Auf den zweiten Blick

Trailer • DVD / VoD

Eines Tages erhält der Grafikdesigner Dean eine E-Mail von seinem Ex-Freund Alex, von dem er 15 Jahre lang nichts gehört hat. Jetzt will Alex ihn wiedersehen. Nach einigem Zögern entscheidet sich Dean zu einem Treffen und lädt Alex in sein Ferienhaus nach Joshua Tree ein. Dort entflammt sofort die alte Leidenschaft, aber mit der Vertrautheit kommen auch die Zweifel von früher – und die Fragen nach den vielen Jahre dazwischen. Tim Kirkman („Loggerheads“) hat sich in seinem neuen Film auf ein hochemotionales Gedanken­experiment eingelassen – und spielt dabei gekonnt mit den visuellen Möglichkeiten des narrativen Kinos.

Foto: Edition Salzgeber

Der Geist aus der Vergangenheit

von Frank Brenner

Es kommt nicht mehr allzu häufig vor, dass Regisseure von narrativ angelegten Spielfilmen die audiovisuellen Möglichkeiten, die Ihnen das Medium bietet, künstlerisch auch ausschöpfen. Vielleicht liegt das an den immer enger werdenden Drehplänen, die schon im Ansatz verhindern, dass die Filmemacher zusammen mit ihrem Kameraleuten tiefgreifendere visuelle Konzepte erstellen; vielleicht liegt es auch an der Notwendigkeit, die unterschiedlichsten Medienformate (Smart-TV-Bildschirm, Tablet, Handy-Screen,…) bedienen zu müssen, worüber dann die filmsprachlichen Möglichkeiten aus den Augen verloren werden, die einem insbesondere die Größe einer Kinoleinwand bieten kann. Tim Kirkman geht einen anderen Weg. Der US-Regisseur ist schon in der Vergangenheit dadurch aufgefallen ist, dass er seine Arbeiten optisch klar strukturiert und Film auch als selbstreflexive Kunstform zu nutzen versteht. Am bekanntesten hierzulande ist er für seinen 2005 entstandenen Film „Loggerheads“, in dem er nicht nur die verschiedenen Erzählstränge dramaturgisch intelligent ineinander verschachtelte, sondern mit seinem deutschen Kameramanns Oliver Bokelberg auch prägnante Einstellungen für eine anrührenden Familiengeschichte fand. In Kirkmans neuem Film werden die Bezüge zum Sehen bereits im Titel angedeutet: Im Original heißt er „Lazy Eye“, also „schwaches Auge“; für den deutschen DVD-Start hat man ihn „Auf den zweiten Blick“ genannt.

Passenderweise befinden wir uns schon in der ersten Szene gemeinsam mit Hauptdarsteller Dean beim Augenarzt, genauer gesagt in der Situation eines Sehtests. Das Ergebnis ist nicht gerade erfreulich für den Grafikdesigner, der schon aus Berufsgründen gute Augen braucht. Dean leidet schon seit Kindertagen an einseitiger Amblyopie, Schwachsichtigkeit. Sein Sehvermögen wird nun noch durch eine Verschlechterung der Sehleistung auf seinem guten Auge verstärkt. Der Arzt verschreibt ihm eine Gleitsichtbrille, die diese Beeinträchtigungen ausgleichen soll. Deans Leiden klassifiziert der Arzt zudem als typisch für einen Mann „mittleren Alters“. Deutet sich hier bereits eine Lebenskrise an?

Foto: Edition Salzgeber

Der Film lässt uns als Zuschauer an Deans Handicap teilhaben, indem wir Deans Blick in einigen Einstellungen aus einer verschwommenen subjektiven Perspektive heraus wahrnehmen. Mit diesem unscharfen Blick entdeckt Dean auch die überraschende Email-Nachricht eines vor 15 Jahren spurlos verschwundenen Ex-Freundes. Alex hat ihm nun unter dem Betreff „Geist aus der Vergangenheit“ geschrieben. Dass dieses plötzliche Wiederauftauchen bei Dean durchaus gemischte Gefühle auslöst, erzählt Kirkman wiederum überaus filmisch, diesmal über eine rasante Montage: Erste getippte Email-Antworten Deans fallen übermäßig harsch aus, werden von diesem aber kurz darauf wieder gelöscht und durch mildere ersetzt, die er dann tatsächlich an Alex abschickt.

Foto: Edition Salzgeber

So kommt es zum Wiedersehen der Ex-Freunde in Deans Ferienhaus in Joshua Tree, dem berühmten Nationalpark in Kalifornien, wo Dean Alex eigentlich nur die Schönheit der Mojave-Wüste zeigen will, wie er in seiner Mail schreibt. Dass er sich aber durchaus mehr von diesem Treffen erhofft, macht die dem Treffen vorangehende Szene deutlich. Wir sehen Dean, wie er zu Daniel Romanos Country-Nummer „The One That Got Away (Came Back Today)“ tanzt, um sich kurz im Spiegel zu mustern und das richtige Outfit auszuwählen. Eine Szene, die eher an die Vorbereitungen auf ein Date erinnert als an die auf ein lockeres Treffen mit einem alten Freund. So überrascht es auch nicht, dass die beiden auf der Schwelle von Deans Ferienhaus kaum zwei Sätze miteinander gewechselt haben, ehe sie leidenschaftlich übereinander herfallen.

„Auf den zweiten Blick“ wird nun vollends zu einem Zwei-Personen-Stück, in dem die beiden wiedervereinten Männer beim Wein am Pool gemeinsam in Erinnerungen schwelgen, sich bald aber auch mit den alten Problemen konfrontiert sehen. Zu den ungelösten Dingen von früher kommt auch noch die verheimlichte Tatsache hinzu, dass Dean gar kein Single ist, wie Alex zunächst angenommen hat.

Foto: Edition Salzgeber

„Auf den zweiten Blick“ zeigt uns, wie zwei erwachsene Männer langsam wieder eine Sprache füreinander finden, die sie verloren geglaubt haben. Im Laufe eines Wochenendes müssen Dean und Alex entscheiden, ob sie sich diesmal eine gemeinsame Zukunft geben. Kirkmans Films steht damit in einer Reihe von Filmen, die sich im Laufe der letzten beiden Jahre mit einer Generation schwuler Männer befasst haben, die zuvor in Filmen eher marginalisiert wurde. Wie im letztjährigen Teddy-Gewinnerfilm „Kater“ von Händl Klaus oder im dieses Jahr auf der Berlinale uraufgeführten Film „Ein Weg“ von Chris Miera geht es auch in „Auf den zweiten Blick“ um Männer jenseits der 30, die hier allerdings nicht auf eine lange Partnerschaft zurückblicken, sondern sich Gedanken über jenes gemeinsame Leben machen, das hätte sein können.




Auf den zweiten Blick
von Tim Kirkman
US 2016, 91 Minuten, FSK 12,
englische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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