Zomer – Nichts wie raus!

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Im Namen des Vaters, des Sohnes und der heiligen Elektrizität: Einen aufgeladenen Sommer verbringt die schweigsame Anne im Schatten eines Kraftwerks in einem holländischen Kaff, in dem man angestrengt den Konsens sucht. Doch nicht nur bei Anne löst sich allmählich die Spannung – auch sonst kriegt man die ganze Sehnsüchte und Ausbrüche nicht mehr „gepoldert“. „Zomer – Nichts wie raus!“ erzählt vom bittersüßen Erwachsenwerden in der Provinz.

Foto: Edition Salzgeber

Foto: Edition Salzgeber

Stromschläge

von Tania Witte

Die Luft flirrt auf diese schnelle, ungute Art, wie sie das nur unter Strommasten und in der Pubertät tut. Anne (Sigrid ten Napel) ist sechzehn und wächst in einem Wald aus Strommasten auf. Ihr Vater (Steef Cuijpers) nennt das Kraftwerk den „Allmächtigen der Elektrizität“, und wer nicht an den glaubt, der glaubt an die heilige Mutter Maria. So gehört sich das in dem kleinen, isolierten Dorf inmitten der Polderlandschaft der niederländischen Provinz Brabant. Das Elektrizitätswerk sorgt für Arbeit, Wärme und Essen, der Glaube dafür, dass alles einen Sinn zu ergeben scheint. Auch für Anne, die von den anderen „die Stille“ genannt wird, weil sie meist schweigt, wenn sie mit dem Rest der Dorfjugend die langen Wege unter den Strommasten entlang radelt, kilometerlange Felder bis zum Fluss, der sich am Kühlturm entlang schlängelt und deshalb – vielleicht? – verseucht ist. Die Teenager kümmert es nicht, viel wichtiger ist es, im richtigen Moment zu grüßen und in den anderen Momenten angepasst zu sein. Trinken, randalieren, flirten. Ein ganz normaler Sommer am Ende der Pubertät.

Normal ist auch, dass der Onkel die Tante prügelt, die dafür bemitleidet und verachtet wird, bis sie einen Schlussstrich zieht. Normal ist ihre besessene Tochter, die Marienstatuen sammelt und ihnen täglich neue Blutstränen in die Augen reibt. Normal ist, dass ein Mädchen, das vom Pferd fällt, dem Bauernknecht gehört und ihren Vergewaltiger dann – schwanger und im Austausch gegen eine Kiste Äpfel – heiratet. Normal ist jugendliche Rotzigkeit, sind Spitznamen, wie sie in weiten Teilen der Niederlande noch gesellschaftlich akzeptiert sind, wie „der Neger“, „der Schieler“ oder „der Scheißmongole“. Normal ist, dass Männer stinken. Sagt zumindest Annes Vater.

Ihre Mutter (Willemijn van der Ree) sagt wenig, sie jammert mehr. Seit sie ihr eigenes Dorf gegen das Nachbardorf eingetauscht hat, der Liebe wegen, ist sie unglücklich. Der Elektrosmog sei daran schuld, sagt sie, an ihrem Unglück – daran, dass Annes kleiner Bruder (Pepijn van Putten) behindert ist, und daran, dass in der Erde, im Schatten des riesigen Kühlturms, nichts gedeihe. Ihr Ehemann schenkt ihr zu ihrem Geburtstag einen Haufen Heimaterde, abgegraben an ihrem Geburtsort, einige Kilometer die Straße runter.

Als Annes älterem Bruder „De Peer“, („Die Birne“, Martijn Lakemeijer) alles zu eng wird, beschließt er, auszuziehen. Er kommt bis in den Fahrradschuppen. Doch wie so oft ist es die eine, kleine Veränderung, die weitere nach sich zieht. Sagt zumindest Anne, die im Film kaum spricht, aber im Voice-over ihre Version der Geschehnisse schildert. Die größte Veränderung in Annes Sommer ist Lena (Jade Olieberg), die aus der großen Stadt mit ihrer Mutter auf das Land zieht, in das Dorf, in dem man Zugezogene nicht mag, sicher keine gelähmten Künstlerinnen wie Lenas Mutter und sicher keine Lesben wie Lena selbst. Lena ist cool, stylisch, tough. Sie hat störrische Locken und tankt ihr Motorrad an der Tankstelle voll, an der „die Stille“ den Sommer über jobbt.

Aus „der Stillen“ wird Anne und Anne ist verliebt.

Die Szene, in der sie das Haus von Lenas Mutter beobachtet, in der sich ihr blondes Haar langsam aus dem blonden Getreide schiebt, über die Sichtgrenze, um besser sehen zu können, könnte metaphorischer nicht sein. Denn einer der Lehrsätze, mit denen Kinder in den Niederlanden (und nicht nur dort) aufwachsen, ist folgender: „Wer seinen Kopf aus dem Feld streckt, dem wird er abgeschnitten.“ Symptomatisch für vieles, aber ganz so schlimm kommt es nicht.
Annes Liebe zu Lena löst Probleme aus, aber viele dieser Probleme scheinen unabhängig von der Gleichgeschlechtlichkeit der beiden jungen Frauen zu sein. Und bis auf den kurzen Moment der Verunsicherung, in den Anne nach dem ersten Kuss gerät, zeigt auch sie selbst erstaunlich wenig Verwirrung ob des Geschehens. Weniger Zweifel als vermutet, weniger innere Zerrissenheit, zum ersten Sex kommt es beinahe unglaubwürdig schnell und hinterfragt wird wenig.
Ist das wirklich so in den Niederlanden, die noch immer von ihrem Ruf als progressives, tolerantes Land zehren, den sie sich in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts aufgebaut haben? Ist das so in einem Dorf, in dem der Katholizismus noch immer die Zügel in der Hand hält, in dem Frauen selbst schuld sind, wenn sie schwanger werden und geschlagen? Kann eine lesbische Liebe zwischen einer blonden Landschönheit und einer Städterin of Color wirklich so relativ unbelastet ablaufen? Die Kids werfen Eier an die Fenster des Hauses, in dem Lena wohnt, aber das ist nur Fremdenhass. Fremd gleich Nicht-von-Hier, fremd gleich anders. Hautfarbenunabhängig und unabhängig von der sexuellen Orientierung, wie es scheint. Zum Anderssein reichen das Nachbardorf und ein anderer Dialekt.

Und genau darum geht es in „Zomer“. Es geht nicht um ein Coming-Out, sondern um das existenzielle Anderssein im Mikrokosmos, um das Ausbrechen, das Es-nicht-mehr-Aushalten, die Enge in der Brust und die Weite des Lebens, die Verlegenheit der Pubertät und ihre Leichtigkeit. Diese unaufgeregte Zeichnung des Coming-of-Age-Sommers, den Anne durchlebt, verleiht der Geschichte etwas Berührendes. Kein Drama, kein Schnickschnack, sondern getragene, klare Bilder in ausgeblichenen Siebziger-Jahre-Farben, wenig Worte und darunter viele, die man besser nicht verstehen will, weil sie derb sind, grob, entlarvend.

Die Bildsprache der Regisseurin Colette Bothof („Zwarte Zwanen“) ähnelt der des niederländischen Filmemachers Alex van Warmerdam („De Noorderlingen“, „Abel“) und setzt dabei die Tradition des niederländischen Arthouse konsequent fort. Im Mittelpunkt der Inszenierung steht die Spielkraft der Protagonistinnen und Protagonisten, das Minenspiel, die Energie, die Beklommenheit. Es erstaunt wenig, dass gleich drei der Schauspielerinnen und Schauspieler 2014 für das „Gouden Kalf“, den Preis des Nederlands Film Festival, nominiert waren.

Ein wenig bleich bleibt die Figur der Anne. Mag sein, dass das an der Dramaturgie liegt, denn hin und wieder verliert die Regisseurin das Gebot „Show, don’t tell“ aus den Augen, und dann muss Annes Stimme eben doch erzählen, wie es ihr geht, was sie fühlt, vielleicht aus Angst, dass das Zeigen nicht ausreicht. Was dazu führt, dass die Zuschauenden hören, aber nicht fühlen, nachfühlen, mitfühlen.

Darüber hinaus zeigt Bothof viel Fingerspitzengefühl. Weder banalisiert, noch romantisiert sie, aber inmitten ihrer wundervollen goldschimmernden Bilder gibt es einen Bruch: Der Realismus, mit der das Dorfleben gezeichnet wird, verliert sich in der Liebesbeziehung zwischen Anne und Lena. Welches junge Liebespaar, eine davon vollkommen unerfahren, tanzt ausgelassen halbnackt im „Heupolder“ und hat danach den ersten Sex, wenn zuvor ein Rudel Halbwüchsiger um sie herumstand, sie beschimpfte und sexistisch erniedrigt hat? Der Film, der sich insgesamt durch eine ausnehmend spannende und detaillierte Beobachtung der dörflichen Szenerie auszeichnet, verliert an dieser Stelle an Glaubwürdigkeit. Vermutlich ist es eine Art Schutz, den Bothof ihren Protagonistinnen angedeihen lassen möchte, ein Ideal, das sie dem Realismus entgegensetzen möchte, und so verständlich das ist: Der Film erhält an dieser fragilen Stelle einen bedauerlichen Riss.

Und doch ist der Film stark genug, diesen Riss zu verkraften. Er zeichnet ein Abbild der modernen dörflichen Niederlande, das Abbild einer Jugend auf dem Land, das Abbild eines Sommers. Die gelegentlich zynische, gelegentlich komische Milieustudie beweist typisch niederländischen Humor, glänzt durch die Musik des Singer-Songwriters Jacco Gardner, durch kraftvolle Schauspielerinnen und Schauspieler und durch seine bezaubernden und manchmal surrealen Bilder. „Zomer“ ist ein Geschenk.



Zomer DVD

Zomer – Nichts wie raus
von Colette Bothof
NL 2014, 89 Minuten, FSK 12,
niederländische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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