Strange River
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Im Stil romantischer Gemälde des 19. Jahrhunderts interpretiert Jaume Claret Muxart in „Strange River“ die Donau als erhabene Trägerin uralter Mysterien, lyrisch und traumgleich auf 16-mm gebannt. Es gilt, in das Begehren einzutauchen, die Ängste abzuwaschen. „Strange River“ ist ein Film, der fließt – zwischen den Erlebnissen seiner Figuren, zwischen Mensch und Natur und dem Übernatürlichen. Ein Film über das Ende der Unschuld, wie Andreas Wilink schreibt.

Bild: Salzgeber
Die Kamera schwimmt mit
von Andreas Wilink
„Freunde um Bernhard“ heißt der autobiografisch grundierte Debütroman der 23-jährigen Annemarie Schwarzenbach. Das Buch erzählt von einigen Bohemiens, die es nach Zürich, Paris, Berlin, Lugano und Florenz verweht: sehnsüchtig nach sich selbst und einem Leben, das ihnen so begehrenswert wie unerreichbar scheint. Materiell sorglos und transzendental obdachlos, gehören sie der verlorenen Generation der 1920-er Jahre an. Die Schweizer Autorin und Fotografin, Tochter einer Zürcher Industriellenfamilie, mit der sie verzweifelt im Zwist lag, war eine enge Freundin von Erika und Klaus Mann. Wie dieser litt sie an Depressionen, nahm Drogen, war zuhause im Liebesunglück und als existentielle Außenseiterin unstet auf Reisen bis nach Persien und Afghanistan, in Moskau und den USA, bevor sie nach einem Unfall im Engadin 1942 mit nur 34 Jahren zu Tode kam.
In einer diese literarische Ursprungsspur nahezu verwischenden subtilen Projektion überblendet Regisseur Jaume Claret Muxart die lyrisch wehe Stimmung des Buches mit dem, was er 100 Jahre später in „Strange River“ empfindsam erzählt über die Verwirrung der Gefühle. In dem Film lesen Mutter und Sohn in der spanischen Übersetzung des Romans: „Los Amigos de Bernhard“. Genauer gesagt, der wie die Titelfigur Bernhard ebenfalls 16-jährige Dídac (Jan Monter Palau) hört seiner Mutter Monika (Nausicaa Bonnín) den Text ab, die Schauspielerin ist und für ihre Rolle zu lernen hat.
Die fünfköpfige Familie macht Ferien – unterwegs im Schwäbischen entlang der Donau. Eine Erinnerungsreise, Monika ist schon einmal hier gewesen, als auch sie 16 oder 17 war; ebenso ist Albert vertraut mit den Orten. Die Eltern und ihre drei Söhne übernachten auf Campingplätzen oder in Jugendherbergen und haben sich gemeinsames Erleben verschrieben, wofür sie sich gelegentlich kräftig abstrampeln müssen, nicht nur, wenn es in der Hitze bergauf geht, ein Sturm aufzieht und ein Regenguss alles durchnässt.
Wisch-Bewegungen. Das Grün des Waldes, der Bäume und Blätter wird von Pablo Palomas Kamera in einem impressionistischen Farbfluss fotografiert, um die Perspektive der Radler einzunehmen, an denen die Welt wie im Zeitraffer vorüber rauscht. Einmal machen sie Halt in einem Dorf und baden im Fluss. Auch dabei schwimmt die Kamera mit, als würde sie von Claude Monets Hand geführt, taucht unter Wasser, sonnt sich an den Lichtbrechungen und ihrem Flimmern, streift nackte Haut, lässt sich von den Wellen schaukeln.
„Ihn zieht in ihre Schatten die stille Pflanzenwelt … Er selbst zu sein, das ist das Leben. Und wir andern sind der Traum davon“. Rezitiert Mutter Monika den Dichter Hölderlin. Er könnte Dídac gemeint haben, dessen einfühlsame Darstellung Jan Monter Palau die Nominierung des spanischen Filmpreises Goya als bester Nachwuchsschauspieler einbrachte.

Bild: Salzgeber
Das trügerische Element des Wassers und das Wetterwendische des Sommers spiegeln die psychische Verfasstheit des wie von unsichtbarer Macht verzauberten hübschen Jungen. Nichts ist ihm recht. Er ist mürrisch gegenüber seiner Umgebung, balgt mit dem jüngeren Biel (Bernat Solé Palau), um dann wieder zärtlich mit ihm umzugehen, fühlt sich mit sich im Unreinen, befangen in seinen Fantasien und dem ersten unglücklichen Verliebt-Sein in einen Gerard („der, dem ich egal bin“) fern in Spanien.
Wenn Dídac masturbiert, scheint er sich im „L’Après-midi d’un Faune“ zu befinden, während die Natur um ihn her sich in gleißende Partikel auflöst. Alles verschwimmt und verliert seine festen Umrisse. Das Namenlose pubertärer Verlegenheit und das sexuelle Erwachen sind „strange“ – fremd und seltsam.
Die Familie besucht auf den Spuren von Max Bill die Hochschule für Gestaltung in Ulm, der Vater (Jordi Oriol Canals) schwärmt ihnen dozierend von den künstlerischen Avantgarden der visuellen Kommunikation vor. Als sie sich durch eines der Gebäude und sein Treppenhaus bewegen, sehen sie beinahe aus wie Figuren von Oskar Schlemmer. In der Architektur mit ihren lichten Durchblicken sieht es so aus, wie es sich vielleicht Dídac für sein Inneres wünscht: klar und strukturiert. Dem entsprechend spielen Vater und Sohn dort gemeinsam auf einem Klavier Johann Sebastian Bachs Adagio aus dem Konzert D-Moll BWV 974.
Dídac folgt einem etwa Gleichaltrigen (Francesco Wenz) durch die Raumfluchten, den er abends zuvor schon beim Umherstreifen fixiert hatte und den er am nächsten Tag in der Gartenstadtsiedlung Puchenau des österreichischen Architekten Roland Rainer wiedertrifft. Die Jungen nehmen sich bei der Hand, laufen vor den argwöhnisch wachen Augen des jüngeren Bruders Biel davon, küssen sich, sitzen versonnen beieinander und fahren mit dem Motorboot hinaus in eine stille, einsame Flusslandschaft und finden zueinander.

Bild: Salzgeber
Als Dídac den Anderen nach seinem Namen fragt, erhält er die uneindeutige Antwort: „Für Dich bin ich Alexander“. Womit er in gewisser Weise sagt, dass ihr Zusammensein sich im Namenlosen erfüllt. Ihre Begegnungen vollziehen sich in träumerischer Unwirklichkeit, ganz wie in Arthur Schnitzlers gleichfalls in den 1920-er Jahren entstandenen „Traumnovelle“ und seiner späten Verfilmung durch Stanley Kubrick, „Eyes wide shut“. In ihrer intimen Behutsamkeit sind die Zwei „Close“, um die Parallele zu Lukas Dhonts Film zu ziehen. Dídac erlebt sein erotisches Erwachen und Begehren ambivalent: Weint er in glücklicher Freude über die unerwartete Nähe oder aus Schmerz und Trauer darüber, seine Vorstellung an die Realität zu verlieren?
Schließlich allein geblieben auf dem Boot und ausgesetzt der Strömung des Donau-Zuflusses, erfasst dieser isolierte Moment als Metapher die Wesensspannung von Dídac. Biel lässt seinen großen Bruder nicht aus den Augen – als würde er bei ihm sehen können und schon durchschauen, was bald auf ihn selbst zukommen wird. Das Ende der Unschuld.

Strange River
von Jaume Claret Muxart
Spanien/Deutschland 2025, 106 Minuten, FSK 12
katalanische OF mit deutschen UT
Jetzt im Kino