen sich natürlich beide, Jens wie Valerie, mit jedem Tag mehr Sorgen um den verschwunden Sohn und Freund. Und müssen sich selbst befragen, ob sie es womöglich versäumt haben, ihm zu helfen. Das zusammen ergibt eine gefährliche Mischung

Interessant finde ich, dass das Schwulsein in deinen Filmen immer eine Rolle spielt, dass du ihm aber auch immer neue Facetten abgewinnst, abseits der üblichen Coming-out-Geschichten; Wieland Speck hat das mal ganz hübsch deinen „postemanzipatorischen“ Ansatz genannt. Ist das so, weil du immer von dir und deinen eigenen „Lebensfragen“ ausgehst, oder hast du den Eindruck, dass da viele Geschichten noch nicht erzählt sind?

Meine eigenen Erfahrungen oder „Lebensfragen“ spielen natürlich in die Filme hinein, weil ich auch selbst schreibe. Bei „Unterwegs“ war ich zum Beispiel gerade ziemlich durcheinander, und als ich mit „Rückenwind“ angefangen habe, da war ich gerade frisch verliebt. Das allein reicht aber nicht für einen Film. Das fängt schon damit an, dass Drehbuch und Finanzierung soviel Vorlauf haben, meist zwei oder mehr Jahre, da kann sich ja längst wieder alles verändert haben… Grundsätzlich war meine eigene schwule Erfahrung aber immer ein wichtiger Antrieb für meine Arbeiten. Dabei war das klassische Coming-out von Anfang an höchstens ein Aspekt unter vielen. Das ist in der größeren Filmgeschichte etwas verzerrt, was wohl an der erfolgreichen Grundkonstellation liegt: Ein junger Mensch muss tiefsitzende gesellschaftliche Widerstände und eigene Scham überwinden, um am Ende mit dem größten Versprechen – einer unschuldigen Liebe – belohnt zu werden. Das ist eben Lehrbuchdramaturgie, das funktioniert fast immer. Schon bei meinem ersten Kurzfilm „Freunde“ ging es mir aber weniger um die Einlösung dieses Versprechens, als um die Kehrseite der Medaille – den möglichen Machtmissbrauch, der eng mit jeder Liebe verbunden ist. Und auch in „Auf der Suche“ bleibt Simons Homosexualität ambivalent. Für ihn selbst, aber auch für Valerie und Jens, die eigentlichen Protagonisten des Films. Für sie wird Simons Orientierung Mittel zum Zweck: Wer kennt Simon besser? Da geht es nicht um Akzeptanz, das ist etwas ganz anderes. Kurz gesagt: Ja, ich glaube, dass es da auch weiter noch viel zu entdecken und zu erzählen gibt.

Dass Schwulsein ein Generationenthema über das elterliche Akzeptieren hinaus ist, habe ich so auch wirklich noch nie in einem Film gesehen. Die Valerie-Figur, gerade so, wie Corinna Harfouch sie spielt, modern, tolerant, mit dieser kein-Thema-mehr-Haltung, steht doch für ganz allgemeine Ängste von Eltern: dass man sich, wenn die Kinder sich entziehen, implizit immer kritisiert und entwertet fühlt. Jens’ aggressive Grundhaltung dagegen wirkt, als müsse er seinen (und Simons) Lebensstil gegen „die Mütter“ im Allgemeinen verteidigen. Ich glaube, mit beiden können sich viele identifizieren

Wenn das so klar wird, ist das auch ein Ergebnis der Vorbereitung mit Corinna Harfouch. Sie hat ja erwachsene Kinder, und kennt die Situation gut, irgendwann loslassen zu müssen, die Ängste, die dazu gehören… Für die Figur des Jens ist es nicht ganz so klar. Seine Reserviertheit mag ein Abgrenzungsversuch sein, vielleicht aber auch Selbstschutz, nicht für Simons Verschwinden verantwortlich gemacht zu werden.

Biografisch erfährt man ja fast nichts über die beiden. Aber die Inszenierung verrät viel, im Kostümbild, in der Körperinszenierung… Mich hat das Spiel von Corinna Harfouch überrascht – sie ist viel zurückgenommener als sonst und etwas Trauriges umgibt sie, das über ihre Sorge um den verlorenen Sohn hinausgeht. Was an Valeries Figur hat dich auf Corinna Harfouch gebracht?

An Corinna Harfouch hat mich von Anfang an fasziniert, dass sie auch ambivalente Figuren erschaffen kann, ohne sich dabei sofort anzubiedern, nach Sympathie zu angeln. Im Detail ist das natürlich auch riskant. Das fing schon an bei der Auswahl des Kostüms, den absatzlosen Schuhen, der Bundfaltenhose. Wer Corinna Harfouch sonst kennt, weiß, was das für eine Verwandlung bedeutet. Das zurückgenommene Spiel insgesamt hat aber vor allem damit zu tun, dass das Drama in Auf der Suche eben über lange Strecken vermittelt abläuft: Was passiert, wenn die Gefühle, die ja da sind – Sorge, Schuld, Wut, Scham – nicht sofort raus können, weil das Gegenüber eigentlich nicht der richtige Adressat ist?

Man könnte ihr stundenlang beim Joghurt-Löffeln zuschauen – eine beunruhigte, überforderte Frau in einer fremden Stadt, die auf ihrem Hotelzimmer erst mal irgendwas Vertrautes macht

Schön, oder? Dabei bringt das nun wirklich die Handlung nicht voran. Und auch, was es konkret über die Figur erzählt, hält sich in Grenzen. Es ist eher ein Moment, wo die Erzählung zurücktritt, Platz schafft für den Zuschauer, ihn sozusagen in die Welt der Figur einlädt.

Diese Momente haben viele deiner Filme. Aber waren die diesmal nicht schwerer herzustellen, in einer Erzählstruktur, die ja eigentlich einem Krimi ähnelt? Ständig muss es einen neuen Twist geben, ein neues Indiz, eine neue Figur, damit die „Suche“ weitergeht

Dabei wird hoffentlich schnell klar, dass es nicht wirklich um einen Kriminalfall geht, ein who-dunnit oder so etwas. Nico Rogner und Corinna Harfouch haben da einen schönen Weg gefunden – zwischen den Takes haben sie sich immer mit „Watson“ und „Holmes“ angesprochen. Damit war klar, dass sie zwar spielerisch in die Ermittlerrolle schlüpfen, diesen Teil aber gleichzeitig nicht zu ernst nehmen. Denn natürlich geht es letztlich um etwas tiefer Gehendes, eine Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Verantwortung.

Jens ist ganz anders inszeniert als Valerie. Nicht nur, dass Nico Rogner ihm ständig etwas Herausforderndes und Undurchsichtiges gibt, die Kamera greift oft seine Bewegungen auf, folgt ihm auf Streifzügen, beim Cruisen, auf Busfahrten – die Bilder scheinen ihm etwas hinterzuhinken, während sie Valerie immer etwas voraus zu sein scheinen. Wenn sie im Schwimmbad nach Simon fragt, weiß die Kamera schon: das bringt nichts

Das ist ja eine interessante Frage, die sich durch jede Erzählung zieht – vor allem, wenn sie keine ganz eindeutige Hauptfigur hat: Durch wessen Augen erleben wir die Geschichte? Nicht nur die Erzählperspektive kann von Szene zu Szene wechseln. Auch im ganz konkreten Moment bleibt es immer eine intuitive Entscheidung: Sind wir dichter an einer Figur, wenn wir ihr ins Gesicht schauen – oder wenn wir sehen, was sie sieht? Oder sehen, was sie vielleicht nicht sieht? Oder wenn wir insgesamt Distanz halten, nur den Körper beobachten, die Gefühle imaginieren? Dazu kommt aber auch mein ganz persönliches Interesse. Obwohl die Figur des Jens scheinbar schillernder ist, ist sie mir schon biographisch natürlich näher. So ist es in gewisser Weise sein Blick, durch den ich versuche, mich Valerie und ihren Gefühlen irgendwie anzunähern. Denn die sind (und bleiben) für mich das eigentliche Geheimnis.

Auch bei der Kamera ist immer die Frage: Wen stellt sie scharf und wen unscharf – das wechselt permanent und man denkt manchmal, man sei zu dicht dran, man könne sich immer nur auf einen von beiden konzentrieren. Liegt das daran, dass ihr diesmal mit einer kleinen Spiegelreflex-Kamera gedreht habt?

Bernadette Paassen (Kamera) und ich haben mit der für uns neuen Technik (Canon 5D, Zeiss-Objektive) erst mal vieles ausprobiert – manchmal sehr klassisch aufgelöst, manchmal dokumentarisch, von der Schulter, aus der Hand… Für uns war immer die wichtige Frage, welches die richtige Distanz innerhalb der Szene sei. Da ist Bernadette sehr sensibel – hat großen Respekt davor, mit ihrer Kamera womöglich in die eigentliche Inszenierung einzugreifen. Dennoch gelingt ihr immer ein sehr intimer Blick. Neu ist bei dieser Kamera tatsächlich der gezielte Einsatz von Schärfe/Unschärfe. Das gab’s bisher höchstens bei 35mm.

Wie läuft es denn mit deiner persönlichen Suche? Wie schwer ist das gerade, als deutscher Filmemacher seinen eigenen Weg zu finden und – vor allem – ihn beizubehalten? „Berliner Schule“ scheint mittlerweile ein Schimpfwort für sprödes, erfolgloses Anti-Kino zu sein, auf der anderen Seite wird gerne das Schreckgespenst der „Fernsehästhetik“ an die Wand gemalt. Du hängst mit solch einem narrativ ausgeschrieben Film, der sich die Freiheiten von Öffnungen und Improvisationen nimmt, „Unwägbarkeiten“ zulässt, irgendwie mittendrin

Zwischen den Stühlen sitzen ist doch toll! Im Ernst: Es gibt eine Menge Unsicherheiten – auch oder vor allem bei den Entscheidern. Tatsächlich haben es gerade ernstere Filme, die nicht gerade einen aktuellen Bezug vorweisen können, schwer. Aber wenn man daraufhin als Filmemacher den vermeintlichen Trends zu folgen versucht, tut man sich auch keinen Gefallen. Dafür dauert ein Film in der Entwicklung einfach zu lange. Bleibt, nach den ganz eigenen Stoffen zu forschen, verlässliche Partner zu finden und Ausdauer zu beweisen. Ansonsten gibt es leider nicht viel, auf das man sich verlassen kann. Ich denke, dass ein starkes Fernsehen, wie wir es in Deutschland haben, viel erfindungsreicher sein könnte. Da wird, aus meiner Perspektive als Filmemacher, etwas Wichtiges versäumt: Es gibt einfach eine große Lücke zwischen den frei produzierten, singulären Spielfilmproduktionen, die Jahre brauchen und mit unheimlichem Risiko behaftet sind, und dem reinen Unterhaltungsfernsehen aus Shows, Serien, Krimis oder klassischen TV-Wohlfühlmovies, allesamt erklärtermaßen ohne weiteren Anspruch oder Lust am Risiko. Wo sind die Zwischenformen, Gemeinschaftsprojekte, seriellen Experimente, Formatspiele? Meinetwegen in engen Grenzen, mit beschränkten Mitteln – aber als ein Stück verlässlicher Arbeitsraum, jenseits des unmittelbaren Unterhaltungsanspruchs. Davon gibt es viel zu wenig.

Was heißt das konkret für dich gerade?

Ich gehöre zu denen, die bislang vergleichsweise kontinuierlich arbeiten konnten. Das ist keine wirkliche Antwort, ich weiß. Eine bessere habe ich aber gerade nicht.

Und wer war jetzt Watson und wer Holmes?

Das liegt doch nahe, oder? Nico war Watson, Corinna war Holmes. Allerdings mit gesprochenem „l“. Also wie „Hollms“. To be precise.



Auf der Suche
von Jan Krüger
DE/FR
2011, 88 Minuten, FSK 6,
engl. OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




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