The Pleasure Is Mine
Trailer • VoD-Premiere
Schneller Sex, Drogen und Geld: Der 20-jährige Hustler Antonio hat einen magnetischen Charme, doch mit so etwas wie Liebe kann er wenig anfangen. Er nimmt sich ohne Rücksicht, was er will – steckt nach Sexdates die Wertsachen seiner Partner:innen ein und betrügt selbst seine beste Freundin um Geld. Elliptisch und sinnlich erzählt Sacha Amarals „The Pleasure Is Mine“ von einem Getriebenen, der eine Zuneigung sucht, zu der er selbst vielleicht gar nicht fähig ist. Jetzt ist der Film als VoD-Premiere im Salzgeber Club erhältlich. Andreas Köhnemann über ein schonungsloses, verführerisches Regiedebüt.

Bild: Salzgeber
Der kleine Dieb
Seelenruhig schlendert Antonio durch die Wohnung seines schlafenden Sex-Date-Partners. Er schaut sich interessiert um – und hat eine Mission: möglichst viel mitgehen zu lassen. Kleine, wertvolle Dinge, die sich später verscherbeln lassen. Ihm ist dabei keine Eile, keine Spur von Scham anzumerken. Er wirkt nicht wie ein Verzweifelter, der Geld braucht. Nicht wie jemand, der sich zu dieser Tat genötigt sieht – der vielleicht leidet, weil er in einer ausweglosen Lage etwas Falsches tun muss. Das Ganze hat eher etwas Spielerisches. Als wäre er ein Kind, das genüsslich im Haus nach Süßigkeiten sucht, weil die Eltern mal eben abgelenkt sind.
Im Laufe von Sacha Amarals „The Pleasure Is Mine“ wird sich diese Situation noch einige Male wiederholen. Stets liegt die Person, mit der Antonio gerade Sex hatte, nackt im Bett, während der junge Protagonist gelassen seine Erkundungs- und Diebestour macht. Im sorgsamen Durchstöbern der privaten Sachen baut Antonio für einen kurzen Moment eine Nähe auf, die er in Gesprächen und beim Sex kaum zulässt. Vermutlich lernt er die Menschen, die er da bestiehlt, in diesen Augenblicken am intensivsten kennen – ohne selbst irgendetwas von sich preisgeben zu müssen. Wenn ihn indes sein Gegenüber beim Smalltalk etwas fragt, lügt er meistens – etwa dass er in einer Anwaltskanzlei oder in einem Architekturbüro arbeite.
Man könne nie wissen, ob er die Wahrheit sage oder nicht, beklagt sich seine wahrscheinlich beste Freundin Lu an einer Stelle bei Antonio. Er nennt sie seine Schwester, was sie nicht zu mögen scheint, aber seine Mutter Viviana war mal mit Lus Vater zusammen. Wie alle Beziehungen, die Antonio führt, ist das Verhältnis zwischen den beiden kompliziert und schmerzhaft. Auch sie beklaut er regelmäßig. Zudem leiht er sich Geld von ihr, das er wahrscheinlich nie zurückzahlen wird.
Mit Viviana und deren Partner Tino, bei denen er wohnt, geht Antonio lässig und kumpelhaft um – bis es zur Eskalation kommt und sich alle gegenseitigen Vorwürfe in lautem Gebrüll und in Handgreiflichkeiten Bahn brechen. Mit dem älteren Paco ist er wiederum geschäftlich durch Drogendeals verbunden. Doch auch hier wird es rasch emotional, als sich Paco ausgenutzt fühlt. Die diversen Sprachnachrichten auf Antonios Handy, die zuweilen zwischen zwei Szenen eingespielt werden, zeichnen ein treffendes Bild seiner zahlreichen schwierigen, schwankenden Beziehungen: Mal sind melancholische Sehnsuchtsbekundungen zu hören, mal wüste Beschimpfungen, mal Versuche eines Versöhnungsangebots.

Bild: Salzgeber
In einem Regiestatement beschreibt der aus Brasilien stammende und in Argentinien lebende Sacha Amaral seinen 20-jährigen Helden als orientierungs- und ziellos: „Er verbringt seine Tage, ohne etwas zu hinterfragen.“ Die dynamische Kamera, geführt von Pedro Knoll, vermittelt die extreme Rastlosigkeit einer Figur, die sich strikt weigert, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Der Hauptdarsteller Max Suen verkörpert diese vermeintliche Sorg- und Achtlosigkeit mit den nötigen Anflügen von Zerbrechlichkeit, um Antonio als vielschichtige Person begreifbar zu machen – und zugleich mit der erforderlichen einnehmenden Aura, durch die sich Antonios Anziehungskraft auf sein Umfeld nachvollziehen lässt.
Leuten Lügen aufzutischen, sie zu beklauen und manchmal gar ihre Herzen statt nur ihre Wertsachen zu stehlen – all das scheint für Antonio längst Routine geworden zu sein. Gelegentlich bricht diese abgeklärte, manipulative Attitüde jedoch auf. Als er nach einem heftigen Streit mit Viviana und Tino im Fernsehen das kitschige alte Filmmusical „El ruiseñor de las cumbres“ (1958) von Antonio del Amo sieht, verfällt er in eine tiefe Traurigkeit und unruhige Träume – vielleicht weil das idealisierte Familienbild in der Fiktion so weit von seiner anstrengenden Wirklichkeit entfernt ist.

Bild: Salzgeber
Auch als es seiner Clubbekanntschaft Valentín nach einer gemeinsam verbrachten Nacht gelingt, den sonst so geschickten Dieb auf frischer Tat zu ertappen, zeigt Antonio eine ehrliche Gefühlsreaktion. Auch gegenüber dem liebeskranken Max und der verheirateten, aber einsamen Sonia lässt er aufrichtige Empathie erkennen, als beide ihm freiheraus ihre Liebe gestehen. Antonio möchte offenbar nicht, dass andere sich vor ihm demütigen. Liebe stuft er generell als Schwäche ein: „Ich liebe niemanden“, sagt er. Und fährt fort: „Ich habe nicht das Gefühl, nur existieren zu wollen, wenn die andere Person es auch tut.“
Und doch scheint es immer wieder denkbar, dass dieser oder jener Mensch eine echte Veränderung bedeuten könnte. Womöglich Valentín, der ihm den Diebstahlsversuch schnell verzeiht? Oder Sonia, die ihm ungeahnte Geborgenheit gibt? Oder der Kriminelle José, dem Antonio überraschend aus einer bedrohlichen Situation heraushilft und der ihn auf seltsame Art fasziniert?
Das Besondere an „The Pleasure Is Mine“ liegt vor allem darin, wie offen der Film für die Ambivalenz seiner Figuren ist. „Wir sind alle schlecht und egoistisch“, sagt Viviana in einer Nachricht an ihren Sohn – und ergänzt: „Ich werde dich also nicht verurteilen.“ Antonio und sein Umfeld sind abgründig. Die Figuren verletzen einander und übertreten wiederholt moralische Grenzen. Dennoch ist dies keine nihilistische Geschichte. Stets bleibt Hoffnung, stets ist da die greifbare Möglichkeit einer Liebe, eines Auswegs, einer Wiedergutmachung oder sogar eines Neuanfangs. Der Titel kann als Ausdruck von Ich-Bezogenheit verstanden werden, aber ebenso als fester Glaube daran, dass es das Glück gibt – auch wenn es wohl nicht so aussieht wie in überhöhten Welten vergangener Kinozeiten.

The Pleasure Is Mine
von Sacha Amaral
Argentinien/Frankreich/Brasilien 2024, 94 Minuten, FSK 16
spanische OF mit deutschen UT
Jetzt exklusiv als VoD im Salzgeber Club