Free at Heart
Trailer • Im Kino
In Max Hegewalds Debütfilm „Free at Heart“ verlieben sich zwei 16-jährige Jungs in der niedersächsichen Pampa ineinander. Doch die beiden verbindet ein Geheimnis, das ihnen Zärtlichkeiten eigentlich verbietet. Andreas Köhnemann sieht „Dimensionen einer griechischen Tragödie“ – und einen Film, der vor allem von der instensiven Chemie seiner beiden Hauptdarsteller Linus Moog und Aurel Klug lebt.

Bild: Salzgeber
Emotionale Grenzgänger
Zu Beginn von „Free at Heart“ scheint völlige Harmonie und Unbeschwertheit zu herrschen. Sebastian (Linus Moog) ist 16 Jahre alt. Er lebt mit seinem Vater Bernd (Oli Bigalke), seiner Mutter Vanessa (Annika Kuhl) und seiner jüngeren Schwester Lilli (Marlene Strawe) im provinziellen Achternrode. Seine Eltern haben dort ein prachtvolles Anwesen geerbt, als er noch ein kleines Kind war. In seiner Freizeit geht Sebastian im See schwimmen und angeln. Mit seinem Fahrrad fährt er durch den Wald. Abends trifft er sich mit seiner Clique von der Schule beim Lagerfeuer und knutscht mit seiner Freundin Sarah (Marie Becker) herum. „Sollen wir heiraten irgendwann?“, fragt an einer Stelle nicht Sarah, sondern Lilli – einfach weil sie ihren großen Bruder so lieb hat und für immer mit ihm zusammen sein möchte.
Als Zuschauer:innen ahnen wir rasch, dass ein Film, der mit der Darstellung eines derart glücklichen Aufwachsens beginnt, umgeben von ländlichem Idyll und zugeneigten Mitmenschen, schon bald ins Gegenteil umschlagen muss. Am Rande ist von einem örtlichen Hausbrand die Rede, der für einen Hauch von Unbehagen sorgt, da die Ursache noch ungeklärt ist. Doch das tangiert Sebastians Alltag zunächst kaum. Dann allerdings erreicht die Familie eine Nachricht, die einiges ins Wanken bringt: Eine Frau, mit der Bernd vor 16 Jahren eine Beziehung führte, ist gestorben und hat einen Sohn hinterlassen, der etwa in Sebastians Alter ist. Bernd fühle sich nun verantwortlich, sagt er, weshalb der verwaiste Junge bei der Familie unterkommen soll.
Als der charismatische Kolja (Aurel Klug) auftaucht, lässt seine starke Anziehungskraft an die Aura des mysteriösen Gastes in Pier Paolo Pasolinis „Teorema – Geometrie der Liebe“ (1968), verkörpert von Terence Stamp, denken. Lilli spürt eine sofortige Sympathie und umarmt Kolja bei dessen Ankunft innig. Die nervöse Vanessa lässt sich bei einem spontanen Tanz im Wohnzimmer von ihm beruhigen und bezirzen. Und Bernd scheint durch Koljas verständnisvolle Art seine deutlich erkennbaren Schuldgefühle ablegen zu können. Nur Sebastian verhält sich anfangs ziemlich defensiv. Mit verschränkten Armen betrachtet er das neue Familienmitglied kritisch. Seine Antworten auf Koljas freundliche Versuche einer Unterhaltung fallen eher trotzig aus. Eigentlich könne man sich hier nur besaufen, entgegnet er schroff, als Kolja die beschauliche dörfliche Gegend bewundert.
Im weiteren Verlauf der Handlung zeigt uns der Drehbuchautor und Regisseur Max Hegewald dann aber sehr schöne Momente, in denen sich die zwei Teenager allmählich annähern – zunächst kumpelhaft-brüderlich und schließlich auf romantischer, körperlicher Ebene. Für Sebastian ist das nicht nur deshalb irritierend, weil er seine sexuelle Identität infrage stellen muss – sondern auch weil seine Eltern ihm bezüglich Bernds Verbindung zu Koljas Mutter nicht die volle Wahrheit gesagt haben und diese nun ans Licht kommt. „Free at Heart“ nimmt dadurch die Dimensionen einer griechischen Tragödie an, die alle Beteiligten an emotionale Grenzen führt.

Bild: Salzgeber
Zum einen ist da das intolerante Umfeld. Vanessa erhält abschätzige Blicke im Supermarkt und wird aus dem Kirchenchor ausgeschlossen. „Wir haben hier gern unsere Ruhe“, heißt es – und sie wisse doch, „wie’s hier läuft.“ Bernd sieht sich derweil mit beruflichen Nachteilen konfrontiert. Die angestrebte Stelle als Schulleiter ist für ihn plötzlich keine Option mehr. Eines Tages ist die Hauswand der Familie beschmiert: „Fuck off“. Noch härter trifft es indes die jungen Familienmitglieder, insbesondere Sebastian.
Der Film schildert Mobbingmechanismen und die schnell eskalierende Gewalt unter Jugendlichen. Sebastians bester Kumpel Linus (Leon Ndiaye) stellt sich gegen ihn und unternimmt nichts, als Sebastian von einer Gruppe niedergeschlagen wird. Zuweilen droht sich „Free at Heart“ dabei in ein paar Erzählsträngen zu verlieren. Dass Linus heimlich in Sebastians Freundin Sarah verliebt ist und es nun zu einem Racheakt kommt, ist ein eher unnötiger Nebenstrang. Im Kern demonstriert Hegewald jedoch überzeugend, wie rapide eine vermeintlich harmonische Lebenssituation durch gehässiges Gerede, Ausgrenzung und Brutalität zerbrechen kann.

Bild: Salzgeber
Zum anderen erfasst der Film einfühlsam den inneren Kampf seiner beiden adoleszenten Helden. Kolja wirkt insgesamt mit sich im Reinen. Der Schauspieler Aurel Klug verleiht der Figur eine faszinierende Mischung aus aktiver Präsenz und Zurückhaltung. Ein paar Sätze im Skript reichen aus, um klar zu machen, dass Kolja in der Vergangenheit mit seiner depressiven Mutter viele Herausforderungen bewältigen und daher einen Schutzpanzer aufbauen musste. Seinen Gefühlen für Sebastian steht er offen gegenüber; erst die Vorwürfe von außen drängen ihn in einen Konflikt hinein, auf den er erst einmal hilflos reagiert.
Sebastian hat wiederum heftiger mit einer internalisierten Homophobie zu kämpfen. „Mach dich unsichtbar“, rät ihm die trans Frau Tess (Ferdinand Lehmann), die wohl nicht zufällig zu den Betroffenen des erwähnten Hausbrandes gehört und in der Kleinstadt wie eine Ausgestoßene behandelt wird. Es dauert eine Weile, bis sich Sebastian vom diskriminierenden Gruppendruck und vor allem von der Was-sollen-die-Leute-sagen-Mentalität seiner Eltern lösen kann – und so die titelgebende Freiheit im Herzen erlangt. In der zunehmend stärkeren Verbindung zwischen Sebastian und Kolja entwickeln die beiden Hauptdarsteller eine intensive Chemie, die „Free at Heart“ zu einem berührenden, extrem kraftvollen Coming-of-Age- und Liebesfilm macht.

Free at Heart
von Max Hegewald
Deutschland 2025, 115 Minuten, FSK 16
deutsche OF
Ab 29. Oktober im Kino