Pillion
Trailer • Im Kino
Der schüchterne Parkhaus-Kontrolleur Colin verknallt sich in den heißen Leder-Biker Ray, der sich tatsächlich auf eine Beziehung einlässt. Einzige Bedingung: Colin muss sich ihm komplett unterwerfen. Und der denkt sich: mit dem größten Vergnügen! Harry Lightons Spielfilmdebüt „Pillion“, die Verfilmung des preisgekrönten Romans „Box Hill“, erweitert das RomCom-Genre damit um eine glaubwürdige BDSM-Liebesgeschichte und wird dafür als erste DomCom der Welt gefeiert. Absolut zurecht, wie Andreas Köhnemann findet.

Bild: Weltkino
Pretty in Kink
Das (Sub-)Genre der romantischen Komödie, kurz RomCom, muss sich immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, zu stereotyp und konservativ zu sein: Zwei Figuren lernen sich kennen und lieben – und erleben nach diversen Konflikten und Missverständnissen ihr gemeinsames Happy End. Die Zeiten, in denen dieses zentrale Paar immer weiß und heteronormativ war, sind (hoffentlich dauerhaft) vorüber. Doch die Vorstellung dessen, was auf der Leinwand als romantisch gilt und was nicht, bleibt recht konstant. Begehrensformen, die dem nicht entsprechen, finden im Kino eher in anderen Genres als der RomCom statt: in beklemmenden Dramen, in Thrillern oder im metaphorisch aufgeladenen Horror.
Das trifft weitgehend auch auf BDSM-Beziehungen zu. BDSM, kurz für Bondage, Discipline/Dominance, Submission/Sadism und Masochism, ist durch Filme wie „Belle de Jour – Schöne des Tages“ (1967), „Die Geschichte der O“ (1975), „Verführung: Die grausame Frau“ (1985), „Hellraiser – Das Tor zur Hölle“ (1987) oder „Tokio Dekadenz“ (1992) als Motiv in der Popkultur schon lange verankert, aber selten Teil oder gar Kern eines Films, der ein RomCom-Publikum erreichen möchte. Die erotischen SM-Interaktionen von Kim Basinger und Mickey Rourke in Adrian Lynes „9 1/2 Wochen“ (1986) hatten zwar den passenden Hollywood-Hochglanz-Look – doch dass eine derartige Liaison keine Perspektive haben kann, deutete schon der Titel an. Nach Augenbinden-, Eiswürfel- und Fütterungsspielen sowie Sex an denkbar vielen Orten blieben hier am Ende zwei verletzte, einsame Menschen zurück.
Steven Shainbergs schwarzhumorige Tragikomödie „Secretary – Womit kann ich dienen?“ (2002) bot bereits entschieden mehr Optimismus, brachte indes die psychische Erkrankung der weiblichen Hauptfigur in direkten Zusammenhang mit BDSM – als sei eine solche Neigung nur als Konsequenz einer seelischen Beeinträchtigung denkbar. Die „Fifty Shades“-Reihe (2015 bis 2018) integrierte eine BDSM-Beziehung zwar in die gängige Struktur und Optik eines modernen Kino-Liebesmärchens, stellte die sexuellen Vorlieben des Protagonist:innen aber ebenfalls als Folge eines Traumas dar und missachtete leichtfertig alle gängigen Regeln der BDSM-Szene – dass die Beziehung tatsächlich auf Consent basieren könnte, war in dieser Welt nicht denkbar.
Diese Fehler begeht der britische Drehbuchautor und Regisseur Harry Lighton in seinem Langfilmdebüt „Pillion“ nicht. Ganz im Gegenteil: „Pillion“ wirkt so frisch und gelassen wie die RomCom-Ikonen von Nora Ephron, etwa „Harry und Sally“ (1989) oder „Schlaflos in Seattle“ (1993). Und gleichzeitig nimmt der Film die BDSM-Welt ernst. Er erlaubt es sich, so lustig und charmant zu sein wie er auch sexpositiv und unkonventionell ist. Auf eine Pathologisierung der Figuren verzichtet er.

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„Pillion“ basiert auf dem 2020 erschienenen Roman „Box Hill“ von Adam Mars-Jones. Während die literarische Vorlage Mitte der 1970er Jahre spielt, siedelt Lighton die Handlung in der Gegenwart an. Im Mittelpunkt steht der schüchterne Politeur Colin, der Strafzettel in einem Parkhaus verteilt und dabei regelmäßig wüst beschimpft wird. Er wohnt noch bei seinen Eltern Peggy und Pete; seine Mutter ist an Krebs erkrankt. In seiner Freizeit singt Colin in einem Barbershop-Quartett. Gelegentlich geht er auf Dates, die Peggy für ihn arrangiert hat – und die nie ein erfolgreiches Ende nehmen. Klar ist: Peggy und Pete möchten ihren Sohn einfach nur glücklich sehen. Und so bemühen sie sich auch, Colins Abenteuer mit dem wortkargen Biker Ray vorbehaltlos zu begegnen.
An Heiligabend haben die zwei Männer ihre erste Verabredung, Ray lässt sich dabei in einem Hinterhof von Colin die Stiefel lecken – wer hier den dominanten und wer den submissiven Part einnimmt, ist also schnell geklärt. Für Colin bedeutet das: Er muss auf dem Fußboden schlafen und sich in Ringkämpfe mit Ray begeben. Und auf Dauer auch Einkäufe erledigen und das Essen kochen.
Hauptdarsteller Harry Melling spielt diesen Colin dabei nie als Opfer, sondern einfach als jemanden, der in der neugierigen Erforschung von Schmerz und Lust viel erotische Erfüllung und Selbstvertrauen findet – betont wird hier kein toxisches Machtgefälle, sondern die knisternde Chemie zwischen ihm und Leinwandpartner Alexander Skarsgård als Ray. Und auch Rays queere Motorradgang offenbart sich als zutrauliche und sympathische Truppe, die immer für eine spaßige Unternehmung gut ist. Eine fröhliche Gruppenfahrt bei frühmorgendlicher Idylle etwa steht inszenatorisch ganz in klassischer RomCom-Tradition: Ein glückliches Paar unternimmt etwas mit Freunden, ehe es diverse Herausforderungen zu bewältigen gilt.

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Direkt zu Beginn des Films ist der Song „Chariot“ in der italienischen Version von Betty Curtis zu hören: ein Lied, das auf Englisch unter dem Titel „I Will Follow Him“ zum Hit wurde. Und so folgt Colin seinem Ray zunächst, wohin dieser auch gehen mag – nicht aus Angst oder Schwäche, sondern weil es sich für ihn richtig und natürlich anfühlt. Nach einigen Monaten verspürt er jedoch auch den Drang, zuweilen gegen seinen Meister zu rebellieren und seine eigenen Vorstellungen einer für beide Seiten angenehmen BDSM-Beziehung durchzusetzen.
Es ist ein Prozess des Aufbegehrens und der Emanzipation, doch Colin wendet sich dabei nicht von der BDSM-Szene ab – er entwickelt allmählich seine eigenen Vorlieben, seine individuellen Grenzen und entdeckt damit seinen speziellen Platz innerhalb der Szene. „Pillion“ gelangt als Selbstfindungsgeschichte zu einem bittersüßen, empowernden Happy End – und erweitert nebenbei den Kanon romantischer Motive um einige ganz und gar unerwartete, aber unvergesslich-schöne Momente.

Pillion
von Harry Lighton
UK 2025, 107 Minuten, FSK 16
englische OF mit deutschen UT und deutsche SF
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