Ein Chanson für Dich

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Isabelle Huppert singt wieder ­– in Rot! In „Ein Chanson für Dich“ (Originaltitel: „Souvenir“), dem neuem Film des „Noordzee, Texas“-Regisseurs Bavo Defurne, spielt sie eine ehemals gefeierte Sängerin, die sich schon lange aus dem Showbusiness zurückgezogen hat, als sie plötzlich mit der Möglichkeit eines Comebacks konfrontiert wird. Unsere Autorin Noemi Yoko Molitor findet, dass Dafurne damit eine der glaubwürdigsten Frauenfiguren jenseits der 50 entworfen hat, die es in den letzten Jahren im Kino zu sehen gab – auch weil Huppert diese Figur mit einer wundervollen Mischung aus abwartender Distanziertheit und verschrobener Würde belebt.

Foto: Alamode

Süßes Herz, ich sage ja

von Noemi Yoko Molitor

Liliane ist Arbeiterin in einer Fleischpasteten-Fabrik und verheimlicht ihrer Umwelt ihre Bühnenvergangenheit. Fast hätte sie es damals in den 70ern geschafft, doch dann blieb sie als Zweite beim Grand Prix Eurovision de la Chanson hinter ABBA zurück. Als Liliane dem Anfang-20-jährigen, semi-professionellen Boxer Jean (Kévin Azaïs) begegnet, der neu in der Fabrik ist und in ihr „Laura“ erkennt, die Sängerin, die sein Vater seit 30 Jahren treu anbetet, will sie zunächst nichts davon wissen.

Der Star von damals hat sich in ihrem Einzelgängerinnen-Dasein eingerichtet, verlässt als letzte die Arbeit, auf den Whiskey am Abend folgt die morgendliche Kopfschmerztablette, und dann beginnt der Kreislauf von vorn: Busfahrt in die sterile Fabrik, Lorbeerblatt-Cranberry-Deko auf der Fleischpastete anrichten, Arbeitsplatte reinigen, Jeopardy vor dem Fernseher. Warum sollte sie dem Jungen ihre Vergangenheit anvertrauen? Erkannt zu werden erscheint als Bedrohung, Liliane geht Jean aus dem Weg. Als der aber nicht locker lässt, fühlt sie sich vielleicht doch ein wenig geschmeichelt und lässt sich schließlich zu einem Auftritt im roten Kleid in Jeans Box-Club überreden. Ohne Presse. Das ist der Deal.

Denn wieder aufzutreten ist riskanter als in Vergessenheit zu bleiben. Doch auch ohne Jeans Zutun, mit dem Liliane inzwischen eine Affäre begonnen hat, tauchen die Fernsehkameras in der Pastetenfabrik auf. Liliane fühlt sich verraten und will Jean verlassen. Die Angst vor Demütigung, vor dem erneuten Scheitern, soll keiner sehen. Was Jean in ihr sieht, lässt sie schließlich doch einen Pfad der Wiederkehr auf die Bühne antreten, der sie  – in Altersheimen und auf Radrennbahnen ­singend – fast ihren Stolz kostet. Genug Ego hat Liliane aber doch noch, um es mit dem Establishment noch einmal aufzunehmen. Notfalls auch mit Tricks.

„Ein Chanson für Dich“ lässt vom Stoff her eine Tragikkomödie vermuten, entwickelt sich aber zu einem Liebesmärchen, in dem der Altersunterschied zwischen Liliane und Jean nie ein Problem ist. Über ihr Alter spricht eine Dame ohnehin nicht. Wenn, dann spielt sie mit der Jugend ihres Liebhabers in ihren Liedern: „Joli garçon, je dis oui / Bras de béton, je dis oui / Coeur de bonbon, je dis oui“ („Hübscher Junge, ich sage ja / Arme aus Beton, ich sage ja / Süßes Herz, ich sage ja“).

Foto: Alamode

Der Text zu „Jolie Garçon“ und zwei weiteren Chansons, „Souvenir“ und „Fini la Musique“, stammen von Defurne und Yves Verbraeken, die gemeinsam mit Jacques Boon auch das Drehbuch zum Film geschrieben haben. Die Musik zu den Liedern komponierte die US-Band Pink Martini, die auch den Score des Films entwickelte, indem sie zu den Szenen improvisierte. Die 12-köpfige Gruppe, die unter anderem für ihre Affinität zu Cover-Songs bekannt ist, gibt inzwischen regelrechte Entertainer-Konzerte, bei denen das Publikum auf der Bühne mittanzen darf. Auch die leichtfüßige musikalische Unterlegung von „Ein Chanson für Dich“ hat teils etwas Komisches und trägt an den entscheidenden Stellen zum Tempo des Films bei. Vor allem fängt der Soundtrack aber die Atmosphäre der 70er ein – jener Zeit, die Liliane angeblich für immer vergessen will, in der sie aber mit ihrer Wohnungseinrichtung und ihren Kleidern noch immer verweilt. Im Original heißt der Film „Souvenir“, Erinnerung also, aber auch Andenken. Als Laura erneut antritt, um Belgien beim ESC zu repräsentieren, tut sie es in dem mit silbernen Blumen bestickten Kleid, in dem sie einst verlor.

Laura zitiert sich selbst. Die Gesten, die sie zu ihren Auftritten wieder aufleben lässt – aus der Zeit gefallene, fast steife Armbewegungen, die sich umso emotionaler aufladen, je länger man sie betrachtet – sind das wahre Kleinod dieses Films. Denn auch sie sind ein Zitat, ein doppeltes sogar: Die Choreografie von Denis Robert zitiert die Figur der missgelaunten Augustine aus François Ozons „8 Frauen“ (2002). Auf ihr melancholisches Solo des Lieds „Message Personell“ folgt die Verwandlung in eine Diva, die die Treppe hinunter schwebt. Vielleicht ist es aber auch Isabelle Huppert, die ihr eigenes Spiel der Augustine zitiert, wenn Liliane die Hände beim Singen langsam vor ihr Gesicht gleiten lässt. Daran, dass Huppert jede Rolle, die sie je gespielt hat, verinnerlicht hat, bestand beim diesjährigen Gallery Weekend in Berlin kein Zweifel mehr. Die Galerie Max Hetzler zeigte eine Arbeit von Roni Horn, für die Huppert sich auf 100 Porträtphotografien vergangene Rollen vergegenwärtigt – ausschließlich aus der Erinnerung und über die Mimik.

Foto: Alamode

Defurne war nach eigenen Angaben berauscht, als Huppert zu seinem Film Ja sagte. Nach einer Reihe schwuler Kurzfilme (unter anderem „Saint“ und „Campfire“), spielte der Regisseur in seinem Langfilm-Debüt „Noordzee, Texas“ (2011) schon einmal mit einer weiblichen Figur, die auf eine vergangene Karriere zurückblickt: Yvette, die Mutter der Hauptfigur Pim, war früher Schönheitskönigin. Mit Diadem und Schärpe, ihren Erinnerungsstücken dieser Tage, setzt Pim sich auf dem Weg zum schwulen Coming-of-Age schon im Kleinkindalter in Szene. Was in diesem Sozialdrama ein einsames Kind ist, ist in „Ein Chanson für Dich“ eine Erwachsene, die ihre Einsamkeit scheinbar selbst gewählt hat, jedoch im richtigen Moment instinktiv aus ihr heraus zu treten vermag. Und was könnte schließlich schwuler sein als eine Diva des französischen Kinos eine Sängerin der 70er spielen zu lassen, die eigentlich viel zu gut für jeden ESC ist? Dass Defurne Liliane den hübschen Jean mit seinem 70er-Jahre Schnäuzer und seinen schüchternen Gesten zur Seite stellt, ist eine weitere Einladung an das schwule Auge. Der Film macht hier den Inbegriff einer Schwulen-Ikone zur großen Liebe der ikonografisch schwulen Figur.

So manche Kritik maulte indes, Huppert könne nicht als Pop-Sängerin überzeugen. Außerdem spiele sie plötzlich keine ihrer berühmten Figuren am Abgrund, wie jüngst noch in Paul Verhoevens „Elle“ (2016), für den sie erstmals für den Oscar nominiert war. Diese Kritik klingt ganz so, als hätte Huppert sich je auf ein Genre beschränkt und nie Komödien gedreht. Zudem ist der Abgrund auch in „Ein Chanson für Dich“ da, er fällt schlicht subtil aus. Man muss nur genau hinhören, um die Selbstbeherrschung in Lilianes verbalen Rückzügen auszumachen und die Berechnung in ihrem Small Talk. Tatsächlich ist es Hupperts große Schauspielkunst, die uns mit ihrem Gesang das Gehör für eine wiederauferstehende Stimme schult und die Sinne für das Gestische in einer Bühnenperformance verfeinert.




Ein Chanson für Dich
von Bavo Defurne
BE/LU/FR 2016, 90 Minuten, FSK 6,
deutsche SF, französische OF mit deutschen UT,
Alamode

Ab 6. Juli hier in der deutschen Synronfassung und hier in der OmU-Fassung im Kino.

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