Bitteres Fest

Trailer • Im Kino

Die Werbefilmregisseurin Elsa stürzt sich nach dem Tod ihrer Mutter in die Arbeit. In einer anderen Zeit schreibt ein erfolgreicher Autor und Regisseur gegen seine kreative Krise an – mit einer Geschichte, die Elsas Leben erzählt. In seinem sehr introspektiven 24. Spielfilm widmet sich Pedro Almodóvar dem kreativen Vampirismus. Ein souveränes Alterswerk? Für Anja Kümmel eher ein unabgeschlossenes Work-in-Progress, irgendwo zwischen Selbstbespiegelung und Selbstkritik. Das aber auch einen Heidenspaß macht.

Bild: Arthaus

Im autofiktionalen Spiegelkabinett

von Anja Kümmel

„Setz bloß nicht diese Erzählermine auf!“ warnt in „Leid und Herrlichkeit“ (2019) die Mutter des Almodóvar-Alter-Egos Salvador ihren Sohn bei einem seiner letzten Besuche im Krankenhaus. „Ich will nicht, dass was davon in deinen Filmen vorkommt. Und meine Nachbarinnen auch nicht. Ich mag keine Autofiktion!“ Diese Worte sitzen tief, tiefer vielleicht noch als der Vorwurf „Du warst kein guter Sohn“, den sie Salvador in einer der nächsten Szenen an den Kopf werfen wird.

So tief, dass Pedro Almodóvar den gesamten Plot seines aktuellen, mittlerweile 24. Spielfilms „Bitteres Fest“ um eben diese Fragen kreisen lässt: Inwieweit dürfen sich Filmemacher:innen – bewusst oder unbewusst – am Material bedienen, das sie umgibt? Ist es moralisch verwerflich, die Erfahrungen, auch das Leid anderer, als Inspirationsquellen zu nutzen? Oder unabdingbarer Teil der künstlerischen Freiheit?

Diese Dilemmata behandelt „Bitteres Fest“, eine matrjoschkahaft verschachtelte Metafiktion von einem Film, die aus der gleichnamigen Erzählung in Almodóvars Prosaband „Der Letzte Traum“ gewachsen ist. Zugleich ist der Titel aber auch eine Hommage an die mexikanische Sängerin Chavela Vargas, deren mit unverwechselbar rauer, ausdrucksstarker Stimme vorgetragene Lieder den großen Emotionen, die wir von Almodóvar gewohnt sind, Rechnung tragen.

In „Bitteres Fest“ hat er sich gleich zwei Alter Egos erschaffen: Zum einen den in die Jahre gekommenen schwulen Regisseur Raúl (Leonardo Sbaraglia, in „Leid und Herrlichkeit“ als Salvadors Ex-Partner zu sehen), der mit seinem aktuellen Drehbuch nicht recht vorankommt. Auf den ersten Blick wirkt Raúl gutmütig und etwas weltfremd – in lebenspraktischen Dingen auf die Hilfe seiner Assistentin und langjährigen Freundin Mónica sowie seines jüngeren Geliebten Santi angewiesen – entblößt jedoch im Lauf des Films auch narzisstische, kontrollsüchtige Züge.

Zum anderen Elsa, ebenfalls Regisseurin, die sich einst mit zwei Independent-Filmen einen Namen gemacht hat, dann jedoch zur finanziell lukrativeren Werbung gewechselt ist. Auch sie steckt in einer Schaffenskrise, wird von Migräne- und Panikattacken geplagt und ist zudem über den Tod ihrer Mutter noch längst nicht hinweg. Dass Bárbara Lennie – die im spanischen Kino seit langem in den Rollen unterkühlt-undurchschaubarer bis leicht durchgeknallter Frauenfiguren brilliert – endlich einmal als zentrale Figur mit Almodóvar zusammenarbeiten würde (in „Die Haut, in der ich wohne“ hatte sie bereits eine kleine Nebenrolle inne), war höchste Zeit. Auch wenn Lennies Kunst hier eher in der Zurückhaltung liegt – denn, wie der Film durch diverse dramaturgische Twists Stück für Stück verrät, existiert Elsa lediglich in Raúls Fantasie, als Protagonistin in dessen Drehbuch.

Auf so ziemlich allen Ebenen ist „Bitteres Fest“ offensiv selbstreferenziell: Das Spiel mit dem Film im Film kennen wir aus „Schlechte Erziehung“, den unter allen möglichen psychosomatischen Beschwerden leidenden und mit diversen Süchten kämpfenden Regisseur aus „Leid und Herrlichkeit“. Auch das Thema der Trauer um die Mutter taucht, in Variationen, wieder auf.

Das ist natürlich eine ziemliche Nabelschau, doch immerhin eine, die dramaturgisch sämtliche Register zieht, die es für ein gutes Detektivspiel braucht, und dabei – trotz der generell eher gemächlichen Gangart und getragenen Atmosphäre des Films – auch noch einen Heidenspaß macht. Etwa wenn Elsa mit einer Migräneattacke in genau das Krankenhaus eingeliefert wird, in dem sie einst einen ihrer „Kultfilme“ gedreht hat, und dabei angibt, lieber nicht in dem Zimmer liegen zu wollen, in dem sie damals eine ihrer Figuren sterben ließ – Referenzen, die unweigerlich an „Sprich mit ihr“ erinnern. Oder wenn sich in Elsas jüngerem Liebhaber Beau – einem Feuerwehrmann, der am Wochenende auf Junggesellinnenabschieden strippt – unschwer eine leicht aufgepimpte Version von Santi erkennen lässt: ein Traumtyp, wie ihn sich nur ein alternder schwuler Mann ausdenken kann, in einen heterosexuellen Kontext verpflanzt, in dem er nun auf entlarvende Weise leicht verloren sein Bestes gibt.

Bild: Arthaus

Doch dieses ausgeklügelte Spiegelkabinett erlaubt es Almodóvar nicht nur, sich selbst mehrfach ironisch zu brechen, sondern auch, sein übergreifendes Thema des „kreativen Vampirismus“ in allen erdenklichen Facetten auszuloten. Denn was tut ein Regisseur wie Raúl, der nicht einmal mehr für Filmpreisverleihungen, verbunden mit verlockenden Geldsummen, das Haus verlässt? Genau: Er bedient sich am Leben der Menschen, die ihn umgeben.

Während Santi sich zunächst noch geschmeichelt fühlt, kaum verfremdet in Raúls Werk aufzutauchen, reagiert Mónica weit weniger wohlwollend. Als sie die Leidensgeschichte ihrer Freundin und deren Sohn in Raúls Drehbuch wiederfindet, ist sie, verständlicherweise, not amused. Raúl geht in die Defensive, und nicht nur das: In der nächsten Einstellung sehen wir eine leicht verschobene Version des Streitgesprächs, diesmal zwischen Elsa und ihrer Freundin Patricia, vor der surreal-kargen Kulisse einer schwarzen Vulkanlandschaft. Im High des langersehnten Schreibflows hat Raúl seine Hauptfigur kurzerhand nach Lanzarote verpflanzt, um ihr zu Inspiration für einen neuen Film zu verhelfen. Doch da es filmisch wenig hergibt, einer Frau beim Tippen auf ihrem Laptop zuzusehen, schickt er ihr die gute Freundin Patricia hinterher, die auf der Insel Abstand von ihrem fremdgehenden Ehemann sucht. Zumindest bis ihr klar wird, dass Elsa ihr Beziehungsdrama unverhohlen für ihr neues Drehbuch ausschlachtet. Nur dass Patricia – ein durchaus interessanter Twist – sich ihr Schicksal nicht vorschreiben, das Ende nicht von der Fiktion vorwegnehmen lassen möchte. „Und was geht in meinem Kopf vor? Ich weiß es nämlich selbst nicht“, schleudert sie Elsa empört entgegen. Die reagiert, ähnlich wie Raúl, mit einem nonchalanten Verweis auf die Kunstfreiheit.

Die Kunst imitiert das Leben, das Leben imitiert die Kunst, und nicht immer ist es leicht zu unterscheiden, wo das eine anfängt und das andere aufhört. „Bitteres Fest“ hat sich denkbar weit entfernt vom schrillen Pathos, vom überbordenden Camp früher Almodóvar-Filme, und reiht sich perfekt ein in seine eher reduzierten, introspektiven Werke der letzten Jahre. Dennoch: knapp zwei Stunden lang vom Ausbleiben neuer Ideen zu erzählen, ist ein großes Risiko, wie Almodóvar selbst in mehreren Interviews anerkannt hat. Wer auf große Emotionen und psychologisch glaubwürdige Identifikationsfiguren hofft, wird vermutlich enttäuscht. Zu offensichtlich sind Elsa, Patricia, Beau & Co. bloße Fiktionen in Rauls Hirn, ihre Gefühlswirren lediglich imaginiert. Manche Figuren tauchen aus dem Nichts auf, andere werden ebenso unvermittelt von der Bühne gestoßen, wenn Raúl beschließt, der Handlung eine andere Wendung zu verleihen. Am meisten Spaß macht dieser Einblick in den narrativen Entstehungsprozess sicherlich all denjenigen, die selbst im Metier des Geschichtenerzählens tätig sind.

Bild: Arthaus

Doch auch eingefleischte Almodóvar-Fans kommen auf ihre Kosten. Etwa in der herrlichen Vintage-Camp-Szene, in der Beau vor den kreischenden Teilnehmerinnen eines Jungesellinnen-Abschieds Sex mit einem pinken Stuhl simuliert, um dann, als er sich gerade bis auf die silbern glitzernde Unterhose entblößt hat, von einer tuntigen Truppe Lederkerle abgelöst zu werden. Oder bei dem zwar kurzen, dafür aber umso eindrücklicheren Auftritt der langjährigen Almodóvar-Muse Rossy de Palma als exzentrischer Party-Gastgeberin. Und auch das große Melodrama gibt es: In einer der ergreifendsten Szenen des Films lauschen Elsa und Patricia gemeinsam einem Konzertmitschnitt, bei dem Chavela Vargas eine atemberaubende Version von „La Llorona“ zum Besten gibt. Obwohl kaum etwas geschieht in dieser Szene, spürt man förmlich, wie im Innern beider Frauen etwas schmilzt oder zerbricht. Es sind diese Gänsehaut-Momente, die unverkennbar Almodóvars Handschrift tragen.

Ganz zu schweigen von den Farben, die stets ein bisschen zu satt leuchten, um real zu erscheinen, den elaborierten Tableaus und perfekt komponierten Interieurs, die längst zu seinem Markenzeichen geworden sind. Surreal strahlende Swimmingpools, die aussehen wie von Hockney gemalt, weiß-gelb gestreifte Handtücher, auf denen Elsa und Patricia am schwarzen Strand von Lanzarote liegen, grelle Kostüme, in denen sie später durch die menschenleere, fantastisch anmutende Vulkanlandschaft wandern. Manchen mag diese Ästhetik allzu routiniert erscheinen, und sicherlich könnte man einem solchen Schwelgen in Oberflächen vorwerfen, uns vor allem für den mangelnden cinematographischen Reiz ausgedehnter Dialoge und innerer Prozesse entschädigen zu wollen.

Aber vielleicht muss, und sollte man „Bitteres Fest“ auch einfach so lesen: Weniger als souveränes Alterswerk denn als unabgeschlossenes Work-in-Progress, irgendwo zwischen Selbstbespiegelung und Selbstkritik. Ein Film, dem das Scheitern notwendig eingeschrieben ist und der sich am besten genießen lässt, wenn man akzeptiert, dass seine Längen, seine unwahrscheinlichen Wendungen, seine Unfertigkeit Programm sind. Und darin steckt dann vielleicht doch eine unerwartete Bescheidenheit. Denn ein offener Ausgang heißt auch: Weder Elsa noch Raúl noch Almodóvar steht es zu, ein Schicksal festzulegen. So blinkt am Ende nur noch der Cursor und lädt uns Zuschauende ein, die Geschichte weiterzuspinnen oder nach eigenem Belieben zu vollenden.




Bitteres Fest
von Pedro Almodóvar
Spaniel 2026, 111 Minuten, FSK 12
spanische OF mit deutschen UT und deutsche SF

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