My Private Idaho (1991)
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Gus Van Sants dritter Film „My Private Idaho“ feierte seine Premiere 1991 bei der Berlinale – und wurde für viele Schwule zum Schlüsselfilm für die eigene Identitätsfindung. Bis heute gilt der Film als Meilenstein des New Queer Cinema. Matthias Frings hat ihn sich noch einmal angesehen und findet, der Film habe nichts von seinem Glanz verloren. Schon die Atmosphäre sei in ihrer lyrisch-verpeilten Traumverlorenheit einzigartig: „als habe jemand ein Märchen der Schauerromantik mit einem Drogen-Roadmovie gekreuzt“.

Bild: New Line
Lagerfeuer in Höllenrot
von Matthias Frings
Wenn sich das Adjektiv „legendär“ sinnvoll steigern ließe, wäre es bei „My Private Idaho“ – im Original als „My Own Private Idaho“ bekannt – sicher gerechtfertigt. Auffällig, wie sehr nur die Erwähnung des Filmtitels die Gesichter zum Strahlen bringt, ein verzücktes Aufstöhnen hervorruft, ein erinnerungsseliges Lächeln. In erster Linie hängt das natürlich mit den Hauptdarstellern Keanu Reeves und River Phoenix zusammen – der eine ist eine lebende Legende, der andere durch seinen frühen Tod noch weit über die damals geweckten Erwartungen hinaus zur Ikone geworden.
Auch Regisseur Gus Van Sant, ein erfolgreicher Wanderer zwischen Mainstream und Independent-Filmen, genießt Kultstatus, weil er mit diesem Film, dem ersten, den er nach einem eigenen Buch drehte, nicht nur einen Meilenstein des New Queer Cinema schuf, sondern auch den Beweis antrat, dass ein queeres Narrativ in Struktur und Thematik auch über den schwulen Rand hinaus wirkkräftig sein kann. Erzählt wird zwar die Liebesgeschichte zweier Männer, sie kann jedoch universell gelesen werden.
Last but not least blieb dem Publikum die besondere Atmosphäre des Films im Gedächtnis, seine Traumverlorenheit, der lyrisch-verpeilte Ton, eine Anmutung, als habe jemand ein Märchen der Schauerromantik mit einem Drogen-Roadmovie gekreuzt.
Gleich zu Beginn spielt Van Sant die Hauptthemen seines Films an. In etwas abgegriffenen Klamotten, einen Seesack über die Schulter geworfen, steht Mike (River Phoenix), ein zarter Junge von leicht ramponierter Hübschheit auf einer menschenleeren Landstraße, eine Straße so endlos, dass sie einmal um die Welt zu führen scheint. Wir dürfen das durchaus als Straße seines Lebens lesen, a road to nowhere. Plötzlich durchläuft ihn ein Zittern. Das Bild seiner Mutter taucht flüchtig auf, dann ein Zusammenbruch. Mike leidet an Narkolepsie, einer Krankheit, die ihn anfallartig außer Gefecht setzt. Eine Flucht aus der Wirklichkeit, ein Tor vielleicht zu seinem „Private Idaho“.
Ganz nah sehen wir die weggetretenen Züge, die zusammengekniffenen Augen, doch dann zieht die Kamera auf, und wir befinden uns in einer ganz anderen Szenerie: Außerhalb des Bildschirms wird ihm hörbar einer geblasen, dann klatschen ein paar Dollarscheine auf seine nackte magere Brust.
Auftritt Scott (Keanu Reeves): Mike auf den Armen wie bei einer Pietà, bringt er seinen Kumpel in Sicherheit. Er scheint das schon zu kennen, wenn Mike buchstäblich aus der Welt fällt. Scott ist ebenfalls Stricher, aber einer von der geföhnten Sorte, eine Schönheit im dunkelblauen Jackett. Schon Scotts Nachname erzählt etwas über Ihn. Scott Favor. Und ein Günstling ist er in der Tat, der Sohn des Bürgermeisters, der sich aus Protest und Lust den Wonnen der Gosse ergibt. Dieser Junge muss nicht auf den Strich gehen, er will. Nach dem Tod des Vaters, das weiß er jetzt schon, werden die Karten neu gemischt. Dann wird er reich sein und für ein ganz anderes Leben gewappnet. Doch bis dahin will er seinen Spaß.
Für den Spaß in diesem Film sorgt mit langen Haaren und wehendem Mantel der deutlich ältere Bob Pigeon, Scotts Mentor, oder besser: sein Hofnarr. Er ist ein Aufschneider und Possenreißer von der sympathischen Sorte, ein Rattenfänger, der eine ganze Armada von Strichjungen um sich versammelt hat. Scott und Mike machen sich einen Spaß daraus, sich zu verkleiden und ihn um sein Drogengeld zu prellen. Hinterher ergötzen sie sich an seinen Prahlereien, wie heldenhaft er mehr als dreißig Diebe in die Flucht geschlagen habe.

Bild: New Line
Spätestens jetzt kommt ehemaligen Gymnasiasten ein Verdacht: Haben wir es hier nicht mit Shakespeares Heinrich IV zu tun, mit Prinz Hal und dem berüchtigten Trunkenbold Falstaff? Denn in der Tat ändert sich in diesen Szenen auch der Ton, wird deklamatorischer, theaterhafter.
An mehreren Stellen des Films leistet sich die Regie solche Stilbrüche, lässt Schauspieler in Brecht-Manier direkt in die Kamera sprechen oder zeigt in einer berühmt gewordenen Sequenz das Zeitschriftenregal in einem Sexshop. Auf den Titeln der Schwulenpornos befinden die halbnackten Darsteller dieses Films, die plötzlich auf ihren jeweiligen Covern lebendig werden und untereinander ein Gespräch beginnen. Diese lustige Einlage ist umso bemerkenswerter, als damals dafür noch kein Computer zur Verfügung stand. Sie musste in aufwändiger Handarbeit hergestellt werden.
Unbedingt erwähnt werden muss an dieser Stelle der Gastauftritt von Udo Kier, ein grandioses Kabinettstück. Als Freier mit stark deutschem Akzent gibt er einen grotesken Perverso aus dem Bilderbuch. Wie er mit tuntiger Verschrobenheit Scott und Mike in seinem Hotelzimmer eine Solonummer vortanzt, mit der er angeblich erfolgreich aufgetreten ist, markiert einen urkomischen Höhepunkt dieses Films.
Der mehr als deutliche Verweis auf Shakespeare spaltete seinerzeit Zuschauer und Kritik. Die einen fanden es verstiegen, die anderen originell. Eines ist jedoch unstrittig: Van Sant gönnt sich und uns in seinem Fim eine inhaltliche und ästhetische Freiheit, die bewundernswert ist.
Mike, dieser stets leicht verhuschte Kerl, ist ohne Wurzeln, stets unterwegs, kommt aber nie an. Immer wieder sehen wir endlose Straßen, Landschaften, Flüsse (Mike trägt nicht ohne Grund den fluiden Nachnamen Waters). In der berühmtesten Szene des Films hocken Mike und Scott am Lagerfeuer. Mike hält es nicht länger aus und bringt mit übervollem Herzen stotternd heraus: I mean … for me …I could love someone even if … you know … I wasn’t paid for it.“ Scott hingegen erklärt ihm freundlich, aber mit warnendem Unterton: Wenn du ohne Bezahlung mit einem Mann schläfst, dann wachsen dir Flügel und du wirst zu einer „fairy“, einem Homo.

Bild: New Line
Diese intime Szene ist vielen Zuschauern über Jahrzehnte im Gedächtnis geblieben. Es dürfte kaum einen schwulen Mann geben, der es nicht mindestens einmal erlebt und durchlitten hat: das hoffnungslose Verliebtsein in einen unerreichbaren Mann, der Herzensbruch, die sexuelle Frustration, das Gefühl des Ausgeliefertseins und der Demütigung. Es ist ein Urmoment in vielen queeren Biografien, und wenn es so unglaublich anrührend gespielt wird wie hier, bricht einem gleich noch einmal das Herz, diesmal immerhin in der wohligen Sicherheit des dunklen Kinosaals.
Faszinierend zu sehen, wie der Regisseur diesen Effekt erzielt. Natürlich kommt hier die Schauspielkunst von River Phoenix voll zum Tragen, seine Intensität und emotionale Durchlässigkeit. Aber auch das sorgfältige Arrangement spielt seinen Part: wie sie einmütig beieinander hocken, vertrauensvoll aneinander gelehnt, einer der wenigen Momente der Ruhe und Innigkeit. Dazu das prasselnde Lagerfeuer mit seinem Liebes- und Höllenrot. Überhaupt ist Rot die dominierende Farbe des Films, ein angeschmuddeltes Rot, ein rostiges Orange.

Bild: New Line
Bemerkenswert, dass „My Private Idaho“ auf der Berlinale 1991 nicht den Teddy als bester Film gewann. Der ging an einen inzwischen ebenfalls nicht ganz Unbekannten, an Todd Haynes für „Poison“. Gus Van Sants Film hat dennoch seinen Weg gemacht, wurde national und international viel beachtet und als Karrieresprungbrett für Phoenix und Reeves gesehen. Auch Van Sant festigte seinen Ruf als Regisseur irgendwo zwischen Arthouse und Mainstream. Das fast dokumentarische Stricherdrama „Mala Noche“ von 1986, das ebenfalls auf der Berlinale lief, hatte zum ersten Mal auf ihn aufmerksam gemacht. Drei Jahre später wagte er sich mit dem Drogen-Roadmovie „Drugstore Cowboy“ mit Matt Dillon in der Hauptrolle an ein größeres Format. Dass er sich nach diesem Erfolg erneut für eine Geschichte im Sexarbeiter-Milieu entschied und nicht gleich in den Mainstream abbog, ist ihm hoch anzurechnen – stattdessen drehte er diesen Glanzpunkt des New Queer Cinema.
Schade eigentlich, dass der zweite Strang von „My Private Idaho“ vergleichsweise wenig Beachtung fand. Nach dem Tod von Scotts Vater, dem Bürgermeister von Portland, befreit der junge Mann sich ungerührt von seinen ehemaligen Kumpels, schlüpft in Anzug und Krawatte und tritt knallhart sein Erbe an. Als Bob Pigeon, sein trinkfreudiger, lebenslustiger Mentor und Hofnarr, nun endlich vom sozialen Aufstieg seines Schützlings profitieren will, bekommt er die ganze Brutalität der Macht zu spüren. Scott lässt ihn vor aller Augen abfahren, demütigt und verspottet ihn. Der Film ist auch ein Lehrstück darüber, was es bedeutet, in privilegierten Verhältnissen aufzuwachsen und ganz selbstverständlich nach der Macht zu greifen, wenn sie einem geboten wird.
Am Ende sehen wir zwei Beerdigungen, die in unmittelbarer Nähe zueinander stattfinden. Der wilde Bob hat die Abfuhr seines Schützlings nicht überlebt und wird fast in Sichtweite des Bürgermeistgers unter die Erde gebracht – hier eine steife Versammlung von Charaktermasken, dort ein verlorener Haufen ehrlich Trauernder, ein Horde Jungs, Mike Waters unter ihnen, die sich schlussendlich besaufen, in den Armen liegen und für ihren Kumpel einen wilden Tanz aufführen, wie es sich gehört.
Sehr schön und sehr kühl wirft Scott einen letzten Blick auf seine ehemaligen Freunde. Er braucht sie nicht mehr. Er hat seine Lektion gelernt.

My Private Idaho
ein Film von Gus Van Sant
USA 1991, 104 Minuten, FSK 16,
englische OF mit deutschen UT, deutsche SF