Herzstein

Trailerqueerfilmnacht

Die queerfilmnacht macht im September einen Ausflug nach Borgarfjörður eystri, ein kleines Fischerdörfchen irgendwo in Island. Dort hat der Regisseur Guðmundur Arnar Guðmundsson sein Langfilmdebüt über zwei Jungs gedreht, die ihr sexuelles Erwachen in unterschiedliche Richtungen führt. Für sein vielschichtiges, in atemberaubenden Landschaftsbildern eingefangenes Porträt einer unbändigen und zugleich schwer verletzlichen Freundschaft wurde Guðmundsson letztes Jahr in Venedig vollkommen zurecht mit dem Queer Lion ausgezeichnet.

Foto: Edition Salzgeber

Ins Ungewisse

von Rajko Burchardt

Sommerferien in Island. Zu hören ist nichts als Meeresrauschen und Möwengesang. Vier Jungen, alle etwa 13 Jahre alt, genießen still die ersten warmen Sonnenstrahlen auf einem Pier. Sie wirken zufrieden und froh, sich kurzzeitig einmal nichts erzählen zu müssen. Von Imponiergehabe ist einen Moment lang keine Spur. Thor sticht heraus. Er macht einen ruhelosen Eindruck, schlägt die selbst gebastelte Angel nervös gegen Steine. Das T-Shirt hat er anbehalten, der schüchterne Blick wandert auf den freien Oberkörper seines besten Freundes Kristján. Mit der Stille, so scheint es, kommt für ihn das Unbehagen. Er versucht das idyllische Bild zu stören, es in Bewegung und durcheinander zu bringen. Die Jungen springen auf, als Thor lautstark einen Fischschwarm entdeckt, und zertrümmern den an Land gezogenen Tieren kurz darauf energisch die Köpfe. Plötzlich wird gerangelt und getrampelt, schwenkt die Kamera vor und zurück. Es darf sich aufbäumen, wer den größten Fang hat, und den größten Fang hat natürlich Thor. Stolz sieht der geschickte Angler dennoch nicht aus. Er soll den Fisch draußen stehen lassen, sagt die Mutter daheim. Das vergammelte Tier wird er später zurück ins Meer schmeißen.

Dem Beginn von „Herzstein“ sind nicht nur wesentliche Informationen über Schauplatz und Hauptfiguren eingeschrieben, sondern auch bereits alle zentralen Themen und Motive des Films. Er zeigt die harschen Lebensbedingungen im Küstendorf und das dadurch geformte Verhältnis von Mensch und Natur, die adoleszenten Schwierigkeiten und augenscheinlich vertrackten Freundschaften. Der sanfte Unruhestifter Thor nimmt eine Außenseiterstellung ein. Er muss bestehen gegen größer gewachsene Spielkameraden, die über die noch nicht sichtbaren Pubertätsanzeichen des Jungen spotten (tolle Reaktion seinerseits: vor dem Badspiegel bastelt Thor sich ein Schamhaartoupet aus Kammbüscheln!), und auch im örtlichen Jugendtreff haben es Raufbolde auf ihn abgesehen, schikanieren ihn verbal und körperlich. Zuhause wiederum gerät Thor ins Visier seiner älteren Schwestern. Die ziehen ihn auf und sogar aus, lassen ihren Bruder nackt vor der Haustür und vor seinem „Liebhaber“ Kristján stehen. Gemeinheiten dieser Art können an der Schwelle zum Erwachsenwerden die Welt bedeuten. Dem erfahrungshungrigen Thor jedenfalls erschweren sie ein entspanntes Verhältnis zum eigenen Körper.

Foto: Edition Salzgeber

Nach solchen Szenen legt der zumindest äußerlich reifere Kristján schützend seinen Arm um den besten Freund. Es sind zärtliche Berührungen, die sich nicht allein in Albernheiten auflösen („schwul spielen“), sondern Unterschiede zwischen so zu tun und so zu sein markieren: Ein kleines Refugium der Intimitäten, das allen Gehässigkeiten trotzt. Am eindrucksvollsten bekommt der Film diese Nähe ausgerechnet in einer Szene zu fassen, die durch die Schwestern eingeleitet wird. Autor und Regisseur Guðmundur Arnar Guðmundsson entwirft die Mädchen dabei nicht als einfältige Antagonisten, vielmehr hat auch ihr Verhalten Gründe, die über Andeutungen miterzählt werden. Geschminkt sollen Thor und Kristján Modell für ein Kunstprojekt stehen, sich ohne Kleidung aneinanderschmiegen wie ein romantisches Paar. Im Gegensatz zur Eingangssequenz hält Thor die unbehagliche Stille jetzt aus. Er legt den Kopf auf Kristjáns Schulter und lauscht dem schweren Atmen seines Freundes, lässt die sinnliche Bindung der eng beisammen liegenden Körper zu. Ein kurzes Bild subjektiver Freiheit mit behutsam über die Haut fahrenden Kamerabewegungen, in dem sich zugleich eine große Tragik abzeichnet.

Denn die Richtungen jugendlicher Begehrlichkeiten verlaufen in „Herzstein“ sehr unterschiedlich. Guðmundssons Film nimmt dabei eine bewusst andere Perspektive ein als jene – durchaus zahlreichen – queeren Coming-of-Age-Filme, in denen die schwulen Hauptfiguren an der unerwiderten Liebe zum besten Hetero-Freund verzweifeln. In „Herzstein“ dominiert Thors durchaus ambivalente Perspektive. Hinter seinen anfänglich behutsamen, schambehafteten Blicken stehen keine heimlichen romantischen Gefühle für Kristján, sondern Unsicherheiten anderer Art: Wie soll er mit dem schützenden Freund umgehen, dessen eigene, auf ihn gerichtete Sehnsucht er durchaus wahrnimmt, wenn er doch eigentlich das Herz eines älteren Mädchens erobern möchte?

Foto: Edition Salzgeber

Zwei Jungen entdecken die Liebe, und „Herzstein“ spinnt aus dieser Konstellation ein Drama ungleicher Empfindungen, das die verschiedenen Perspektiven sorgfältig neben- statt gegeneinander anordnet. Sensibel bleibt der Film auf Augenhöhe mit seinen jugendlichen Figuren, deren emotionale Schieflagen er weder Drehbuch-dienlich geraderückt noch über klar gezogene Kontraste vereinfacht. Er gestattet ihnen eigentümliche Abzweigungen und manch irrational scheinendes Verhalten, sexuelles Verlangen und kindlichen Eigensinn. Erwachsenwerden darf bedeuten, im ständigen Widerspruch mit sich selbst zu sein.

Guðmundsson hat ein genaues Auge für seine Figuren und ihre Milieus. Fast beiläufig (und dadurch umso authentischer) erfahren wir von dysfunktionalen Familienverhältnissen, von einengenden Moralvorstellungen und konservierten Denkmustern im ländlichen Handlungsort des Films. Thors alleinerziehende Mutter unternimmt zum Missfallen ihrer Kinder neue Versuche, einen Partner zu finden. Am abendlichen Essenstisch fallen ausgesucht schreckliche Sätze über Familienehre und Sittlichkeit. Kristjáns Eltern stehen kurz vor der Trennung, sein offenbar alkoholkranker Vater erweist sich als homophob und gewaltbereit. Im Dorf soll er einen mutmaßlich schwulen Mann verprügelt haben, später erhebt er die Hand gegen den eigenen Sohn. In einer Szene beobachtet der Vater zähneknischernd die Zuneigung der beiden  Jungen, nachdem Thor nur knapp einem Unfall am Küstenabhang entgehen konnte. Die ausgesprochen unpittoresk in Szene gesetzte Landschaft birgt hier ganz eigene Gefahren, postkartentauglich romantisierte Klischeebilder von Island gibt es in „Herzstein“ keine zu sehen.

Foto: Edition Salzgeber

Überhaupt die Natur. Wilde Schönheit einerseits, das Meer in ständiger Nähe. Hohe Berge und weite Felder, allerorts lebendes und (auffällig oft) totes Getier. Eine Umgebung als unwirtlicher Lebensraum anderseits, der sichtbar Spuren an Thor und Kristján hinterlässt (keine Außenaufnahme ohne vom Dauerregen platt gedrückte Haare, trotz sommerlicher Temperaturen fällt gelegentlich sogar Schnee). Auf die Frage, was sie unternehmen wollen, antworten die Jungen einmal ironisch: „Nichts Besonderes, nur in die endlosen Möglichkeiten blicken.“

„Herzstein“, immerhin 130 Minuten lang, nimmt sich viel Zeit für das Beobachten dieser endlosen Möglichkeiten, die sich natürlich in eher weniger reizvollen, ziemlich ritualisiert wirkenden Nicht-Beschäftigungen erschöpfen: Steine auf Häuserbaracken schmeißen, Autowracks demolieren, Spuckpfützen bilden. „Herzstein“ verzichtet gleichwohl darauf, diese Eindrücke von Alltags- und Landschaftstristesse in einen unmittelbaren psychologischen Zusammenhang mit den inneren Konflikten der Figuren zu bringen. Sie stehen auf eine raue, poetische Art für sich. Für ein Erstlingswerk ist so viel Offenheit bemerkenswert. Entschieden setzt Guðmundsson auf Understatement statt Aufdringlichkeit. Anders als viele andere schwul-lesbische Jugendfilme, die mit allzu bewährten Erzählmustern hantieren, überlässt „Herzstein“ die Zuschauer_innen weitgehend sich selbst. Seine Geschichte und ihre Figuren wagen sich vor ins Ungewisse. Bevor „Herzstein“ auf einen vielleicht etwas zu buchstäblichen großen Knall hinausläuft, vermittelt er eine Ahnung davon, wie Coming-of-Age-Kino aussehen könnte, das zu allen Seiten offen ist.




Herzstein
von Guðmundur Arnar Guðmundsson
IS/DK 2016, 129 Minuten, FSK 12,
isländische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Edition Salzgeber

Im September in der queerfilmnacht.

 

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