Jan Morris: Rätsel

Buch

Die ersten 35 Jahre lebt Jan Morris, geboren 1926, nach außen hin als Mann: beim britischen Militär, im journalistischen Milieu, in einer Ehe mit vier Kindern. Doch dann fasst Jan einen Entschluss. In „Rätsel“ liefert die Schriftstellerin einen spannenden und zugleich humorvollen Bericht ihres Lebens als „Betrachtung einer Wandlung“. Unser Autor Tilman Krause hat das 1971 erstmals veröffentlichte und nun auch in deutscher Übersetzung erhältliche Buch mit Gewinn und Vergnügen gelesen.

 

A Very British Journey

von Tilman Krause

Schon ihre früheste Kindheitserinnerung macht es ganz klar: „Ich war drei oder vier Jahre alt, als mir aufging, dass ich im falschen Körper geboren war und in Wirklichkeit eigentlich ein Mädchen sein sollte.“ Doch Jan Morris, die sich nie Jane nennen sollte, wuchs als Junge auf. Sie hat 35 Jahre als Mann gelebt, dann begann die Umwandlungsphase durch Einnahme von vielerlei Medikamenten, bevorzugt übrigens Pillen „aus dem Urin trächtiger Stuten“, bis sie dann mit 45 Jahren den großen, alles verändernden Schritt zur operativen Geschlechtsumwandlung tat. Im Jahr 1971 war das, und das Erinnerungsbuch, das wir in „Rätsel“ vor uns haben, entstand bald danach. 1976 ist es erstmals erschienen. 2001 in England neu aufgelegt, erreicht es in der anschmiegsamen Übersetzung von Frieda Ellman jetzt auch den deutschen Buchmarkt.

Und um es gleich vorweg zu sagen: Es handelt sich hier um eines jener Lebenszeugnisse, die auch derjenige mit Vergnügen und Gewinn lesen wird, der sich für das Thema Geschlechtsumwandlung gar nicht sonderlich interessiert. Denn in der 1926 geborenen Jan Morris schreibt eine so bezaubernde, im besten britischen Sinne eigenwillige Person, die als ehemalige Reporterin witzig, gebildet und von einer überbordenden Begeisterungsfähigkeit ihr Leben vor uns aufrollt, dass man ihr gern auf ihrer „Pilgerreise“ folgt. Denn so versteht sie, nicht ohne spirituelle Daseinsgrundierung, ihr Leben.

Mit anderen Worten: Als Autobiografie einer Transperson, wie wir heute sagen würden, haben diese Memoiren absoluten Seltenheitswert. Sie kommen vollständig ohne Opferdiskurs aus. Der Mensch, der hier vor uns tritt, empfand sich offenbar niemals in seinem langen Leben als traumatisiert. Er lebte Jahrzehnte lang gegen seine eigentliche körperliche Beschaffenheit: das wohl. Und er erlebte sich erst, als er mit 45 Jahren zur Frau „geworden“ war, als „normal“. Aber er tummelte sich auf so vielen Feldern, hatte so mannigfache Interessen, traf so zahlreiche verständnisvolle Menschen, darunter seine große Liebe Elisabeth, die er heiratete und mit der er fünf Kinder zeugte, sodass man ihn sich bei aller fundamentalen Widrigkeit – wie Camus’ Sisyphos – wohl als glücklichen Menschen vorstellen muss.

Jan Morris – Foto: David Hurn, Magnum Photos

Denn, auch das will dieses Buch offenbar zeigen: Es gibt ein richtiges Leben im falschen. Zumindest ein richtiges Leben im falschen Körper, wenn man, wie Jan Morris, Antennen zum Übergeschlechtlichen besitzt und in der Lage ist, das zu entwickeln, was die Autorin in einem der aufschlussreichsten Kapitel dieses Buches ihre „Omnisexualität“ nennt. Darunter versteht sie eine gewissermaßen panerotische Attitüde zur Welt, in der sich der Eros nicht nur auf Menschen beiderlei Geschlechts richten kann, sondern eben auch auf Kunst, auf Landschaften, auf Städte. Bei so viel Weltumarmung fragt man sich, ob hier nicht ein wenig zu viel Harmonisierungsbedürfnis im Spiel ist. Oder Verdrängung. Oder ein unbedingter Wille, das eigene Leben als gelungenes darzustellen. Dann denkt man aber daran, wieviel es Jan Morris gekostet haben muss, ihren großen Schritt als gut und richtig gegen alle Zweifel zu verteidigen, denen sie in den sechziger Jahren, als ihr Entschluss dazu reifte, natürlich noch begegnet ist, und man begreift. Am Ende überwiegt das Gefühl: Für die Verfasserin, für Jan Morris, hat dies alles eine subjektive Wahrheit, die man respektieren muss.

Freilich wird man nicht umhinkommen festzustellen, dass Jan Morris auch sehr viel Glück hatte. Das geht schon mit der Kindheit los: Sie wird in eine liberale, musisch orientierte Familie der walisischen Oberschicht hineingeboren, in der sie liebevoll behandelt und akzeptiert wird. Mit neun Jahren kommt sie in die Chorschule der Universitätsstadt Oxford. Hier lebt sie ein nahezu klösterliches Leben wie im Mittelalter, umgeben von skurrilen Figuren, die ihrerseits an anderen Menschen das Ausgefallene, Kuriose zu schätzen wissen – ideale Voraussetzungen natürlich für ein Kind, das jedes seiner Nachtgebete mit dem Anruf schließt: „Lieber Gott, lass mich ein Mädchen sein!“

Das alles wirkt als Erfahrung in einem gesellschaftlichen Randbereich fraglos stimmig. Aber schlucken muss man schon, wenn man dann liest, dass Jan sich als Siebzehnjähriger freiwillig zur Armee meldet und bei den Soldaten eine herrliche Zeit gehabt haben will. Keine Diskriminierung und das auch noch im Zweiten Weltkrieg? Nun, Jan verschlägt es zu einem der britischen Traditionsregimenter, den 9. Lancers, von dem Geschichten umlaufen, dass seine Offiziere auch schon mal ein Cello mitnehmen, wenn sie ins Feld ziehen (als deutscher Leser denkt man an den alten Fritz, der noch im Siebenjährigen Krieg mehrere Stunden am Tag dem Flötespielen widmete). Was uns hier geschildert wird, ist eine so versunkene Welt soldatischer Kultiviertheit, die es laut Aussage der Autorin sogar im traditionsbewussten Großbritannien bereits in den siebziger Jahren nicht mehr gab, sodass man tatsächlich eher ans 18. Jahrhundert denkt und also wiederum, wie schon im Oxford-Kapitel, an eine andere Epoche als diejenige, in der die Autorin lebte. Aber ob sie nun die Tapferkeit, Ritterlichkeit, Fürsorglichkeit ihrer Kameraden, die sie nach Nordafrika begleitet, romantisiert oder nicht: Man weiß, dass viele effeminierte Männer sich schon immer unter Soldaten, die sie oft als „wahre Männer“ bewundern, besonders wohlfühlten. Wieso soll also nicht auch Jan das homosoziale Leben ihrer Männergruppe genossen haben?

Und wenn die Geschichte mit Otto aus Potsdam, der sich irgendwie in Jans Regiment verirrt hat, in den sie sich verliebt und der sich seinerseits so unbändig wünscht, Jan wäre eine Frau, vielleicht nicht ganz der Wahrheit entspricht, so ist sie doch gut erfunden. Dass ausgerechnet ein ultramännlicher Deutscher der noch im Männerkörper hausenden jungen Jan erotisch besonders entgegengekommen sein soll, ist eine herrlich exzentrische Pointe. Nicht zuletzt dieses Spiel mit nationalen Stereotypen verweist auf den journalistischen Hintergrund von Jan Morris’ Schreiben: Kein Wunder, dass sie in England diesbezüglich eine steile Karriere macht.

Auch deren Stationen erfahren wir ausführlich, mit hübschen Anekdoten über das Arbeiten für den „Guardian“ oder die „Times“. Aber mit der Zeit drängt sich doch das Thema der bewusst herbeigeführten Körperveränderung immer stärker in den Vordergrund. Hier bewährt sich eine andere Seite von Jan Morris’ erzählerischem Talent, denn die Schilderungen der oft noch sehr dilettantischen Anstrengungen, die damals Ärzte und Psychiater für Menschen wie Jan bereithielten, grenzen bisweilen an Realsatire. Und die ganz unterschiedlichen Reaktionen auf die sich immer stärker ausbildende Verweiblichung der Autorin haben ebenso wie die soziologischen Betrachtungen, die Jan Morris an sie knüpft, Unterhaltungswert.

Selbstverständlich läuft die ganze „Pilgerreise“ auf den großen Moment ihres Lebens zu: die Operation, die sie übrigens in ihrem geliebten Nordafrika, genauer gesagt in Casablanca, von einem marokkanischen Arzt vornehmen lässt. Das kommt alles ein wenig als Märchen aus Tausendundeiner Nacht daher und ergibt wiederum eine herzbewegende Geschichte von Abschied und Neugeburt. Demgegenüber erfahren wir relativ wenig über die Beschwerden, die die Operierte danach hat und die immerhin zwei weitere tiefgehende Eingriffe nötig machen. Egal! Sie hat nun ihr Ziel erreicht. Und wie es sich für einen richtigen Entwicklungsroman gehört, interessiert das, was sich nach der Integration der Heldin in die Gesellschaft abspielt, auch hier die Verfasserin relativ wenig. Sieht man einmal davon ab, dass sie nun betont, das Leben als Frau sei viel einfacher, weil eine Frau schwach sein darf. Auch wenn einem für diese ein wenig schlichte Botschaft vielleicht der Glaube fehlt: Literarisch funktioniert diese Schlussapotheose jedenfalls ausgezeichnet. Selten hat man eine Lektüre mit einem so deutlich empfundenen, fröhlichen „Ende gut, alles gut“ beendet.




Rätsel
Betrachtung einer Wandlung
von Jan Morris
Aus dem Englischen von Frieda Ellman
Gebunden, 286 Seiten, 25,00 €,
Dörlemann

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