Sascha

Trailerrbb QUEER

rbb QUEER, die neue nicht-heterosexuelle Filmreihe des rbb, geht heute Abend in die zweite Runde: mit Dennis Todorovics Debütfilm „Sascha“ (2010), einer hervorragend geschriebenen und auf den ersten Blick leichten Komödie über ein Coming-out mit Migrationshintergrund im homophilen Köln. Unser kroatische Autor Nenad Kreizer findet in dem Film des Regisseurs tschechisch-montenegrinischer Herkunft aber auch eine ernsthafte und subtile Auseinandersetzung mit dem Selbstbild der Balkan-Männer vor.

Foto: rbb

Machos aus Montenegro

von Nenad Kreizer

Der 19-jährige Sascha ist der älteste Sohn der Gastarbeiterfamillie Petrovic. Seine Mutter Stanka kommt aus Zagreb, sein Vater Vlado aus Montenegro. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Boki (Boris) und dem aus Bosnien mitgenommenen Onkel Pero leben sie in dem multikulturellen Kölner Viertel Eigelstein. Sascha hat eine Freundin, Jiao, die mehr von ihm will, als nur am Rhein spazieren zu gehen. Er aber ist nicht in Jiao verliebt, sondern in seinen Klavierlehrer Gebhard, der Saschas Schwärmerei über einen nicht ganz freiwilligen One-Night-Stand hinaus nicht wirklich erwidert. Als wenn das alles nicht schon kompliziert genug wäre, schafft Sascha es darüber hinaus nicht, sein Schwulsein vor der Familie zu verheimlichen. Das Coming-out entgleist folgerichtig zum Drama: Es kommt zu einem Streit und einer Schießerei. Vlado verletzt seinen Sohn Boki und landet im Gefängnis.

„Sascha“ von Dennis Todorovic ist auf dem ersten Blick ein Film über einen jungen Migranten, der Schwierigkeiten hat, in einer traditionellen Familie seine Homosexualität auszuleben. Es ist aber auch ein Film über die Probleme von Gastarbeitern, die sich auch nach Jahrzehnten in Städten wie Köln nicht wirklich heimisch fühlen und ständig von ihrer alten Heimat träumen. Und es ist ein vielschichtiges Beziehungsdrama, das eine unglückliche Liebesgeschichte (zwischen Sascha und Gebhard), ein verschachteltes Beziehungsdreieck (Sascha–Boki–Jiao) und auch das alltägliche Drama von Vater Vlado und Mutter Stanka erzählt, deren Zweckgemeinschaft im Alltag schon längst zur Qual geworden ist.

Die Auswirkungen eines Kriegs erzählt „Sascha“ subtil durch das Familienleben der Generationen hindurch. Während Sascha die Liebe sucht, haben seine Eltern, beide Kontrollfreaks, ihre Beziehung bereits aufgeben. Eine Scheidung kommt nicht in Frage, denn allein müssten sich beide völlig neu zurechtfinden. Freunde in Deutschland haben sie nicht, und alles, was sie in den letzten zwanzig Jahren erreicht haben, wurde in die Ehe und die Kinder gesteckt. Ehen wie diese werden entweder vom Tod geschieden oder durch einen anderen Schicksalsmoment auseinandergerissen. Das Coming-out des Sohnes hat in dieser Geschichte eine katalytische Wirkung: Die Familie wird aus der Bahn geworfen, es kommt zu Rangeleien und Verletzungen, am Ende muss Vlado ins Gefängnis und wird nach Montenegro abgeschoben – und für die Eheleute ist das nicht zuletzt eine unverhoffte Befreiung von einem Leben, mit dem weder Stanka noch Vlado zufrieden waren.

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Die Szene, in der Stanka gnadenlos ehrlich am Ende ihrem im Gefängnis sitzenden Mann erklärt, dass seine Rückkehr nach Montenegro und ihr Bleiben in Deutschland „das Beste für beide und für die Jungs ist“, gehört zu den berührendsten Momenten des Films. Ihre jahrelang gepflegten Gastarbeiterträume („Deutsche mit Migrationshintergrund“ waren die beiden nie): gemeinsame Rentnertage im Haus in der Heimat, gemeinsame Urlaube „zu Hause“, wo „alles besser ist, schmeckt und sich anfühlt“, zerplatzen mit einem Schlag. Aber man wird irgendwie zurechtkommen: Die fleißige Stanka kann einen besseren Job übernehmen, weil sie sich nicht mehr um die Familie kümmern muss. Und sie wird weiterhin für ihre Jungs sorgen, vielleicht mehr als diesen lieb ist. Die Jungs werden, trotz allem was geschehen ist, ihr Glück in ihrem Gefühlsleben finden, soviel ist am Ende des Films klar.

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Die eigentlich tragische Figur innerhalb der Familie Petrovic ist Vater Vlado. Sein Traum wird mit einem Gefängnisaufenthalt, der nach zwanzig Jahren Aufenthalt in Deutschland zu seiner Abschiebung führen wird, ermöglicht und zerstört in einem. Er verliert sein (im wahrsten Sinne des Wortes) wertvollstes Gut, seine Familie – auch wenn ihn seine Söhne und seine Frau in Montenegro besuchen werden. Aber die Menschen zu Hause in der alten Heimat werden Fragen stellen und über kurz oder lang herausfinden, warum er in seinem alten Mercedes nach Montenegro zurückkehren musste.

Aber wird das Leben für ihn danach einfacher? Mit einem schwulen Sohn lebt es sich auch heute noch eindeutig besser und einfacher in Köln als auf dem Balkan. Zwar hat er in den Jahren in Deutschland etwas Geld auf die Seite gelegt und eine Rückkehr nach Montenegro theoretisch immer in Erwägung gezogen; letztendlich zeugt sein Verhalten vor den schicksalhaften Ereignissen aber doch eher für seine stille Vorbereitung auf ein Rentnerleben in Deutschland.

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Vlados Charakter (fabelhaft in allen ethnischen Details dargestellt von Pedja Bjelac) ist ein tragisches Abbild vieler Väter, die (im jugoslawischen Raum besonderes verbreitet) in ihrer Zerrissenheit zwischen patriarchaler Tradition und pragmatischen Realitäten moderner Gesellschaften zwangsläufig zu Verlieren werden – und die meistens eine Geschichte parat haben, die erklärt, warum sie nicht zu dem geworden sind, wovon sie immer geträumt haben.

Mit Vlado verhält es sich nicht anders. Wegen einer Knieverletzung musste er eine vielversprechende Basketballkarriere abbrechen. Auch Stanka hatte Träume, die sie wegen des Kriegs in den Neunzigern nie verwirklichen konnte. Es liegt nun an den Kindern, die verpassten Chancen auszugleichen und nach- und aufzuholen, was die Eltern für sich selbst nicht nutzen und erreichen konnten.

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Dennis Todorovic zeigt in jedem Augenblick, dass ihm das jugoslawische Milieu bestens vertraut ist. Zeitweise nimmt Slapstick Überhand und immer wieder dominieren ethnische Klischees das Geschehen. Das ist zwar teilweise sehr amüsant, aber für Zuschauer, die mit dem jugoslawischen Kulturraum nicht sehr vertraut sind, oft unverständlich. Der durchschnittliche Kinogänger kann nicht wissen, dass Montenegriner als besondere Machos gelten und Leute aus Zagreb (Mutter Stanka) als hochnäsig.

Zum unklaren Schicksal der Protagonisten passt die melancholische Atmosphäre des Films („in Deutschland regnet es immer“) des Kölner Stadtteils Eigelstein und das klaustrophobisch wirkende Haus der Petrovics. Eine vielleicht ungewollte, aber auf jeden Fall amüsante Hommage an den Videoclip „Smalltown Boy“ von Bronski Beat ist die Szene im Schwimmbad, in der Sascha seinem Schwarm hinterherspioniert.

Und doch wäre es verfehlt, „Sascha“ auf einen Coming-out-Film im Migrantenmilieu zu reduzieren, weil er noch viel mehr zu sagen hat. Es wäre dem Film zu wünschen, dass er auch in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens seinen Weg in die Kinos findet.



Sascha
von Dennis Todorovic
DE 2010, 101 Minuten, FSK 12,
deutsche Originalfassung

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