Noordzee, Texas

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Ganze zehn Jahre hat der belgische Regisseur Bavo Defurne an seinem Debütfilm „Noordzee, Texas“ gearbeitet. Als die zarte Geschichte über die erste Liebe von zwei Jungen 2011 endlich in die deutschen Kinos kam, fand sissy: Das Warten hat sich gelohnt, der Film ist ein echter Kinotraum geworden! Anlässlich des Starts von Defurnes neuem Film „Ein Chanson für Dich“ empfehlen wir eine Wiederbegegnung mit seinem romantischen Erstling – und mit Paul Schulz‘ mitreißender Beschreibung von dessen magisch-realistischen Wundheilungsfähigkeiten.

Texas liegt am Meer

von Paul Schulz

„Über Filme zu sprechen heißt über Träume zu sprechen, weil beide so viel gemein haben: Jahre vergehen in Sekunden und man springt räumlich frei assoziierend von einem Ort zum anderen. Beide sprechen in Bildern zu uns. Und in wirklich guten Filmen hat, genau wie in Träumen, jeder Gegenstand und jeder Lichtstrahl eine Bedeutung“, behauptet Fellini. Der gute Federico. Der eitle Fatzke. Darunter macht er es nicht. Das Kino: ein Traum. Er: ein Träumer für die Welt.

Bavo Defurne hängt sein Licht da ein bisschen tiefer: „Ich mag Dialoge nicht besonders, weil ich in Bildern denke. Deswegen wird in meinen Filmen wenig gesprochen. Wenn ihnen deswegen eine traumhafte Qualität zugesprochen wird, freut mich das. Aber ich kann gar nicht anders.“ So geht es auch: Der Filmemacher als ein in seiner Ästhetik beschränkter Bilderbauer. Der junge Meister – Defurne ist Jahrgang 1971 – hat nach neun Kurzfilmen in zehn Jahren weitere zehn Jahre gebraucht um seinen ersten Spielfilm „Noordzee, Texas“ fertig zu stellen. Seit 2000 hat er daran gearbeitet. Und es hat sich gelohnt. Bavos erster langer Film ist wunderbar geworden, was nicht überrascht, kennt man sein Werk.

Denn wenn man Fellinis Traumthese ernst nimmt, gibt es derzeit kaum einen größeren und besseren Träumer als Defurne im europäischen Kino: Farben, Licht, Stimmungen, Blicke, daraus baut er, seit er Anfang Zwanzig ist, eine ganz eigene, immer größer werdende Welt, die Zuschauern doch merkwürdig vertraut ist, weil sie den nächtlichen Bildern in ihrem Kopf nicht unähnlich ist. Und weil sie einen genauso anfasst.

Das Grundgefühl in Defurnes Werk ist, auch wenn er das vielleicht nicht gerne hört, der Wunsch danach, die Welt durch Liebe zu heilen. Es geht immer um Schmerz und die Möglichkeit, dass der irgendwann aufhört, um Sehnsucht und den Wunsch danach, dass diese gestillt werden möge, um Schönheit und die wahnwitzige Vorstellung, jene könnte von Dauer sein. Schwule Träume eben. Ein großer Künstler ist er, weil er ein großartiger Querdenker ist und seine technischen Limitierungen zu filmischen Möglichkeiten macht: Wenn er sich kein anständiges Mikrofon leisten kann, wird eben gar nicht gesprochen; wenn man kein Geld für Schauspieler hat, arbeitet man mit talentierten Laien; wenn man alles an einem Film selber machen muss, entwickelt man „eine erotische Beziehung zum Filmmaterial, dessen Handhabung auch erregen kann“. Er ist nicht mit Absicht kompromisslos, er kann einfach nicht anders.

Foto: Edition Salzgeber

Fellini weiß: „Es geht bei Film nicht so sehr um metaphysische Dinge wie Inspiration oder einen Kunstbegriff, es geht um Handwerk. Was wir erzählen, ist weniger entscheidend als das Wie. Ein Filmemacher muss sein Medium beherrschen, nicht umgekehrt.“ Jaja. So kann man vielleicht daherreden, wenn einem ganz Cinecittà zur Verfügung steht und die Welt einen mit Geld bewirft, sobald man ein Exposé fertig hat. Wenn man, wie Defurne, in Belgien Filme macht, muss man sich bescheiden. „Die Finanzierung für dieses Projekt auf die Beine zu stellen hat viele Jahre gedauert. Schließlich ist es mein erster langer Film. Und der Casting-Prozess war anstrengend, weil es erstens nur wenige Schauspieler gab, die überhaupt für die beiden Hauptrollen in Frage kamen und von denen dann wiederum viele diese Rollen nicht spielen wollten oder durften. Es gab einen Jungen, dem sein Vater gesagt hat, er dürfe keine anderen Jungen küssen, nicht mal für einen Film.“ Sowas passiert 2010 in einem der liberalsten Länder Europas. Man stelle sich vor, Giulietta Masinas Vater hätte ihr gesagt, sie dürfe nicht in „La Strada“ (1954) mitspielen, weil sie sich dabei dreckig macht. Das ist nicht lustig.

Foto: Edition Salzgeber

Geküsst wird jetzt in „Noordzee, Texas“ aber trotzdem. Jungs küssen andere Jungs, und zwar reichlich. Eines von Defurnes Dauerthemen ist, wie ganz junge Männer ihre Sexualität entdecken. Das hat er mit anderen Filmemachern wie Gregg Araki gemeinsam. Im Gegensatz zu Araki geht es aber nicht um Sexualität als entspannte Freizeitgestaltung. Bei Defurne riskiert man immer gleich das Kippen der Welt, das ein Kuss mit sich bringen kann. Man ist ein anderer danach, für sich und oft auch für die anderen. Die Welt, die in „Noordzee, Texas“ kippt, ist die von Pim, der mit seiner Mutter Yvette in einem windschiefen Haus in einem kleinen Ort an der Nordseeküste wohnt, demselben Kaff, in dem auch Defurne aufgewachsen ist. Yvette ist Akkordeonspielerin und benimmt sich wenig mütterlich. „Willst du wieder die ganze Nacht zeichnen? Normale Jungs sind in deinem Alter mit ihren Freunden unterwegs!“, belehrt sie ihren 15-jährigen, strohblonden Sohn. „Und normale Frauen schlagen sich in deinem Alter nicht mehr die Nächte in Kneipen um die Ohren“, antwortet der Sohn.

Yvette ist eine fröhliche Schlampe. Und laut. Vielleicht ist ihr Kind deswegen so still. Sein bester Freund ist drei Jahre älter, heißt Gino und ist genau so, wie man sich jemanden vorstellt, der Gino heißt: wildes schwarzes Haar über glühenden Augen, Lederjacke, Motorrad, kranke Mutter, die er sehr liebt, um die er sich aber wenig kümmert. Außerdem hat er eine Schwester, Sabrina. Sie ist ziemlich in Pim verliebt. Der merkt davon nichts, denn er hat nur Gino im Kopf, und wenn sie nachts im Zelt am Strand alleine sind oder mit dem Motorrad an einen abgelegenen Küstenstreifen fahren, hat er Gino auch noch ganz woanders. Jelle Florizone als Pim und Mathias Vergels als Gino sind ein hinreißendes Paar und Defurne gestattet ihnen nach allerlei Scherereien (eine Mutter rennt mit einem jungen Mann vom Rummelplatz weg, die andere stirbt, Gino hat zwischendurch eine Freundin, etc.) sogar ein angedeutetes Happy End. Was eher untypisch für ihn ist und daran liegen mag, dass er sich „Noordzee, Texas“ nicht alleine ausgedacht hat. Der Film basiert auf dem Jugendbuch „Nooit gaat dit over“ (2005) von André Sollie. „Ich wollte diesen Film unbedingt machen, nachdem ich das Buch gefunden hatte. Und dazu gehörte auch das Ende. Ich finde es gut, dass es zum Schluss Licht am Ende des Tunnels gibt und man zwar im Zweifel, aber hoffnungsfroh entlassen wird“, erklärt Defurne in Interviews.

Foto: Edition Salzgeber

Er wird eben auch älter und vielleicht auch ein bisschen glücklicher. Oder schlicht selbstbewusster. Denn „Noordzee, Texas“ hält, was seine Kurzfilme seit vielen Jahren versprechen: Hier findet jemand zu seinem ganz eigenen Stil. Wo der Auteur in seinen Kurzfilmen noch Anleihen bei so unterschiedlichen Vorbildern wie Dreyer, Eisenstein, Leni Riefenstahl oder dem Fotografenpaar Pierre et Gilles erkennen ließ, mit denen er lustvoll spielte, ist sein erster Spielfilm nun ein in sich geschlossenes ästhetisches Universum, das eine völlig originäre Sprache hat. Deren Quelle ist eine gewisse Zeitlosigkeit. Von Kostümen über die Frisuren und Orte bis zum Licht ist man sich nie sicher, in welchem Jahr der Film denn nun spielt, Anfang der 70er, heute, irgendwo dazwischen? Ein gewollter Kunstgriff. „Wir haben nicht versucht, den Film zeitlich genau zu verorten, sondern uns eher überlegt, was man heute noch tragen, sagen oder tun würde.“ Der Effekt ist berauschend: Als Zuschauer betritt man eine Welt, in der zwar Referenzen an eine bestimmte Periode auftauchen, ist aber bei den Konflikten der Figuren immer hautnah dabei, weil man sie eben nicht historisieren und so von sich wegschieben kann. „Unsere Jungend, irgendwann in den letzten Jahren“, so beschreibt es Defurne selbst. Der Film scheint aus der Zeit gefallen und an jedem Ort, an dem es Meer gibt, spielen zu können. Wie in Träumen oder im Märchen – und eben so, dass man nicht umhin kommt, die Parabel auch auf sich zu beziehen. „Noordzee, Texas“ ist nicht „Die fabelhafte Welt der Amélie“ (2001), aber schon eher dem französisch magischen Realismus verhaftet als deutschen Sozialdramen, in denen nicht weniger, aber viel ernsthafter geschwiegen wird.

Foto: Edition Salzgeber

Das ist bei Defurne immer so, weil all seine Protagonisten – vom heiligen Sebastian bis zu jungen Männern an Lagerfeuern – diese lose Perspektive zulassen. Schließlich befinden sich alle seine Charaktere auf einem Gleis irgendwo zwischen kindlicher Naivität und dem Ernst des Lebens. Dem Ort also, wo wir darauf hoffen, dass irgendjemand, zum Beispiel wir selbst, am richtigen Hebel zieht und es dann ab geht in eine schönere Zukunft, von der aus wir gelassen und voller sentimentaler Erinnerung auf die Zeit zurückblicken können, in der wir uns gerade befinden.

Was nicht heißen muss, wir hätten gerade keinen Spaß. Defurne versteht es wie viele große schwule Regisseure vor ihm, seine schwebende Weltsicht durch seine Frauenfiguren zu verankern. Wie die wunderbare Eva van der Gucht ihre gesamte, beachtliche Körperlichkeit benutzt, um Pims Mutter Yvette eben nicht zu einem Monster zu machen, das letztendlich ihr Kind sitzen lässt, sondern zu einer Frau, die so viel mehr vorhat, als zu Hause herumzusitzen und auf den Tod zu warten; wie Katelijne Damen als Ginos Mutter Marcella ihr immer kleiner werdendes Lebenslicht nur aus ihren müden Augen hell scheinen lässt; wie Nina Marie Kortekaas ihrer Sabrina trotz deren enttäuschter Liebe keinerlei Bitterkeit mitgibt – dass alles braucht und hat einen Regisseur, der Frauen als mehr betrachtet als als Stellschrauben für die Liebesgeschichte seiner beiden jungen Helden. Und das ist ein feministisches Fest, wie es im Kino in dieser leichtfüßigen Komplexität selten eines zu sehen gibt. Keine weiblichen Abziehbilder wie bei Ozon, echte Frauen in echten Körpern in einer traumhaften Umgebung.

Foto: Edition Salzgeber

Bleibt noch der Sex. Der schwierig sein könnte, wenn man ihn ironisieren würde, oder anstrengend, wenn er zu voyeuristisch betrachtend inszeniert wäre. Aber auch hier macht Defurne alles richtig. Die erste Liebe zwischen Pim und Gino ist tapsig, ungeschickt, gierig und wird an den passenden Stellen ausgeblendet, weil sie sonst die Erzählung beschädigen würde. Auch die sexuelle Überinszenierung einiger seiner früheren Filme, die mitunter eine Scham im Umgang mit Körpern bedeuten kann, löst sich in „Noordzee, Texas“ in liebevolles Wohlgefallen auf. Ein Traum, oder?




Noordzee, Texas
von Bavo Defurne
BE 2011, 94 Minuten, FSK 12,
flämische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)




Blu-ray: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

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VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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