Der Schwimmer

TrailerQueerfilmnacht

Erez will das Ticket für Olympia! Aber dafür muss sich der ehrgeizige Nachwuchsstar erst noch beim Vorentscheid durchsetzen, der vom israelischen Schwimmverband in einem abgelegenen Trainingscamp veranstaltet wird. Die Konkurrenz in hautengen Speedos ist hart. Doch die schwerste Prüfung stellt sein bildhübscher Mitbewerber Nevo dar. „Der Schwimmer“ geizt nicht mit halbnackten Tatsachen und einer reizvollen Spannungskurve, stellt im Kern aber die Frage, was im Leben mehr zählt: professioneller Erfolg oder die große Liebe. Stefan Hochgesand taucht mit Kopfsprung in Adam Kalderons hochsommerliches Sportdrama ein, das eins der Highlights des Queerfilmfestivals (8. bis 14. September) ist und im September in der Queerfilmnacht läuft.

Foto: Salzgeber

Gold oder Liebe

von Stefan Hochgesand

Nein, es ist kein Gleitgel. Die blauen Tupfer Gel auf diesem knackigen Körper verwandeln sich in Rasierschaum. Bei Berührung mit Wasser natürlich, dem Element, aus dem der Film „Der Schwimmer“ gegossen ist. Die Klinge gleitet geschmeidig über die gebräunte Haut – und nimmt auch die letzten Millimeter Haar mit. Was sexy ausschaut während der zackigen Eröffnungssequenz in „Der Schwimmer“, die mit Pet-Shop-Boys-artigen Discobeats unterlegt ist, bereitet indes auch schon gut auf die ernsteren Aspekte des Films vor: Dort wo Erez, der Schwimmer, unterwegs ist, nur einen Sprung entfernt zur Olympiaqualifikation, da geht es um Millisekunden; und dementsprechend auch darum, jeden Mikrometer Körperhaar, jeden Mikrometer unnötigen Widerstand abzuschürfen. Möglichst glatt sein. Keine unnötigen Angriffsflächen bieten für das Wasser, das den erbarmungslosen Gesetzen der Physik folgt. Oder auch: der Gesellschaft, die erbarmungslosen Gesetzen folgt. Das Perfide daran: dass die Arbeit an diesen Millisekunden einen gigantische Zeitraum mit vielen Abstrichen in Erez’ Leben beansprucht. Aber er will es ja so. Oder?

Gerade noch fuhr Erez bei tiefstehender Sonne in Wassernähe auf dem Motorrad. Freiheit! Schon ist er angekommen im Trainingslager. Der Schlüsselbund einer strengen Lady baumelt bedrohlich. Erez darf sich ein Bett aussuchen. Na immerhin. „Willst du das Olympia-Ticket holen?“, fragt der Trainer am Beckenrand. „Deshalb bin ich hier“, sagt Erez (der, nebenbei bemerkt, optisch ein Cousin von Edouard Louis sein könnte). Also los! Wir sehen zu, wie die Jungs sich beim Training von ihren Startblöcken aus mit ihren strammen Beinen möglichst weit ins Wasser abstoßen. Um ihre Taillen herum sind indes Gurte gespannt, die mit diesen Startblöcken vertäut sind. Irgendwann, nach circa zwei Dritteln der Bahn, sind die Seile dermaßen straffgespannt, dass sich nicht weiter schwimmen lässt. Die Frage ist dann nur: Wessen Kräfte (Körperkräfte, Willenskräfte) halten am längsten an, um trotzdem mit den Armen weiter zu kraulen, auch wenn das den  Körper nicht mehr weiterführt im Wasser? Ist das noch Fitness oder ist das schon Psycho?

Doch keine Sorge: „Der Schwimmer“ ist gar nicht so hart. Nach nicht mal zehn Minuten gibt’s die erste (bei einem solchen Film freilich obligatorische) Duschszene. Einer wedelt mit seinem Schwanz und wünscht sich offenbar noch mehr Aufmerksamkeit dafür von den umherstehenden Typen beziehungsweise „Transen“, wie er sie nennt. Der Film fährt noch öfter solche Momente auf, etwa offensive Anspielungen auf Blowjobs, die so forsch vorgetragen werden, dass sie „natürlich“ nur Spaß sind. Hahahahaha, just kidding, wir sind ja nicht homo! Der Trainer findet sowas gar nicht lustig. Der hat sowieso seine eigene Ego-Agenda, die mit den Bedürfnissen der Jungs nur wenig gemein hat. Sein funktionales Regelwerk: Pünktlichkeit, kein Alkohol. Und: keine Freunde. Oha. Am besten also: Egoshooter sein. (Heißt in letzter Konsequenz wohl auch: Sperma besser alleine abschießen.)

Foto: Salzgeber

Zart deutet sich Rebellion durch Erez an – etwa wenn er in seinem Zimmer, rotlichtbeleuchtet und mit aufgesetzter Schwimmerbrille, tanzt. Er fühlt sich Disco. Zimmerbuddy Nevo staunt ob eines Bildes von Madonna, das Erez im Zimmer drapiert hat. Der kontert: „Manche glauben an Gott. Ich glaube an Madonna!“ Spätestens jetzt dürfte klar sein, an welches Ufer Erez schwimmen will. Doch kann ihm Nevo dorthin folgen? Zwischen Szenen des Drills (Lungenfunktionstests, die zum Keuchen bringen, Klimmzüge, bei denen Erez abschmiert, und Stahlketten auf dem Rücken), gibt es immer wieder diese leisen sinnlichen Szenen. Im Mondlicht schnüffelt Erez an Nevos liegengebliebener Unterhose. Er inhaliert den Schwanzgeruch als würde er an einer besonders schönen Blume schnuppern. Erez ist in Nevo verknallt. So viel ist klar wie Gleitgel flüssig.

Getoppt wird diese Masturbationsintimität wohl nur durch leibhaftige Zweisamkeit: Einmal pissen Erez und Nevo in dieselbe Flasche. Nevo lässt es sich nicht nehmen zu kommentieren, dass sein Schwanz kaum reinpasse in den engen Flaschenhals. Alles klar. Dann: Späße darüber, ob einer jetzt trinke von diesem delikaten Bitter-Cocktail. Gerade weil sich in Schwimmerkabinen aber immer wieder diese potentiell homoerotischen Momente ergeben, meinen die Schwimmer (wie Fußballer in der Umkleide) wohl, ihnen durch hyperhetero Sprüche das „Bedrohliche“ rauben zu müssen. „Es gibt nichts besseres“, sagt einer, „als eine rasierte Muschi, die nach Chlor riecht.“ Bon appétit!

Foto: Salzgeber

Der Grundkonflikt von „Der Schwimmer“ läuft dann darauf hinaus: Wie sehr ist Erez bereit, sich selbst, sein Begehren, seine Liebe, sein Ich zu verleugnen, um ein anderer zu sein, den wiederum andere vielleicht mal respektieren oder gar anbeten könnten ob seiner olympischen Manneskraft? Gold oder Liebe? Wenn man diesem verdammt schön anzuschauenden Film überhaupt etwas vorwerfen mag, dann ja vielleicht, dass dieses Dilemma mitunter fast schon überdeutlich vorgeführt wird. Man starrt auf die Leinwand, schaut, wie die potentiellen Loverboys Granatäpfel naschen, und denkt sich: „Das kann doch nicht wahr sein, Erez, dass du deine Liebschaft opferst nur fürs eitle Edelmetall! Steig aus!“

Vielleicht ist klar, was Erez tun muss. Indes gibt er uns dabei eine Botschaft mit – uns, die wir in unsere eigenen, verworrenen Leben vertäut sind, in denen sich immer wieder, nein, fast jeden Tag die Frage stellt: Bin ich ich? Oder bin ich ein anderer, damit die anderen mich „lieben“? Falls ja, hilft vielleicht nur der Sprung ins kalte Wasser. Bis der Gurt reißt.




Der Schwimmer
von Adam Kalderon
IL 2021, 90 Minuten,
hebräische OF mit deutschen UT,

Salzgeber

Im September in der Queerfilmnacht.

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