Like You Mean It

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In seinem Regiedebüt „Like You Mean It“ erzählt der in Österreich geborene Filmemacher Philipp Karner nüchtern und undramatisch von der Lebens- und Liebeskrise eines erfolglosen Schauspielers in Hollywood – und wurde von der L.A. Times dafür mit Andrew Haigh („Weekend“) und Ira Sachs („Keep the Lights On“) verglichen. Auch bei Karner fehlen die einstigen Eckpfeiler schwuler Narrative wie Coming-out, HIV oder gesellschaftliche Diskriminierung; auch sein Film wird vor allem durch einen intimen Blick auf Beziehungsdynamiken strukturiert. Aber hält „Like You Mean It“ auch ansonsten dem Vergleich mit den Aushängeschildern des „New-Wave Queer Cinema“ stand?

Foto: Edition Salzgeber

Regen in Süd-Kalifornien

von Carsten Moll

„Will you tell the folks back home I nearly made it?
Had offers but don’t know which one to take.
Please don’t tell them how you found me.
Give me a break, give me a break.“

(„It Never Rains in Southern California“, Albert Hammond )

 

Manchmal kann man sein Glück einfach nicht fassen und dann ist es auch schon unwiederbringlich entwischt. So ergeht es dem Österreicher Markus, der einst mit seiner Einwanderung in die USA zu Mark Miller wurde und nun in Los Angeles einen Traum zu leben scheint: Der ganz große Durchbruch als Schauspieler lässt zwar noch auf sich warten, doch Mark verfügt über genug Talent und das passende Aussehen, um sich weiterhin Hoffnungen auf eine Hollywoodkarriere zu machen. Privat hingegen hat er scheinbar bereits das große Los gezogen: An seiner Seite ist Jonah, ein gutmütiger, einfühlsamer Musiker mit braunen Knopfaugen und jungenhaftem Charme.

Mark sollte also eigentlich, wenn man der Logik von der Partnerschaft als Seelenheil folgt, zufrieden sein. Nur er ist es nicht. Der ausbleibende Erfolg setzt dem Schauspieler immer mehr zu, und die unbeschwerten Tage des Verliebtseins sind bloß noch eine blasse Erinnerung. Die genauen Gründe für seine Lebenskrise, dafür, dass es ihm nicht gelingt, seine beruflichen Chancen zu nutzen und die Zweisamkeit mit Jonah zu genießen, spart „Like You Mean It“ weitgehend aus. Das Drehbuch deutet lediglich vage in die Vergangenheit und lässt eine traumatische Kindheit anklingen. Ansonsten bleibt das Skript ähnlich schweigsam wie seine geplagte Hauptfigur, die unfähig ist über die eigenen Gefühle zu sprechen.

Und dennoch ist die alles bestimmende Depression des Protagonisten von der ersten Einstellung an offensichtlich. Der in Wien geborene Filmemacher Philipp Karner findet in seinem Regiedebüt gemeinsam mit dem Bildgestalter Aaron Kovalchik stimmige Bilder für Marks Gemütszustand: Grell und ohne Wärme strahlt die Sonne vom kalifornischen Himmel herab, als wolle sie alle Farben aus der Welt bleichen. Ein tiefer Blues steckt in diesen Aufnahmen von Los Angeles, mitunter sogar ein stummes Grauen. Für zusätzliche Beklemmung sorgt die Cadrage, die die Figuren in enge Rahmen sperrt und mit Mark den fehlenden Fokus, die hilflose Suche nach einem Zentrum teilt.

Karner, der für seinen autobiografisch geprägten Erstling nicht bloß als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent, sondern auch als Hauptdarsteller tätig ist, gelingt es dabei eine eitle Nabelschau zu vermeiden. Humorvolle Szenen lockern das Geschehen auf und die Auftritte der durchweg gut besetzten Nebendarsteller erden den Film auf gekonnte Weise. Durch seine elliptische Erzählweise, die an der Anekdote und dem Augenblick mehr interessiert ist als an einem alles überspannenden Handlungsbogen, lassen sich zudem einige Ungereimtheiten und Oberflächlichkeiten verschmerzen. Wie sich ein unterbeschäftigter Schauspieler und ein Folkmusiker etwa ein Haus in Los Angeles samt Haushälterin leisten können, bleibt für Karner genauso uninteressant wie die politischen Dimensionen seiner Geschichte.

Foto: Edition Salzgeber

Daran kann man selbstverständlich Anstoß nehmen, ebenso an der geringen Fallhöhe, die „Like You Mean It“ wagt. Das Beziehungsdrama gibt sich geschmackssicher und ohne Sinn für Exzesse – und kann damit wie auch andere Vertreter des „New-Wave Queer Cinema“ als ein Gegenentwurf zum progressiveren queeren Kino gelten, wie es beispielsweise Bruce LaBruce propagiert. Bei Karner haftet Homosexualität nicht per se etwas Subversives an. Der Filmemacher und seine Figuren begreifen sich nicht als Außenseiter oder potenzielle Revolutionäre.

„Like You Mean It“ verhandelt eine schwule Identitätskrise abseits von Avantgarde und Underground und vielmehr mit formalen Mitteln des Mainstreams. Karners Film ist mal schmerzhaft, mal witzig und oft entlarvend. Auf der Suche nach der Rolle seines Lebens muss Mark nämlich immer wieder feststellen, dass identitätsstiftenden Stereotypen und Klischees ein Verfallsdatum anhaftet. Da ist es etwa das befreundete heterosexuelle Pärchen, das eine offene Beziehung wagt und auf das Unverständnis ihrer schwulen Freunde trifft, statt andersherum. Oder, weit profaner, Marks Sexfantasie vom Fick mit einem Hetero aus der Videothek, die schon an Jonahs Einwurf scheitert, dass es doch gar keine Videotheken mehr gäbe.

Einfache Antworten oder gar einen Ausweg aus der Selbstfindungsspirale zeigt Karner nicht, trotz eines sanft angedeuteten Happy Ends. „Like You Mean It“ folgt dem schwermütigen Helden lieber geduldig bei seinem Kreisen um sich selbst und beobachtet neugierig dessen Alltagsroutinen. Dazu gehört auch Marks wiederholter Besuch in der Autowaschanlage: Hier, wo das Wasser schwer und literweise herabfällt wie bei einem Wolkenbruch, kann er der sonnendurchfluteten Scheinwelt um ihn herum zumindest für einen Moment entkommen und ganz bei sich sein. Es regnet nicht in Südkalifornien? Mark weiß es, ebenso wie der gescheiterte Schauspieler aus Albert Hammonds Hit, besser: „It pours, man, it pours.“




Like You Mean It
von Philipp Karner
USA 2015, 90 Minuten, FSK 12,
englische OF mit deutschen UT,
Edition Salzgeber




DVD: € 19,90 (inkl. Porto & Verpackung)

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VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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