Der Wunsch

TrailerKino

Maria und Christiane teilen einen Wunsch: Sie möchten unbedingt ein gemeinsames Kind. Über Jahre unternehmen die Partnerinnen immer neue Versuche, schwanger zu werden, recherchieren neue Möglichkeiten, probieren neue Techniken aus, stellen sich finanziellen Herausforderungen. Die Hürden im Gesundheitssystem, die biologische Uhr und die emotionalen Höhen und Tiefen setzen ihre Beziehung mehr und mehr unter Druck. Die querschnittgelähmte Maria zweifelt zunehmend, während Christianes Motivation unverändert stark bleibt. Wie lange kann man an einem Wunsch festhalten? Regisseurin Judith Beuth, die mit Maria seit Kindertagen befreundet ist, nähert sich den beiden Frauen und deren Beziehung mit großer Empathie an. Barbara Schweizerhof über ein berührendes Paarporträt, das jetzt im Kino zu sehen ist.

Foto: Rise and Shine Cinema

Was sein könnte

von Barbara Schweizerhof

„Was ist die Kraft, die Christianes Wunsch ein eigenes Kind zu gebären, eine solche Unbedingtheit verleiht?“, fragt die Regisseurin Judith Beuth an einer Stelle ihres Films. Die Frage richtet sich an alle. An uns Zuschauer:innen, an ihre zwei Protagonistinnen, das Paar Christiane und Maria, und an die Regisseurin selbst, die wenig später sogar selbst vor die Kamera kommt, um mit ihren Heldinnen darüber zu sprechen, warum man als Frau den besten Zeitpunkt für die Fruchtbarkeit oft so leichtsinnig vergehen lässt. Eine schlagende Antwort auf die Frage gibt der Film nicht. Er bietet etwas viel Besseres an: die Möglichkeit aus großer Nähe mitzuerleben und mitzufühlen, wie das ist, wenn man einen solchen unbedingten Kinderwunsch hat.

Dass Maria und Christiane überhaupt bereit waren, sich bei ihren Versuchen der Wunscherfüllung von einer Dokumentarfilmkamera begleiten zu lassen, ist bewundernswert mutig und Zeichen einer inspirierenden Offenheit. Dabei ist nichts an diesem Film voyeuristisch. Beuth als Regisseurin lässt den beiden Frauen sehr bewusst ihre Privaträume, sie wahrt Diskretion. Man erfährt nur wenig aus dem Leben der Frauen, was nicht im unmittelbaren Zusammenhang zum Thema des Films steht. Jeder Interviewsituation spürt man an, dass Beuth nicht versucht, weiter in die Psyche ihrer Interviewpartner vorzudringen, als diese auch wirklich zulassen wollen. Und nie hält sie mit der Kamera einfach so drauf. Dennoch bekommt man sehr intime Einblicke, weil sich Maria und Christiane in Momenten ihrer größten Verletztlichkeit filmen lassen. Bei dem Empfang guter und oft auch schlechter Nachrichten, wenn die Gefühle blank liegen. Bei der Diskussion der nächsten Schritte, wenn die Gedanken noch ganz ungereimt sind. Und immer wieder bei der Artikulation eben dieses Wunsches nach einem Kind, wenn schon das Eingestehen und Aussprechen die Emotionen zum Anschlag bringen.


Zehn Jahre lang begleitet Beuth die beiden Partnerinnen von einer Hoffnung nach Erfüllung bis zur nächsten. Beuth ist mit Maria seit ihrem 13. Lebensjahr in Freundschaft verbunden. So war sie auch, das erzählt sie in größtmöglicher Beiläufigkeit, bei jenem Badeunfall dabei, bei dem sich Maria das Rückgrat verletzte und im Alter von 17 Jahren mit einer Querschnittslähmung zurückblieb. Sie hat auch aus nächster Nähe miterlebt, wie Maria und Christiane sich kennenlernten und ineinander verliebten. Sie habe sich für die beiden gefreut und ihre gegenseitige Liebe mit all den nötigen Zugeständnissen und Selbstlosigkeiten auch bewundert, schildert sie. Die Aufnahmen zum Film beginnen 2013, als Maria und Christiane zusammen eine neue Wohnung beziehen. Um diesen Zeitpunkt herum einigen sie sich auch darauf, dass sie probieren wollen, ein eigenes Kind zu bekommen.

Als lesbisches Paar bedeutet das zunächst etwas ganz anderes als in der Hetero-Welt. Sie müssen erst noch einen dritten finden, den möglichen Vater und/oder Samenspender. Nachdem sie ihre Suche im Bekanntenkreis ausgeschöpft haben, probieren sie es mit letzterem. Sie durchforsten das Internet, treffen auch einen Kandidaten, verlegen sich aber dann auf eine Variante, bei der sie sich die gut gekühlte „Ware“ per Post schicken lassen. Aber mit dieser Art der Selbstinsemination kommen sie nicht zum gewünschten Ergebnis. Nach ein paar Fehlversuchen geben sie auf.

Foto: Rise and Shine Cinema

Der nächste Schritt ist die In-Vitro-Fertilisation. Die Methode greift schon sehr viel heftiger in den Alltag der Frauen ein. Christiane muss zur Vorbereitung der Eizellenentnahme Hormone nehmen, die ihr natürlich auch aufs Gemüt schlagen. Sie wundert sich selbst noch, wie der Kinderwunsch langgehegte Bedenken gegen Hormoneinnahmen plötzlich wegwischt. Im Film ist es das letzte Mal, dass sie auf solche Nebenwirkungen eingeht. Später scheint der Gedanke, dass sie sich mit den Einnahmen und Eingriffen selbst etwas antut, kaum mehr eine Rolle zu spielen. Der Wunsch nach einem Kind wird für Christiane tatsächlich immer unabdingbarer. Und der Film macht das Erleben dieser Unabdingbarkeit mit großer Sensibilität und ohne Verurteilung nachvollziehbar.

Die Zeit zwischen den verschiedenen Ansätzen der Kinderwunschbehandlung und den verschiedenen Orten, die sie dazu aufsuchen müssen, illustriert Beuth im Film zwischendurch mit kleinen Animationen, die manchmal skizzenhaft den Sehnsüchten Ausdruck geben, manchmal aber auch den Parcours der Mühen darstellen, den sie von Mal zu Mal durchlaufen müssen. In einer Art Tetris-Spiel müssen da die unterschiedlichen Blöcke von „Geld“, „Recherche“, „Arbeit“, „Zyklus“ und „Barierrefreiheit“ passend gelegt werden – eine beinah unmögliche Puzzle-Aufgabe. Schließlich kommt ihnen oft auch noch die Rechtslage in Deutschland in die Quere, die in Sachen In-Vitro-Fertilisation gleichgeschlechtliche Paare lange nicht gleichstellen wollte mit heterosexuellen. Immer wieder sind Maria und Christiane gezwungen, ins Ausland zu fahren, nach Dänemark, nach Österreich, um die ihnen passend erscheinende Hilfe zu bekommen. Zuletzt, als Christiane eine hierzulande geltende Altersgrenze für die Kinderwunschbehandlung überschritten hat, wenden sie sich sogar an eine Klinik in der Ukraine. Dort will man ihnen gerne helfen, ungeachtet des Alters und ihres Lesbischseins, aber dennoch erweist sich ihr Fall als zu komplex. Inzwischen rechnen sich die beiden die größeren Chancen aus, wenn die jüngere Maria ihre Eizellen spendet, die dann befruchtet Christiane eingesetzt werden. Nur dass die Hormonstimulation, die für die Eizellenspende notwendig ist, für Maria als Querschnittsgelähmte ein besonderes Risiko darstellt und anders dosiert werden muss.

Man sieht im Film die Jahre mit den Versuchen vergehen. An der Seite von Maria und Christiane erhält man schlaglichtartige Einblicke ins weite Feld der Kinderwunschbehandlung. Aber zu nerdig wird Beuths Film nie. Im Vordergrund stehen immer die Gefühle, die aufkommen. Die Freude und Zuversicht, wenn Christiane schwanger wird, und die bodenlose Trauer, wenn das befruchtete Ei doch nicht weiter wächst. Auch die Versuche wegzukommen von dem ersehnten Ideal, von der Unabdingbarkeit des Wunsches. Aber immer wieder kehren sie zu „Noch ein Versuch“ zurück, weil: Es könnte doch alles so schön sein.

Nach fünf Jahren thematisiert Maria zum ersten Mal, dass sie als Paar auch Lebenszeit „vertun“ mit dem Jagen nach dem Kinderwunsch. „Es gibt so vieles, was man nicht tut, so viele Dinge, die man nicht anfängt“, schildert sie. Wie viel Zeit sie allein mit Warten verbringen: Warten, dass man einen Termin bekommt, warten auf die Untersuchungsergebnisse, warten auf den Behandlungserfolg, warten bis zur nächsten Blutabnahme, dem nächsten Schwangerschaftstest.

Foto: Rise and Shine Cinema

„Wie fühlt ihr euch?“ und „Was macht das mit euch?“, fragt Beuth manchmal sanft aus dem Off. Die Antworten fallen nachdenklich und bedächtig aus. Da ist das Ohnmachstgefühl darüber, dass bei ihnen „das natürlichste der Welt, das Kinderkriegen, zu einem Kraftakt wird“. Und die nicht nachlassende Sehnsucht durch ein Kind „in den Lebensstrom einzutreten“. Die ersten Fehlschläge scheinen Maria und Christiane näher zusammenzubringen, im Ernst der Situation bewährt sich ihr gegenseitiges Verpflichtetsein. In späteren Jahren zeigt sich, wie wichtig es für die Beziehung ist, die andere zu sehen, mit ihren ganzen Wünschen und Sehnsüchten. Sie lernen sich besser, auf tiefere Weise kennen. Es liegt darin eine große Liebe.

Am Ende müssen sie vom Wunsch selbst Abschied nehmen. Ein sichtlich schmerzhafter Prozess, der ihnen glaubhaft schwerfällt. Die Sensibilität von Beuths Film beweist sich darin, wie gut man das als Zuschauer:in nachempfinden kann: Dass der Wunsch selbst so lange das Leben ausfüllte – und dass es nun ein Akt der Trauer ist, ihn los zu lassen. „Ich will nicht mehr denken, es könnte sein“, sagt Maria am Schluss, und man begreift, dass das der schwierigste Abschied ist: von etwas, was nie war.




Der Wunsch
von Judith Beuth
DE/NO 2024, 105 Minuten, FSK 0,
deutsche OF

Ab 14. März im Kino