Little Trouble Girls

Trailer • Im Kino

Für ihre Kurzfilme wurde die slowenische Regisseurin Urška Djukić unter anderem mit dem Europäischen Filmpries ausgezeichnet, jetzt legt sie mit „Little Trouble Girls“ ihr Langfilmdebüt vor: Im katholischen Mädchenchor freundet sich die introvertierte Lucija mit der selbstbewussten Ana Maria an – und entdeckt beim Probenwochenende in einem italienischen Kloster ganz unbekannte Empfindungen. Esther Buss über die Geschichte eines sexuellen Erwachens, für die Djukić so empfindsame wie sinnliche Bilder findet.

Bild: Grandfilm

Schönes schaffen

von Esther Buss

Ein Ohr und die verschlungenen Windungen seiner Muschel, gehauchte Töne, Fetzen von Geflüster, vereinzelt auch Stimmen sind gedämpft und wie unter einer Glasglocke zu hören. Neben dem Ohr im Close-up sind außerdem Münder zu sehen, beim Kaugummikauen, Gähnen und Vorlesen eines Gebets; dazwischen das Gesicht eines Mädchens, zu dem offenkundig das Ohr gehört, und das mit den Gedanken umherdriftet. Aus der Ferne dringen eilige Schritte in den Raum, eine Tür öffnet sich und noch bevor die Zuspätkommerin ins Bild tritt, ist an den Augen von Lucija (Jara Sofija Ostan) abzulesen, dass ihr Auftritt ihr fast den Atem raubt. Ana-Marija (Mina Švajger), lange blonde Haare und schon etwas älter, trägt leuchtendes Kaminrot auf den Lippen. Und mit einem Schlag sind der Film und mit ihm Lucija in der Realität gelandet. Eine Chorprobe an einer katholischen Mädchenschule.

In „Little Trouble Girls“, dem Debütfilm der slowenischen Regisseurin Urška Djukićs, geht alles von den Sinnesorganen aus, dem Hören, Sehen und Fühlen. Ohr, Mund und Auge (und mit dem sehenden Organ verbunden ein Blick, der grundsätzlich weiblich perspektiviert ist) sind als sensuelle Textur ständig präsent, Djukić zeigt sie sehr eindeutig als Öffnungen. Ohren sind Portale für Klänge, Münder Ausgänge von Gesang und später, wenn es ums Küssen geht, auch Eingänge für Zungen. Das allererste Bild im Film zeigt eine andere Öffnung. Auf einer mittelalterlichen Abbildung – fast ein Vexierbild – ist eine körperlose Wunde zu sehen, vertikal auf einer blauen, mit goldenen Ranken verzierten Fläche angeordnet, die Farben ein leuchtendes Orange-Rot. Man braucht nicht viel Fantasie, um in der mandelförmigen Form, die von einem Ring aus weißem Fleisch eingefasst wird, eine Vulva zu sehen. Gemeint war ursprünglich allerdings etwas anderes, nämlich die Speerwunde, die Christus nach seinem Tod am Kreuz in die Seite geschlagen wurde. In der Literatur finden sich um das Bild aus dem Gebetbuch der Bonne von Luxemburg (14. Jahrhundert) zahlreiche queere Lesarten.

Die 16-jährige Tagträumerin Lucija ist schüchtern und von ihrer sittenstrengen katholischen Erziehung geprägt. Von der Mutter wird sie behütet und von den erwachsenen Sachen (Lippenstift!) ferngehalten. Als in einem Film einmal eine Sexszene über den – im Bild nicht sichtbaren – Fernsehmonitor flimmert, dreht sie schamhaft den Ton herunter, bevor sie auf ein anderes Programm umschaltet (der Vater spielt im Film keine Rolle, er ist nur ein schnarchender Körper auf dem Sofa).

Lucija ist mit allem spät dran. Während Ana-Marija ihre pralle Weiblichkeit wie eine Trophäe mit sich herumträgt, wirkt sie mit ihren etwas ungelenken Bewegungen und dem flachen Oberkörper, der in einem geringelten-T-Shirt steckt, eher wie ein großes Kind. Geküsst hat sie noch nie und auch die Periode lässt auf sich warten, dennoch, oder vielleicht gerade wegen ihrer mangelnden Erfahrungen weckt sie das Interesse der lustbetonten Ana-Marija. Lucija wird Teil ihrer Clique, die Geste, die ihre Zugehörigkeit besiegelt, ist schon ein Flirt. Mit ihrem Finger verteilt sie Rouge auf Lucijas Lippen.

Bild: Grandfilm

Fragmentarische Bilder, isolierte, teils auch ‚innere‘ Töne und subjektive Blickperspektiven führen in die Wahrnehmungswelt der Protagonistin, überformen sie. Zugleich, und das macht das Spannungsverhältnis aus, ist die Welt des Films das Ensemble: die Mädchenclique zum einen und zum anderen der Chor – eine Einheit, die unmittelbar zu zerfallen droht, wenn eine der Sängerinnen ausschert, wie der junge, etwas undurchsichtig gezeichnete Chorleiter (Saša Tabaković) nicht müde wird zu betonen. In einem Ursulinenklosters in der Nähe von Triest soll bei einem Probenwochenende daran gearbeitet werden, noch stärker zusammenzuwachsen und gemeinsam etwas „Schönes“ zu schaffen.

Tatsächlich werden an dem vermeintlich andächtigen Ort in Lucija bisher unbekannte Empfindungen geweckt. Im Innenhof des Klosters sind – sehr zum Leidwesen des genervten Chorleiters – Renovierungsarbeiten im Gang und so gibt es, gleichsam wie auf einer Tribüne, auch eine Gruppe von muskulösen Arbeitern zu betrachten, die beim Schleppen, Klopfen, Schweißen und Sägen ins Schwitzen kommen, ihre Muskeln anspannen und in der Sommerhitze auch mal ein Kleidungsstück ablegen. Angefacht von Ana-Marija werden die Männer mal offensiv begafft, mal heimlich hinter Waldbüschen in Augenschein genommen, in den Fokus gerät insbesondere ein eher hagerer Typ, den Lucija schon auf der Fahrt zum Kloster vom Busfenster aus nackt am Flussbett bestaunte. Dabei kanalisiert sich in dem auserwählten Schauobjekt eher die diffuse Anziehung, die zwischen Lucija und Ana-Marija herrscht. Wie ein symbolisches Geschenk wird der anonyme Mann – Lucijas Blick, im Close-up, verfängt sich vor allem in seinem muskulösen Oberarm – zwischen den beiden Mädchen hin- und hergereicht. Ana-Marija klaut ihm sein nach Schweiß riechendes T-Shirt und überreicht es Lucija. Lucija wiederum macht mit ihrem Handy heimlich ein Foto von dem nackten Mann und schickt es an sie. Und während beide heimlich die badenden Arbeiter beobachten, zeigt Ana-Marija Lucija wie man küsst – erst an der eigenen Hand, dann richtig. Lucija versetzt dieser unbekümmert gemeinte Übungskuss in eine unbekannte Erregung, die ihre erlernten Glaubenssätze erschüttert und sie nachts nicht mehr schlafen lässt.

Bild: Grandfilm

Djukić und ihr Kameramann Lev Predan Kowarski finden für die Geschichte eines sexuellen Erwachens so empfindsame wie sensuelle Bilder. Als Lucija Ana-Marija beim Umkleiden verstohlen aus den Augenwinkeln betrachtet zoomt die Kamera zu leisen, etwas aufgeregten Gewisper auf ihren nackten Bauchnabel, später sind, weniger subtil, Nahaufnahmen von roten und pinken Blüten zu sehen, die von einer Biene bestäubt werden. Das Begehren wird bewusst mehrdeutig formuliert, durchdrungen von verschiedenen Impulsen und Trieben. Lesbisches Begehren mischt sich mit dem Appeal maskuliner Körperlichkeit und auch die Umgebung des Klosters wirkt mit. Djukić zeigt den Glauben dabei weniger als Kontrastfläche, stellt ihn vielmehr als eine andere Form der Zuwendung und Hingabe daneben. Beim nächtlichen Flaschendrehen muss Lucija das schönste Mädchen im ganzen Konvent küssen, ihre Wahl fällt auf die Marienstatue im Treppenhaus, behutsam und innig berührt sie mit den Lippen ihren kalten Steinmund. Und schließlich kommt in der absoluten Liebe der Ursulinen zu Jesus eine Form des Begehrens zum Ausdruck, die, mag sie noch so rein gemeint sein, nicht frei von Erregung ist. „Gottes Berührung überflutet meinen Körper“, so beschreibt es eine Nonne, als die beiden Mädchen von ihr wissen wollen, wie das so ist mit den körperlichen Bedürfnissen im Zölibat.

Lucijas Aufruhr trägt sich bald als Fahrigkeit und hörbare Dissonanz in die Proben hinein. Die Situation kippt endgültig, als der Chorleiter sie ermutigt, sich ihm anzuvertrauen, offensichtlich hat er ein anderes Geständnis erwartet als eine queere Geschichte. Vor der Gruppe macht er sie nieder, lässt sie wieder und wieder vorsingen, bis ihre Stimme immer brüchiger wird. Der Weg des Zusammenbruchs passiert das Traumreich, wieder geht es in eine Öffnung, nach Ohr, Mund und Bauchnabel führt nun der Weg in das Innere einer Höhle und zu den nicht ganz irdischen Gesängen der Nonnen. Nach dieser rite de passage wird Lucija auf Rollschuhen und mit wehendem Haaren ‚wiedergeboren‘, begleitet von Kim Gordons tiefer, rauchiger Stimme: If you want me to / I will be the one / That is always good / And you’ll love me too / But you’ll never know / What I feel inside … little trouble girl“.




Little Trouble Girls
von Urška Djukić
Slowenien/Italien/Kroatien/Serbien 2025, 89 Minuten, FSK 12
slowenische OF mit deutschen UT und deutsche SF

Ab 29. Januar im Kino