Douglas Stuart: John of John

Buch

Auch in seinem dritten Roman „John of John“ erzählt der schottische Autor Douglas Stuart von schwulen Schicksalen an Orten, an denen Homosexualität verdrängt, angefeindet und ignoriert wird. Waren diese Schicksale im Debüt „Shuggie Bain“ und dessen Nachfolger „Young Mungo“ im Arbeitermilieu von Glasgow verortet, spielt „John of John“ in der archaischen Inselwelt der Äußeren Hebriden. Auch sonst ist einiges anders, doch die Erzählkunst ist geblieben. So steht „John of John“ auf der Longlist des renommierten Booker Prize, den Douglas Stuart 2020 mit „Shuggie Bain“ bereits gewonnen hat. Zu Recht? Axel Schock hat das 560-Seiten-Epos für uns gelesen.

Der etwas andere Vater-Sohn-Komplex

 von Axel Schock

Während seines Studiums hat John Calum, genannt Cal, die Freiheit der Großstadt genossen. Doch nun kehrt er notgedrungen dorthin zurück, wo er aufgewachsen ist: die Isle of Harris, eine Insel der Äußeren Hebriden. Er weiß, dass die Rückkehr alles andere als leicht werden wird. Sicherheitshalber wirft er für die Überfahrt mit der Fähre noch eine Ecstasy-Pille ein. Seine daraufhin leicht vernebelten Sinne schützen ihn zumindest noch für eine letzte Schonfrist vor all dem, was ihn fortan wieder umgeben und sein Leben bestimmen wird: die raue Landschaft wie auch die urständige, und damit in vielen Bereichen auch rückständige Lebensweise der Inselbewohner:innen.

Immerhin, der 22-Jährige hatte es schon mal geschafft: runter von dem schottischen Eiland ganz am Rande Europas, und rauf aufs Festland, in eine richtige Stadt, nach Edinburgh. Eine Beziehung, wenn er denn ernsthaft eine gesucht hat, ist ihm nicht geglückt. Aber er konnte all das kennenlernen und ausprobieren, was auf der Insel nur schwerlich zu bekommen ist: Sex mit Männern, Drogen, die Gefühle von Grenzenlosigkeit und Freiheit und die Aussicht auf eine Zukunft, die nicht nach Vergangenheit riecht. Sein Studium an der Textilhochschule hat er erfolgreich abgeschlossen. Doch jetzt kehrt er als Loser nach Hause zurück. Denn Jobs in der Modebranche sind rar, die Welt hat nicht auf Cal gewartet. Er hat zwar ein Diplom, aber aufgrund der Studiengebühren auch jede Menge Schulden. Sein Hab und Gut passt in einen abgeranzten Rucksack und einen Müllbeutel.

Douglas Stuart lässt seine Hauptfigur wie einen nassen Hund nach Hause trotten, beschämt und desillusioniert. Zudem wächst mit jedem Kilometer des Fußmarsches vom Fähranleger nach Falabay, dem Dorf seiner Kindheit und Jugend, dieses gewisse Gefühl von Unbehagen und Fremdheit. So sind wir schon nach wenigen Seiten mittendrin in dieser archaischen, über Jahrhunderte durch Wind, Wetter und Wasser geprägten geschlossenen Gesellschaft.

Hier auf der Isle of Harris ist mit Fischfang und Handweberei nur so viel zu verdienen, dass es den Einheimischen gerade so zum Überleben reicht. Die Menschen in den Outdoor-Klamotten, die der Tourismus in den Ort führt, bestaunen die ach so authentisch gebliebenen und von reiner Natur umgebenen Siedlungen und betrachten die Einheimischen wie Tiere im Zoo.

Douglas Stuart – Foto: Desiree Adams

Mit der gleichen, sich in pointierten Details ergehenden Prosa, mit der Stuart die unwirtliche Landschaft malt, entwirft er auch die Charaktere seines Romans. Da ist etwa Cals Großmutter Ella, die mit ihrem Schwiegersohn John in einer kargen Hütte lebt und zunehmend hinfällig wird. Vor allem ihretwegen hat sich Cal von seinem Vater John zur Heimkehr bewegen lassen.

John, der mit Schafzucht und Weberei mehr schlecht als recht über die Runden kommt, ist ein gottesfürchtiger Mann. Wenn er sich nicht um die Schafe kümmert oder Stunden um Stunden auf traditionelle Weise am Webstuhl Meter um Meter Tweedstoff produziert, rezitiert er Psalme und warnt die Gemeinde vor dem Jüngsten Gericht. In Falabay, das wird recht schnell deutlich, herrscht ein strenges, calvinistisches Regiment. Die Dreifaltigkeit von Sünde, Schuld und Gottvertrauen bestimmt den Alltag wie das Zusammenleben.

In dieser Welt ist Cal aufgewachsen, und die dortige Erziehung hat ihn bis aufs Festland verfolgt. Dort hatte er weniger Sex „als ihm lieb gewesen wäre, und der Sex, den er hatte, hatte ihm weniger Spaß gemacht, als er wollte. Er war dazu erzogen worden, Intimität zu fürchten“. Und dann war da auch noch Aids, diese Seuche, über die man in seiner Kindheit bei den Gebetstreffen mit einer „gewissen alttestamentarischen Genugtuung“ sprach, ohne dass ihr Name genannt wurde: „Hier war der Beweis, dass der Sünde Lohn tatsächlich die Hölle auf Erden war. Hier war der Beweis, dass Gott sein Wort ernst nahm.“

Wer Douglas Stuarts Welterfolge kennt – das mit dem Booker Prize ausgezeichnete Debüt „Shuggie Bain“ (2020) und den Nachfolgeroman „Young Mungo“ (2022) –, wird von „John of John“ erst einmal überrascht sein. Waren doch die beiden ersten Bücher autobiografisch grundierte Entwicklungsromane über schwule Jungen, beziehungsweise Jugendliche, aus den sozialen Randgebieten von Glasgow. Bücher, die zwar fiktive Geschichten erzählten, aber sich erkennbar aus den eigenen Jugenderfahrungen des schottischen Autors speisten, der inzwischen seit langer Zeit in New York lebt. Nun dient also eine Insel der Äußeren Hebriden als geradezu archaischer Schauplatz. Aber auch in „John of John“ schöpft Stuart aus persönlichen Erfahrungen, konkret aus einem mehrmonatigen Aufenthalt auf der schottischen Inselkette, wo er 2019 beim Warten auf das Erscheinen seines Erstlingsromans herumreiste und neue Themen recherchierte.

Der Plot, oder genauer gesagt das Figurengeflecht, das sich in „John of John“ nach und nach entfaltet, erzählt nicht nur von familiären Banden und unerfüllten wie erfüllten Liebesverhältnissen, es macht auch die Unfähigkeit oder Mutlosigkeit spürbar, die Menschen infolge gesellschaftlicher Zwänge entwickeln und die sie daran hindern, ihrem eigenen Herzen zu folgen. Die Figuren des Romans sind jede auf ihre Weise mit schicksalhaften Verkettungen der eigenen Lebenslügen konfrontiert.

Da ist zuallererst Cals Vater John. Recht schnell wird klar (und deshalb darf es hier auch gespoilert werden): Auch er liebt Männer, genauer gesagt einen ganz bestimmten, mit dem er sein halbes Leben lang eine heimliche Beziehung führt. Johns Ehefrau Grace ist das nicht verborgen geblieben, deshalb hat sie vor fünfzehn Jahren Mann und Kind verlassen. Doch Vater und Sohn sind blind für das allzu Offensichtliche. Dass sie sich ähnlicher sind, als sie wahrhaben wollen, wird ihnen erst spät, zu spät, bewusst werden. Denn reden, sich zu offenbaren, Gefühle offenzulegen, hat in Falabay im Gegensatz zu Gottesfürchtigkeit, Fischfang und Webkunst keine Tradition.

Dabei ist eigentlich viel los auf dem Eiland, nur gesprochen wird darüber eben viel zu wenig. Denn was die Menschen dort im Inneren zu zerreißen droht, machen sie weitgehend mit sich selbst aus. Bei einem anderen Autor könnte das überdramatisiert und unglaubwürdig erscheinen, aber Douglas Stuart versteht sich beispielhaft auf das zurückgenommene Erzählen innerer Ausnahmezustände. Lediglich in den letzten Kapiteln, wenn er die verschiedenen Schicksalsschläge beinahe im Stakkato aufeinanderprallen lässt, möchte man ihn ein wenig bremsen. Da werden ein überraschender Todesfall, eine schmerzerfüllte Trennung nach einem verpassten Leben und eine Schwangerschaft, bei der die Vaterschaft ein Geheimnis bleiben muss, in so rasantem Tempo enthüllt, dass beim Lesen kaum Zeit zum Luftholen bleibt. Zumal die Charaktere – so widersprüchlich, schroff und daher wenig liebenswürdig sie zu Beginn auch erscheinen mögen – sich inzwischen doch als so vielschichtig erwiesen haben, dass ihre tragischen Erfahrungen einem dann doch ziemlich nahegehen.

Aber das bisschen Melodramatik und Sentimentalität am Ende verzeiht man Douglas Stuart gerne. Denn bis dahin hat er sich einmal mehr als begnadeter und äußerst präziser Erzähler erwiesen. Er schildert nicht nur eindrücklich die beklemmende Enge der dörflichen Gemeinschaft, er hat seine Figuren über die vorherigen rund 500 Seiten auch so fein und genau gezeichnet, dass man jede Falte in den von Salz, Sonne und Wind gegerbten Gesichtern zu kennen glaubt. Es sind wortkarge und verschlossene Menschen, hinter deren Fassaden starke und oft dunkle Gefühle verborgen liegen. Sie stecken in ihren Leben fest und leiden auf unterschiedliche Weise unter tiefer Einsamkeit. Doch Stuart gelingt es, diese Menschen mit so viel Empathie zu proträtieren, dass man zuletzt auch ihr oft schwer nachvollziehbares, weil letztlich selbstzerstörerisches Verhalten, zu verstehen vermag.



John of John
von Douglas Stuart
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
560 Seiten, 26 Euro
Hanser Verlag

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